Der ganz grosse Röhrenschwindel

Die ganze Schweiz – ob auf deutsch, französisch oder italienisch – spricht von der zweiten Gotthardröhre, über die wir nun abstimmen. So ein Unsinn: Die zweite ist längst gebaut. Jetzt geht es um die fünfte.

RoehreSäumerkolonne am Gotthard um 1790. Stich von Wilhelm Rothe – mit Röhren allerdings

Erst dachte ich, Freund Richard sei etwas lang im Stau gestanden, als er mir aufgeregt erzählte, er sei dem fiesesten PR-Trick der Bau- und Autolobby auf die Schliche gekommen. Und zwar, als er grad eben durch den Gotthard gefahren sei. Nämlich: «Wieso reden alle – sogar die Gegner – von der zweiten Gotthardröhre? Es geht um die fünfte.»

Richard hat recht: Die erste Röhre, der Bahn-Scheiteltunnel, ist 1882 dem Betrieb übergeben worden. Sie wurde gut instandgehalten und immer wieder saniert in den vergangenen 134 Jahren, ohne dass je von dramatischen Unterbrüchen des so wichtigen Bahnverkehrs zwischen Nord und Süd, zwischen den Deutschschweizern und ihren geliebten Compatrioti, die Rede gewesen wäre.

Die zweite Röhre, nur für Autos, eröffnete Bundesrat Hürlimann 1980 mit dem Versprechen, dass sie nicht vom Lastwagenverkehr verstopft werden soll. Obwohl bautechnisch doch wohl erheblich moderner konzipiert als der Bahntunnel, ist der Zustand der zweiten Röhre schon nach 36 Jahren so dramatisch schlecht, dass sie angeblich nur mit einer dreijährigen Totalsperre richtig geflickt werden kann. Das soll zu einer grauenhaften Belastung für die Beziehung zwischen Deutschschweizer Kürbissen und Compatrioti Ticinesi führen. Heisst es. Darum soll eine neue Röhre gebaut werden, damit auch während der Totalsperre durchgefahren werden kann.

Die dritte, die vierte

Nun zur dritten Röhre: Sie führt von Erstfeld nach Biasca, ist eine der längsten der Welt und wird in diesem Sommer eröffnet. Wir haben dieser Neat-Röhre unter anderem zugestimmt, weil sie dafür geplant war, Lastwagen von Nord nach Süd zu bringen. Auf der rollenden Landstrasse.

Die vierte Röhre führt von Biasca nach Erstfeld und dient dem gleichen Zweck wie die dritte mit dem Unterschied, dass hier alles von Süd nach Nord geht.

Die dritte und vierte brauchen wir noch gar nicht. Die beiden werden unheimlich viel Verkehr transportieren können – sowohl Eisenbahnzüge als auch Lastwagen und Personenautos. Wie man mit dem Autos schnell und rassig und auch noch bequem durch einen Eisenbahntunnel von Nord nach Süd und umgekehrt fahren kann, probiert man doch am besten Mal zwischen Kandersteg und Goppenstein aus. Geht problemlos.

Wieso wir nun eine fünfte Röhre durch den Gotthard bauen sollen, obwohl die dritte und vierte noch gar nicht in Betrieb sind, ist nicht nachvollziehbar. Und wieso die fünfte dann, wenn die zweite saniert ist, nur noch einspurig befahren werden darf, ist unlogisch. Solche Versprechen taugen so wenig wie jenes von Bundesrat Hürlimann 1980 wegen Lastwagenverkehr und jenes von Bundesrat Ogi in den 90er Jahren, man baue die beiden Neat-Röhren auch für die Rollende Landstrasse.

Auf den Leim gekrochen

Irgendwie haben wir den Überblick über die vielen Gotthardröhren verloren. Wir mögen sie gar nicht mehr zählen. Darum sprechen die Befürworter eines weiteren Durchstichs der Einfachheit halber von der «zweiten» Röhre. Dummerweise sind ihnen die Gegner auf den Leim gekrochen und reden auch von der «zweiten» Röhre, die sie bekämpfen.

Doch in Wirklichkeit bekämpfen sie die fünfte Röhre, die vor allem der Bauwirtschaft nützt, den Betongiganten und den Kieswerkbesitzern im Urnerland und im Tessin. In zweiter Linie natürlich den Touristen aus Deutschland, Holland, Belgien und so, die an Ostern und im Sommer von Norden nach Süden und nachher wieder zurück fahren. Nichts gegen unsere europäischen Freunde. Aber warum wir Milliarden von Franken in die fünfte Gotthardröhre pumpen sollen, um ihnen zwei Mal im Jahr den Stau zu ersparen, leuchtet nicht ein. Eigentlich könnten wir dieses Geld einsetzen, um die Staus zu bekämpfen, die uns Einheimische jeden Morgen und Abend plagen.

Das würde der Freundschaft zwischen Deutschschweiz und Tessin keinen Abbruch tun. Im Gegenteil: Wir können uns viel entspannter auf die Begegnungen freuen, wenn wir stressfrei durch die Röhren getragen werden – bald schon satellitengesteuert auf die Verladewagen gelotst, statt im Stau verhärmt.

Ach, die Spinner

Und überhaupt: Selbstfahrende, satellitengesteuerte Autos werden Staus künftig ohnehin wirksamer bekämpfen als neue Strassen, Brücken und Tunnels. Viele halten diese Prognosen zwar für utopistisches Geschwafel. So wie man in den 90er Jahren die Leute für Spinner hielt, die voraussagten, das Internet werde den Zeitungen das Wasser abgraben. Damals haben viele Zeitungsverleger den Internet-Prognosen zum Trotz Millionen in neue Druckmaschinen investiert. Heute stehen diese zum grossen Teil bereits wieder still oder sind sogar abgebaut. Kaum auszumalen, wenn dereinst eine der fünf Röhren, die heute noch gar nicht in Betrieb sind, überflüssig wäre.

4 Gedanken zu „Der ganz grosse Röhrenschwindel

  1. Herzlichen Dank all jenen die bei dieser Abstimmung auch mal ein bisschen an die leidtragenden Urner und Obertessiner denken und GEGEN diese Röhre abstimmen!

  2. Wenn die Wähler an die Urner und Tessiner denken sollen , ab und zu auch an sich selbst, dann sollten sie für die Röhre stimmen. Was glauben die Nichtbefürworter eigentlich, wieviel Züge nur in Verlad durch die Gotthardtunnel kann? Man plant mit dem derzeitigen Zugverkehr im Minutentakt. Was soll in der Ferienzeit da werden? Wer nicht für die Röhre stimmt, bleibt im Gestern und ändert nichts. Lasst die Lkw mit der Neat fahren und baut einen sicheren zweiten Weg.Eure Kinder werden es euch danken. Vorschlag: Baut im Norden und Süden je eine richtige Mautstation und nehmt 5 Franken pro Transitreisenden. Niemand wird eine andere Route wählen, wenn er ohne Angst und Bedenken die 17km durchqueren kann.

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