Wildwestwolke: Die beschwerliche Suche nach dem Namen

(…………… Es ist doch schon eine ganze Weile her, seit da zum letzten Mal Auszüge aus der «Wildwestwolke» standen. Eigentlich wollte ich ja niemanden mehr in die Werkstatt reinlassen – aber bitte sehr! Es gelten alle Einschränkungen bezüglich Parallelen mit einer angeblichen Realität wie bisher. Die Absurdität solcher Vergleiche wird ja wohl mit den folgenden Ausschnitten aus Kapitel 8 noch deutlicher. ……………)

Der Vorschlag kam überraschenderweise von Arno Fliesser, dem Verwaltungsratspräsidenten: «Vielleicht sollten wir uns einfach mal volllaufen lassen, bevor wir brainstormen.» Wir suchten nach dem Namen für unsere Zeitung (…………………………….) Das Projekt hatte immer noch keinen. Das heisst: Es hatte schon einen, aber der war wirklich nur fürs Projekt – er tönte wie ein Rülpser und war nie von Belang. Arno Fliesser, ein sehr nüchterner und behutsamer Mann, der sich jeweils schon nach dem ersten Bier – wenn er sich denn überhaupt einmal dazu überreden liess, eines zu trinken – aus der Runde verabschiedete, musste sehr verzweifelt sein, dass er sich vom Rausch Hilfe versprach.

Andi Nacht leuchtete Fliessers Vorschlag sofort ein. «Jäääääähhhhhhh,» krächzte er aus dem Gebüsch hervor, «das ist mal eine gute Idee. Ich glaube, ich fühle mich da berufen, einen Schritt in die Richtung des Vorschlags unseres Verwaltungsratspräsidenten zu tun.» Andi Nacht hatte an diesem Taskforce-Meeting bisher wenig zur Namensgebung der neuen Zeitung beitragen können, da er am Abend vorher die Leute vom rootsstudio mit ihren Rollköfferchen empfangen hatte, um mit ihnen ein paar weiterführende Details unseres Content Management Systems zu klären. (……………………………………………………………….)

Die Arbeit mit den Roots-Leuten hatte Andi Nachts intellektuelle und physische Kondition derart in Mitleidenschaft gezogen, dass er am Taskforce-Meeting nach seinem kurzen Statement über die Entwicklungsarbeit am CMS sich im Stuhl zurückgelehnt und seine hageren Beine eng übereinandergeschlagen hatte. Wir hielten das Meeting ausnahmsweise in Zampaninis Garten ab, im Schatten des Gemäuers einer alten Druckerei, in der nun exquisite Lofts entstanden waren. So hatte es denn auch niemand gestört, dass sich Andi Nacht einen Aschenbecher auf dem Oberschenkel platzierte und sich mit Nikotin wach zu halten bemühte. Seine Augenlider drückten schwer, der Blick war glasig und unser Geschwätz tat seinen Ohren weh – im Fünf-Minuten-Takt rückte er seinen Stuhl weiter nach hinten. Ins Gebüsch hinein.

Wir hatten ihn fast ein bisschen vergessen und deshalb erschreckte uns sein kehliges «Jäääääähhhhhhh…» derart, dass wir – vertieft in unser Brainstorming – gar nicht richtig realisierten, was er in seiner gedrechselten Ehrerbietung an den Verwaltungsratspräsidenten Fliesser hatte mitteilen wollen. Hunderte von Ideen, von Namen hatten wir in die Runde geworfen, sie erörtert, ihre Vor- und Nachteile erwogen, für bedenkenswert befunden, abgelehnt, neu ins Spiel gebracht, mit ihnen gespielt, ernsthaft, humorvoll (…………………………….) Allmählich plagte uns der Zeitdruck, denn die Designer drängten auf brauchbare Vorschläge, um den Zeitungskopf zu entwerfen. Und in dieser Stimmung erwischte uns Andi Nachts Lebenszeichen irgendwie auf dem falschen Fuss. Er blickte in unsere ratlosen Gesichter, hievte sich aus dem Stuhl und schlenkerte zum Gartentor hinaus.

«Der holt jetzt tatsächlich Alkohol», sagte Rico Wind.

Auf dem Tisch verstreut lagen all die Blätter mit den Hunderten von Namen, die uns eingefallen waren. Das endlose Suchen hatte immerhin den Vorteil, dass jegliche Schamgrenzen gefallen waren. Es genierte sich schon längst keiner mehr, den ausgefallensten Blödsinn in die Runde zu werfen (…………………………………..)

