Aus ganz seltenem Holz geformt

Wo Alphorn, da Schweiz. Ganz falsch. Das war früher nicht so – und ist es heute auch nicht. Alphornmacher Tobias Bärtschi kennt nicht nur die Geschichte dieses Instruments. Er baut es auch und zwar mit Klangholz.

Alphorn 4Tobias Bärtschi testet ein Alphorn

Manch einer, der Bilder von einem Eidgenössischen Jodlerfest betrachtet, würde locker behaupten, etwas Schweizerischeres als Fahnenschwingen, Jodeln und Alphörner gebe es kaum. «So kann man sich, was das Alphorn betrifft, eben täuschen», sagt Tobias Bärtschi, der in seinem kleinen Atelier im luzernischen Kriens Monat für Monat jeweils zwei bis drei Alphörner in Handarbeit baut und selbst auch spielt. Vermutlich komme es aus Asien, erzählt er, und in Europa sei es seit Jahrhunderten im Osten verbreitet, in der Slowakei, in Tschechien, in den ganzen Karpathen.

Dann überrascht er mit einer weiteren Weisheit. Das Alphorn, so schiebt er nach, sei der Vorläufer des Telefons. Aha? Bärtschi wird etwas differenzierter: «Es war ursprünglich ein Signalinstrument, genauer: ein Schreck- und Treibinstrument. Hirten nutzten es, um sich Botschaften über grosse Strecken weiterzugeben, um sich gegenseitig vor Gefahren zu warnen oder um den Standort des Viehs anzugeben.» Auf dem Gebiet der Schweiz ist ein gekrümmtes Horn bereits im 2. Jahrhundert auf einem römischen Mosaik in der Westschweiz nachgewiesen, und die Bezeichnung «Alphorn» taucht um 1527 erstmals auf. 1555 erwähnt der Naturgelehrte Conrad Gesner, das «lituus Alpinus» sei 3,30 Meter lang. Dieses Mass gilt noch heute.

Der 58-jährige Bärtschi kennt sich aus in der Geschichte des Alphorns. Aber nicht nur das. Vor allem nämlich weiss er Bescheid über die Geheimnisse, die dieses Instrument zu etwas Einzigartigem machen, die ihm besonders reine und schöne Töne entlocken. Bärtschi gilt bei Kennern deshalb als Geheimtipp und wer eins von seinen Hörnern erstehen will, muss sich auf einer Warteliste eintragen.

Das Mysterium der Haselfichte

Es beginnt mit dem Material, aus dem das Alphorn gefertigt wird. «Es ist sehr schwierig geworden, sich das richtige Holz zu besorgen», sagt er. Für seine Alphörner kommt nur Klangholz in Frage, das Holz der Berghaselfichte, aus dem übrigens auch der legendäre Geigenbauer Stradivari im 17. Jahrhundert einen Teil seiner Instrumente gebaut haben soll. «Ein Laie erkennt diesen Baum nicht und selbst unter den Förstern gibt es nur wenige, die ihn von einer normalen Fichte unterscheiden können.» Bärtschi hat Glück. Er kennt einen Sager im Melchthal, der ihm hin und wieder telefoniere, wenn er einen Stamm dieser seltenen Baumart entdeckt habe. Wirklich sicher, dass es sich um eine Haselfichte handle, sei man erst, wenn sie entrindet ist.

Alphorn 2Worin das Geheimnis dieses seltenen Holzes liegt, das am ehesten in Bergwäldern über 1300 Metern wächst, weiss Bärtschi auch nicht so genau. Er sagt, man gehe davon aus, dass die engen, gleichmässigen Jahrringe die idealen Schwingungen ermöglichen. In seinem Atelier stehen einige unscheinbare Rohlinge aus diesem wertvollen, mindestens sechs Jahre lang gelagerten Holz bereit. Aus ihnen sägt er zuerst grob die verschiedenen Bestandteile eines neuen Alphorns heraus, schneidet und fräst das Material dann in die richtige Form. Mit immer feineren Maschinen und Werkzeugen bearbeitet er die verschiedenen Teile und leimt zwei jeweils passende Hälften zusammen – zum «Becher», zum «Becherrohr», «Mittelrohr» und «Handrohr».

