Wenn die Kraniche nach Süden ziehen

Wenn die Kraniche nach Süden ziehen von Lisa Ridzén

Für Personen unter 60 Jahren ist diese Lektüre ungeeignet. Man muss sich schon mal mit dem Ende auseinandergesetzt haben. Obwohl die Autorin Lisa Ridzén den Roman «Wenn die Kraniche nach Süden ziehen» mit erst 36 Jahren veröffentlicht hat.

Seit Bosses Frau Frederika ins Pflegeheim gebracht worden ist, liegt er tagsüber auf der Küchenbank und nachts auch. Hier schläft und träumt und denkt er. Ein Bett braucht er nicht mehr. Der Hund Sixten streckt sich neben ihm aus, und Bosse krault ihn im Fell. Hinter den Ohren hat er es gern. Wenn Sixten mal muss, zieht Bosse die Stiefel an. Herr und Hund machen dann ein paar Schritte im Freien, manchmal bis zum Wald und ein Stück in den Wald hinein.

Zurück auf der Küchenbank kommen Bosse Erinnerungen und Geschichten in den Sinn aus dem ganzen langen Leben, und er richtet viele seiner Gedanken an seine Frau Frederika, die nun eben im Pflegeheim ist. Er sieht keinen Sinn darin, sie zu besuchen, obwohl sie sein Leben lang seine grosse und tiefe Liebe war, die vieles in seinem Alltag geregelt hat, was er selbst nicht so gut auf die Reihe gekriegt hätte. Aber besuchen mag er sie nicht. Nur wenn ihn Sohn Hans sozusagen zwingt, geht er mit. Der Besuch bringt nicht nur nichts, er beelendet ihn, denn die demente Frederika erkennt ihn nicht mehr.

Tyrannischer Vater, hübsche Frau

Die beiden haben ein genügsames Leben geführt, er als Sägereiarbeiter, sie im Haushalt, engagiert in der Erziehung ihres Sohnes, bescheiden gewiss, aber wenn der 89-Jährige so über das Leben nachdenkt, hat ihnen wenig gefehlt. Wie das Frederika sah, erfährt man nicht, aber Bosses Erinnerungen zeigen – mit Ausnahme seiner Kindheit unter der Fuchtel eines tyrannischen Vaters – wenig Schatten, und er kann es noch im hohen Alter nicht ganz begreifen, wieso eine so hübsche Frau wie Frederika sich mit ihm auf die Ehe eingelassen hat.

Trotzdem ist er nun manchmal wütend, wenn er auf der Küchenbank räsoniert. Wütend auf den Sohn, obwohl der ihm den Kühlschrank mindestens einmal pro Woche mit Lebensmitteln füllt, ihn besucht und nur das Beste will für seinen Vater. Manchmal auch auf die Menschen vom Pflegedienst, die ihm Essen bereitstellen, ihn pflichtschuldigst duschen oder auch mal die Windeln wechseln, wenn er eingenässt hat. Das geschieht nicht oft, aber manchmal schon. Und wenn er dann mal keine Windeln getragen hat und einnässt, geht er ins Badezimmer und wechselt die Kleider selbst.

Das Beste – eine Frage der Perspektive

Es gibt manchmal schon Gründe zornig zu werden zu werden. Alle, die für ihn so hartnäckig das Beste wollen, sehen nicht ein, dass das Beste oft nur eine Frage der Perspektive ist. Er kann sowas schlecht in Worte fassen, wenn er wütend ist, die Sprache lässt ihn dann im Stich, und so tun ihm alle das Beste an. Dazu gehört eben auch, dass man Sixten, den Hund, fremdplatzieren möchte.

Am 18. Mai beginnen Bosses Aufzeichnungen, am 13. Oktober hören sie auf. Die Angst, dass die Gutmeinenden ihm Sixten wegnehmen, treibt Bosse um. Er setzt seine Hoffnung auf Ellinor, die Enkelin. Sie studiert in der Fremde und wir ihn bald besuchen. Er wartet. Vertreibt sich die Zeit mit Träumen, Tagträumen, Erinnern, telefoniert manchmal mit Ture, seinem fast gleichaltrigen ehemaligen Vorgesetzten und Freund aus der Sägerei, den Frederika nie richtig hat leiden mögen.

Das Warten und Bangen auf das und jenes zieht sich hin, es hat kein Ende, das Ereignislose ist schmerzhaft und auch für die Leserin und den Leser fast unerträglich. Man will das Buch zuklappen, doch die Spannung auf kommende Wendungen lässt sowas nicht zu. Der Zerfall von Bosses altem Körpers ist bedrückend, aber dann richtet die plötzliche Leichtigkeit der Gedanken und der Sprache wieder auf. Das Lesen wird bedrückend schön. Wie manchmal unerwartetes Abendrot am Ende eines trüben Tages schimmern Humor und Heiterkeit auf.

Die Schwedin Lisa Ridzen – Jahrgang 1988 – hat im Nachlass ihres verstorbenen Grossvaters die Notizen seines Pflegeteams gefunden und einen Roman über das Ende eines ganz gewöhnlichen Lebens geschrieben. Es ist bemerkenswert, wie eine Frau Mitte dreissig sich derart empathisch in die Welt eines sich verabschiedenden Menschen einfühlen kann und dies in einer packenden Erzählkunst ohne Pathos und Kitsch. Für Jugendliche ist es wohl ungeeignet, aber wer so viel Lebenserfahrung hat, dass er weiss, was es bedeutet, wenn die Kraniche (die Vögel des Glücks und der Wachsamkeit) sich zum Aufbruch für den Flug in den Süden rüsten, liest das Buch mit grossem Gewinn.

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