Obwohl Dodo sein Amt missbraucht hatte, durfte er Posthalter bleiben. Die Leute im Dorf zogen es vor, mit kleinen Ganoven statt mit einem Sozialfall zusammenzuleben.

Wie der Posthalter zu seinem Rufnamen kam, wusste niemand. Manche sagten, man habe ihn schon vor dem Schulalter so gerufen. Er war ein eher fauler, dicklicher und unauffällig unbegabter oder – wenn man so will – begabter Schüler, durchlief alle Klassen, machte ein Lehre bei der Post und bewarb sich mit Erfolg um die Stelle des Posthalters im Dorf, als der Vorgänger sich in den Ruhestand begab.
Dodo kannte – bis auf wenige Ausnahmen – alle Menschen im Dorf und verteilte Postkarten, Briefe, Pakte und Altersrenten aufs Zuverlässigste. Im Unterschied zu Posthaltern der umliegenden Dörfer trug er nie die steife Postmütze, die dunklen Post-Hosen und den dazu passenden Kittel aber schon. Ein Haarkranz mit einem Durcheinander aus wild abstehenden Borsten und Locken umgab seinen Kopf und seine Glatze. Einzig bei Regen, wenn alle Haare an Schläfe und Hinterkopf klebten, stellte sich eine gewisse Ordnung ein. Das fahle Blond verlieh Dodo eine gewisse Zeitlosigkeit. Dazu trug auch sein schleppender Gang bei. Mit dreissig schritt er schon wie ein Sechzigjähriger von Haustür zu Haustür. Mit fünfzig schritt er immer noch so.
Spät fand er die Frau des Lebens. Ida. Sie betrachtete die Welt durch dicke Brillengläser. Dick wie Briefmarkenlupen. Ida war gut gebaut, denn als Töchterchen Renate zur Welt kam, staunten die Leute im Dorf. Man hatte sie gar nie schwanger gesehen. Das war auch bei Alfons so, dem Sohn. Idas Schwangerschaft war, von aussen her betrachtet, nicht erkennbar gewesen.
Gute Ida
Die Leute im Dorf hatten Ida sehr gern. War jemand bettlägerig, schaute Ida vorbei, half, putzte, löffelte Brei ein. Kamen unerwartet viele Gäste in den Gasthof, rief der Wirt nach Ida. War die Kirschenernte da, stieg Ida auf die Leitern. Erreichte spät abends ein Expressbrief aus der Zentrale die Poststelle, brachte ihn Ida auf abgelegene Weiler, weil Dodo nicht abkömmlich war, da er bei einem Glas Wein Abrechnungen machte. Alles hatte seine Ordnung. Man mochte Dodo, weil er viel zu erzählen hatte, denn er las die Postkarten vor dem Verteilen und hörte, was die Leute in der öffentlichen Telefonzelle im Postgebäude verhandelten. Ida hatte man gern. Sehr gern.
Das Dorf wuchs, die Kundschaft auf der Post ebenfalls, die Abrechnungen wurden schwieriger, nahmen Dodos ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Eigentlich wäre es an der Zeit gewesen, eine zweite Kraft einzustellen, doch Dodo wehrte sich bei den Vorgesetzten in der Zentrale gegen eine Aufstockung. Längst hatte er Ida in die Geheimnisse des Postwesens eingeweiht, und auch wenn sie nie eine entsprechende Ausbildung genossen hatte, so regelte sie die Tätigkeit hinter dem Schalter, als gäb’s nichts Einfacheres auf der Welt. Sie rechnete Beträge in Windeseile aufs Komma genau zusammen und den Stempel drückte sie trotz dicker Brille mit Präzision auf die Briefe, während Dodo ganz hinten im Büro bei einem – wie gesagt – Glas Roten die grossen Geschäfte regelte.
Das mit dem Alkohol wurde dann aber schon ein bisschen zum Problem. Besonders an kalten Wintertagen, wenn er den älteren Leuten im Dorf die Rente brachte und diese zum Dank und als Mittelchen gegen die Kälte unter der Haustür ein Schnäpschen ausschenkten. Da konnte bei Dodo die Übersicht bei den komplizierten Abrechnungen schon mal ins Schwammige geraten. Und es kam dann in der Folge schon mal vor, dass ein Dorfbewohner das Postbüro aufsuchte und mit einer Zahlungserinnerung fuchtelte, obwohl er die besagte Rechnung doch hier an diesem Schalter einbezahlt hatte. Meist belegten diese Leute ihre Beschwerden mit einer abgestempelten Quittung. Aber eigentlich gelang es Dodo dann nach längerem Stöbern in den Unterlagen immer, den Fehler zu finden. Er entschuldigte sich fürs Versehen und versprach, die Sache zu regeln.