Nun beginnt die Feinarbeit: das Schleifen, das Aufsetzen der Ringe, um das Horn zu stabilisieren. Besonders das Schleifen hält Bärtschi für einen entscheidenden Akt, um die Qualität des Alphorns zu perfektionieren. «Ich muss immer mit gleichmässigem Druck schleifen, sollte eigentlich nie absetzen, ich muss innerlich ganz ruhig sein, denn Nervosität überträgt sich aufs Instrument.» Bärtschi sieht, wie ihn der Besucher fassungslos anstarrt und sagt: «Nein, ich bin im Fall kein Esoteriker; ich rede aus Erfahrung.» Wie ein Esoteriker wirkt Bärtschi tatsächlich nicht, wie er da in seinen Adiletten in seinem Atelier herumwirbelt und Anekdoten und Wissenswertes bunt durcheinander kundtut und so unter anderem auch den Unterschied zwischen Berner und Innerschweizer Alphörnern erklärt. Die Innerschweizer Hörner seien schmaler und «enger mensuriert» und hätten deshalb auch den feineren Klang als die «breiteren Berner». Den gleichen Unterschied sehe man ja auch bei den Möbeln. Jene der Berner seien viel massiger als die der Innerschweizer.

Alphorn statt Möbel

Dies kann er sehr wohl beurteilen, denn er ist gelernter Kunstschreiner. Als solcher hat er Möbel in ganz Europa restauriert – wertvolle, einzigartige Möbelstücke meistens von reichen Leuten. Das Umfeld, in dem er sich da bewegen musste, war nicht das seine – besonders jenes der Neureichen nicht. Umso geborgener fühlte er sich in der Welt der Musik. Bärtschi spielt Posaune, jahrelang in einer Big Band, zeitweise verdiente er sich so seinen Lebensunterhalt. Und dort fragte ihn ein Kollege, ein Hornist, ob er sich zutraue, ihm ein Alphorn zu bauen. Bärtschi machte sich an die Arbeit, baute sich zuerst einen Prototyp und fand so zu seiner Berufung.

Er hat sein Metier ständig verfeinert, tüftelt im Moment zum Beispiel daran herum, wie er die Büchsen – das sind die Verbindungsteile zwischen den einzelnen Rohren – ohne Metall bauen kann. Gleichzeitig arbeitet sein Kollege Johannes Bigler an der Optimierung des Mundstücks. Bigler ist Berufsmusiker, hatte aber einen Gehörsturz und macht jetzt ein Praktikum in der Alphornwerkstatt. «Die Bedeutung des Mundstücks wurde lange Zeit unterschätzt», sagt Bärtschi, «dabei ist es vergleichbar mit dem Vorverstärker einer Stereoanlage.»

Was seine Alphörner besonders auszeichnet, sind die Intarsien, mit denen er sie schmückt. Hier kommt der Kunstschreiner zum Zug. Stolz zeigt er auf seinem persönlichen Alphorn das Bild mit Kriens und dem mächtigen Pilatus im Hintergrund. Gekonnt spielt er mit den Farben verschiedener Holzarten, setzt Perlmutt ein und zeichnet ein filigranes Kunstwerk seiner engeren Heimat.

Berlin, New York, Tokio

Die Nachfrage nach seinen Produkten ist gross. «Das Alphorn erlebt zur Zeit ein richtiges Revival», sagt Johannes Bigler. Nicht nur in der Schweizer Volksmusikszene, auch in anderen Musikgenres geniesst dieses urtümliche Instrument hohes Ansehen, beim Jazz, in der klassischen Musik. Und vor allem auch im Ausland. Zu einem Zentrum sei Berlin geworden, ein anderes sei New York und grosse Begeisterung herrsche in Japan. Aus der ganzen Welt reisen Interessierte heran, Journalisten interviewen Bärtschi, Fernsehcrews filmen in seiner Werkstatt. Kürzlich hat eine dreissigköpfige Frauengruppe aus Tokio sein Atelier heimgesucht, um sich die Feinheiten der Baukunst zeigen zu lassen. In Japan sei es Brauch, dass eine Alphornbläserin zuerst einmal ihr eigenes Horn bauen müsse, erzählt Bärtschi.

Alphorn 2Der gegenwärtige Boom sorgt denn auch dafür, dass es in der Schweiz gegen dreissig Alphornmacher gibt, wie ein Blick auf die Website www.alphornmusik.ch (unter «Links») zeigt. Nicht alle produzieren die Instrumente in ausschliesslicher Handarbeit wie Tobias Bärtschi. Einige fertigen sie in grösserer Anzahl mit computergesteuerten Werkbänken an. Doch auch diese kosten rund 3000 Franken wie jene aus dem Krienser Atelier. Bärtschi weiss auch warum: «Die sind so teuer wie meine, weil diese teuren Werkbänke, die gegen eine halbe Million kosten, halt amortisiert werden müssen.»

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