Grenzenlos

Über den Wolken müsse die Freiheit grenzenlos sein, hat ein deutscher Barde vor fünfzig Jahren gesungen und damit die Herzen melancholischer Hausfrauen erwärmt, die von der Ferne und vielleicht auch vom Fliegen träumten. Manchmal strahlt das Radio den Oldie noch aus.

Zwischen drei- und viereinhalbtausend Flugzeuge kreisen über Europa

Das Lied von der grenzenlosen Freiheit passt gar nicht in den Sommer 2026. Wolken gibt’s fast keine mehr. Seit anfangs Juni ist das so. Tag für Tag tut sich der Himmel weit und blau vor uns auf. Vom Sonnenauf- bis zu ihrem Niedergang.

Keine Wolken mehr, die der grenzenlosen Freiheit im Wege stehen. Liege ich morgens um sieben noch eine Weile im Bett, schaue durchs offene Fenster in den blauen Himmel, dann sehe ich über den Dächern der Stadt ein Flugzeug nach dem anderen ins Grenzenlose steigen. Verwegen sieht das aus, wie die Maschinen die Nase in den Himmel recken, sich in die Höhe hieven, nach links abdrehen oder nach rechts, nach Osten und Westen, auch in den Norden und vor allem nach Süden.

Ich greife zum Handy, klicke auf den «Flightradar 24» und sehe, wo die grenzenlose Freiheit hinführt – nach Porto, Cagliari, Istanbul, Thessaloniki, Lamezia, Enfidha, Oran, Bukarest, Tuzla, Heraklion …  So kurz nach dem Start ist die Freiheit der Menschen dort oben zwar noch etwas eingeschränkt, sie sind alle an die Sitze gefesselt, auch die Beinfreiheit ist begrenzt – Djerba, Palma, Cagliari, Nice, Palma, Hurghada, Algier, Palma …

Es wird eng

Wenn ich ein bisschen scrolle auf dem «Flightradar 24» sehe ich all die Flugzeuge, die grad unterwegs sind. Über Europa wird es eng. Zwischen 3000 und 4500 Flugzeuge sollen tagsüber zu jedem beliebigem Zeitpunkt in der Luft sein, schreibt das Nachrichtenportal aero Telegraph. Eine halbe Million Menschen sitzen drin. Zwischen zehn und zwanzig volle Fussballstadien sind ständig in der Luft und fliegen nach Gran Canaria, London Gatwick, Santiago, Mahon, Zagreb, Pristina, Nice, Chisinau …

Wenn die da oben aus der luftigen Freiheit heruntergekommen und wieder am Boden sind, dürften die nächsten zehn bis zwanzig vollen Fussballstadien schon hochgestiegen sein, und die übernächsten vollen Stadien begeben sich langsam zum Check-in, die nächstfolgenden packen zuhause Sonnencrème und Badetücher in die Koffer und so zieht der Sog der sorgenlosen Freiheit über den Wolken Mann und Frau und Kinder und auch Leute, die nie in Stadien gehen, in die Luft und zurück auf den Boden irgendwo, wo sie nun fremde Strände oder Seen oder Berge oder trendige Stadtquartiere suchen in – naja, zum Beispiel in Palma de Mallorca.

Ach, Freiheit, wo bist du denn?

In Palma de Mallorca treffen sie dann auf Leute, die trommelnd und Parolen rufend und pfeifend durch die Strassen ziehen, Transparente hochhalten und die Polizei in Alarmbereitschaft versetzen. Es sind friedliche Leute, die durch die sich ausbreitende Freiheit der Ankömmlinge ihre eigene in Bedrängnis sehen, denn alle drei Minuten landet eines dieser Flugzeuge aus irgendwo, und es entsteigen ihnen Fremde, die Platz und Freiheit in Häusern, Restaurants, Strassen, Plätzen, an Stränden, in Wäldern und überhaupt überall beanspruchen.

So ist das, wenn Freiheiten auf Freiheiten prallen. In Palma ist das so, in Venedig ist das so, in Barcelona … Und über den Wolken, die es nun gar nicht mehr gibt, scheint nur noch etwas grenzenlos zu sein: Der Flugverkehr, der wächst und wächst und wächst, schon weit vor dem Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang und grenzenlos auch danach.

 

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