Schief und hoch, am schiefsten und höchsten

Spur durch Deutschland, Ulm, 7. Juli 2020. Wer schon im schiefsten Hotel der Welt schläft, soll auch deren höchsten Kirchturm besteigen. Es ist keine Legende: Vom Ulmer Münster sieht man tatsächlich die Alpen. Dann kommt Hugo.

Weiter geht’s für Touristen nicht mehr – auf der oberen Plattform des Ulmer Münsters
Ulm vermarktet sich gut. Neben schiefem Hotel und hohem Münsterturm schmückt sich die Stadt mit Albert Einstein, der die ersten Monate seines Lebens hier verbracht hat, und mit dem unglücklichen Flugpionier Berblinger. Till Eulenspiegel übrigens, der in vielen anderen deutschen Städten auch herumgegeistert ist, war ebenfalls hier. Einsteins Relativitätsformel «E = mc2» lockt in Schaufenstern und auf Kuchen, für den fliegenden Schneider Berblinger waren zu seinem 250. Geburtstag in diesem Jahr verschiedene Veranstaltungen geplant, die nun wahrscheinlich erst im kommenden stattfinden. Dann werden möglicherweise auch wieder mehr Touristen die Stadt besuchen, und die Betten in den Hotels dürften besser belegt sein.

Lix und ich frühstücken ganz allein auf der Laube des weltschiefsten Hotels, schauen den Forellen zu, die im Kanal nach Futter schnappen, junge Enten schwimmen über sie hinweg, und dann geht Lix auf den Bahnhof, fährt zurück nach Bern und ich bringe in einem Waschsalon meine Kleider in Ordnung. Wo immer man steht in dieser Stadt – es lockt einen der welthöchste Kirchenturm, und ich kann der Versuchung nicht widerstehen, hinaufzusteigen. Leider habe ich zu spät erfahren, dass es 560 Stufen bis zur obersten, öffentlichen Plattform sind, aber da bin ich schon unterwegs.

Unten spazieren Menschen über den Münsterplatz
Irgendwo lese ich, dass man bei klarem Wetter bis zu den Alpen sehe, was mir eher als Legende vorkommt, wie all jene Fernsichten während des Corona-Lockdowns, die sich angeblich geöffnet haben sollen, als der Verkehrs-Smog für ein paar Tage verschwunden war.

Zuerst erstaunt mich auf der Plattform, dass ich auch hier fast der einzige Tourist bin, und dann erkenne ich in der Ferne tatsächlich die Alpen als dunkle Erhebungen am Horizont. Sie erscheinen nicht als besonders mächtige Berge dort weit hinten, was vielleicht damit zu tun hat, dass der Kirchturm so hoch ist. Das ist natürlich ein Blödsinn, aber dennoch kommt mir in der Stadt, wo überall die E = mc2-Formel zu sehen ist, plötzlich alles relativ vor und zwar nicht nur theoretisch sondern auch praktisch, weil mir ein bisschen schwindlig geworden ist beim Abstieg über die enge Rundtreppe des Kirchturms.

So eine Art Ulmer Stil in dieser Stadt
Ich flüchte in die Ausstellung über den Fliegenden Schneider Berblinger, die man statt der geplanten 250-Jahr-Veranstaltungen den Gästen anbietet, aber da sieht man – wie es zu erwarten war – halt vor allem Fluggeräte und zwar vom primitiven Segler bis zum Satelliten. Nichts wie raus und ins Museum, dem der Publizist und Verleger Kurt Fried seine Sammlung Warhols, Rothkos, Jackson Pollocks, Keith Harings und weiterer moderner Künstler vermacht hat. Das Museum steht in der Nähe des Münster in Ulm «neuer Mitte», es ist dreizehn Jahre alt und sehr hell.

Die Menschen in der Stadt pflegen freundliche Umgangsformen, entschuldigen sich, wenn sie in einen hineinlaufen – nichts Gehetztes hier, nichts Aufgeregtes. Ich fühle mich wohl, mir gefällt zum Beispiel, wie in der Innenstadt neue Gebäude die Formen der alten Architektur aufnehmen, die spitzen, hohen Hausdächer, die fehlenden Vordächer – die neuen Bauten sehen aus wie die Kinder, die ihren Müttern und Grossmüttern ähneln.

Hugo Holm vor dem schiefsten Hotel der Welt
Um halb fünf treffe ich Hugo. Er ist mit dem Motorrad unterwegs, am Morgen in Birsfelden aufgebrochen, durch den Schwarzwald hierher gekurvt. Er wird eine kleine Tour durch Deutschland fahren, und beim Begrüssungstrunk im Restaurant Münz gibt der Wirt dem Neuankömmlung aus der Schweiz einen sehr grundsätzlichen Ratschlag zum Maskentragen: «Im dynamischen Bereich soll man Mundschutz tragen, im statischen ist er nicht mehr erforderlich.»

Ausgestattet mit solcherlei Wissen erkunden wir zu zweit das Fischerviertel, die Stadtmauer, andere Quartiere. Auch hier: die Häuser kommen irgendwie aus dem gleichen Stall, man merkt, dass es eine prägende Architektur gibt in dieser Stadt. Wir schlendern, schwatzen von Fuss-, Rad- und Töfftouren, vom Roxy in Birsfelden und dergleichen mehr. Wespen wollen teilhaben an unserem Abendessen, eine kühle Bise weht uns um die Ohren, wir brechen auf, holen eine warme Jacke im Hotel und suchen einen geschützten Ort für einen gepflegten Schlummertrunk.

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