Doch eines Tages – auf den Feldern blühten Narzissen – blieb die Post geschlossen. Zwei dunkelgraue Limousinen aus der Stadt parkten vor dem Gebäude, und Leute sagten, es seien vier Männer ausgestiegen und den ganzen Tag über in der Post geblieben. Anderntags nahmen Dodo und auch Ida den Betrieb wieder auf. Doch sie wirkten bedrückt. Dodo blieb wortkarg, Ida noch wortkarger als üblich.
Der Betrug
Jemand sagte, es habe eine Stichproben-Inspektion stattgefunden auf der Post. Dann vermutete einer, es habe Ungereimtheiten gegeben. Es fehle Geld. Dodo habe es abgezweigt. Aber warum? Er hat doch einen schönen Lohn. Monat für Monat, Regelmässig. Und Ida werde wohl auch entschädigt. Die arme Ida. Was hat Dodo angestellt? Genaues wusste niemand.
Dann kam ein Brief an alle Haushalte. Dodo selbst hatte die Briefe verteilen müssen. Im Brief forderte die Postverwaltung alle Angeschriebenen auf, ihr gelbes Einzahlungsheft an die Zentrale einzuschicken. Dem Brief war ein Retourcouvert beigelegt, in welches das gelbe Büchlein, in dem ordentliche Haushalte alle quittierten Bestätigungen für einbezahlte Rechnungen und Beträge aufbewahrten, zu stecken sei.
Jetzt machte ein Gerücht die Runde, das wahrscheinlich kein Gerücht, sondern die reine Tatsache war: Dodo hatte über Monate, wenn nicht Jahre hinweg einbezahlte Spenden für irgendwelche Organisationen nicht nur zurückbehalten, sondern in die eigene Tasche fliessen lassen. Dort versickerte das Geld, ohne dass es jemand vermisste, denn die Spendenempfänger ahnen normalerweise nicht, wer ihnen Geld schickt.
Dodos mutmassliche Betrügerei empörte die Leute im Dorf. Wozu braucht er das Geld? Hat er es versoffen? Was sonst? Und jetzt? Ein Sauhund, so einer! Zweigt Spendengelder in den eigenen Sack ab. Dem traut niemand mehr. Die Post kann er vergessen. Selbst schuld. Kann nun betteln gehen. Oder auswandern. Sozialhilfe. Und Ida? Was geschieht nun mit Ida? Und was mit Renate? Mit Alfons? Die können nichts dafür. Dass sie einen solchen Vater haben. Eine Schande. Ida tut einem leid. Die hat immer geholfen. Allen hat sie geholfen. Oft zu Gottes Lohn. Was kann die dafür? Nichts! So ein Mann. Eine Schande. Ida … Was mit Ida?
Die Leute sagten: Was mit Ida geschieht, ist den feinen Leuten auf der Chefetage der Postverwaltung natürlich egal. Auf so persönliche Schicksale gehen die nicht ein. Die kümmern sich um nackte Zahlen, beziehen ein gutes Salär, aber für Ida finden die keine Lösung. Und die hat doch jetzt auch immer auf der Post gearbeitet. Die arroganten Herren in ihren feinen Anzügen wissen nicht, was es heisst, so plötzlich ohne Lohn und Arbeit dazustehen. Die drücken nie ein Auge zu. Menschen sind denen egal.
Es geschah etwas Seltsames. Die Leute schickten die gelben Büchlein nicht ein. Ein paar wenige vielleicht schon. Aber das Dorf boykottierte den Aufruf. Einzelne Herren von der Verwaltung sollen sogar von Haustüre zu Haustüre gezogen sein, um das Büchlein einzufordern. Aber man habe sie weggewiesen und behauptet, man habe es verloren. Letzteres ist vielleicht Legende. Aber der Boykott hat stattgefunden.
Dodo blieb bis zur Rente Posthalter, Ida hinter dem Schalter. Es habe gewisse Auflage gegeben, sagt man. Und häufig Stichproben-Kontrollen. Renate und Alfons machten in der Stadt eine Lehre und blieben dort. Ida sieht immer schlechter. Fast gar nichts mehr. Nur noch hell und dunkel.