Zweimal hatten wir einen ausgewiesenen Texter aus einer renommierten Werbeagentur eingeladen, der uns unterstützen sollte, und wir hatten ihn auch angemessen honoriert. Er trug rotweisse Sneakers, Jeans, ein weisses Hemd, das er sommerlich lässig über dem Hosenbund flattern liess. Er war ein guter Texter, was er auch dadurch unter Beweis stellte, dass er textete und kaum sprach. Er setzte – während wir redeten – unablässig Buchstaben zu Wörtern zusammen, durchstrich sie, langte auch manchmal nach einem unserer Blätter, las die daraufgeschriebenen Wörter sorgfältig durch. Er sagte uns, was keinesfalls ginge und machte auch eine Liste von unbrauchbaren Namen. Auf diese Liste setzte er alle Wörter, die er auf unseren Blättern fand.

Der Texter hatte uns nach der ersten Session zugesichert, dass er uns vor dem kommenden Treffen seine Überlegungen zukommen lassen würde und hatte uns gebeten, auch von unserer Seite her bis zu diesem Termin nochmals der Kreativität die Ehre zu erweisen und in allen möglichen Alltagssituationen alle möglichen Vorschläge zu notieren. Wir sollten im Bus, beim Einkaufen, beim Rasieren, bei Gesprächen mit Freunden, in allen möglichen Momenten, sogar beim Sex, immer einen «Tab» im Gehirn geöffnet haben, in den wir unsere Ideen ablegten. Er schickte uns dann kurz vor dem nächsten Brainstorming eine Mail, in der er ein gutes Dutzend unserer niedergeschriebenen Vorschläge auflistete und – graphisch sehr übersichtlich – hinter allen ersonnen Namen mit Hilfe der drei Kategorien «Sound», «Feeling» und «Intention» zeigte, wie sinnlos sie waren. Leider hatte er keine eigenen Kreationen beigelegt, was uns gewiss einleuchtete, da wir überzeugt waren, er werde sie uns beim zweiten Treffen persönlich unterbreiten.

Das war aber nicht der Fall. Er erläuterte uns vielmehr nochmals sein Raster (Sound, Feeling, Intention) und siebte unsere Vorschläge, die wir im Bus, beim Einkaufen, Rasieren, mit Freunden und beim Sex gesammelt hatten, nochmals durch diese Kategorien. Sie rasselten alle durch und weil die Anzeigeleiterin diesmal auch dabei war, hatte er auch den dritten Knopf seines weissen Hemdes freigesetzt. Er attestierte uns, dass wir sehr viel Kreativität bewiesen hätten. Diese ermutigende Lob bewog uns, die Namenssuche künftig wieder ohne Texter fortzusetzen.

Einig waren wir uns, dass der Name deutsch sein musste und nicht etwa englisch. Klar war auch, dass der Name unserer Stadt nicht vorkommen sollte, da wir alle heimlich davon träumten, irgendwann publizistisch über die Region hinauszustrahlen. Der Name sollte deutlich machen, dass wir ein innovatives Medium auf die Beine stellen wollten – sowohl im Print als auch Online. Es sollte erkennbar sein, dass da zwei Welten miteinander spielten: «Zweiton», «Durchschlag», «einszwei» … Alles zu banal. Zu konstruiert.

Gregor Zampanini legte immer wieder Wert darauf, dass aus dem Namen hervorgehen müsste, dass die Zeitung keine neue Stimme in der Region sein sollte, sondern ein neuer Raum. Diese Begriffsklauberei machte uns andere etwas ratlos, was er durchaus bemerkte und uns folgendermassen aufklärte, indem er aus seinem noch unveröffentlichten Werk «Zauberpollenökonomie» zitierte: « Das Wissen äussert sich im richtig verstandenen digitalen Zeitalter nicht mehr durch die Stimme des Journalisten und es liegt auch nicht mehr im Besitz des Verlegers. Es liegt in äusserst leicht zu transportierenden, zu lagernden und in Millisekunden nachzubauenden Daten in den Clouds, auf die jedermann jederzeit Zugriff hat. Wer etwas mit diesem Wissen anfangen will, kann dies nun tun. Und indem er sich anschickt, an diesem Wissen teilzuhaben, ist er aufgefordert und fast zwangsläufig gezwungen, sein eigenes Wissen preiszugeben und in die Clouds einzubringen. Wir bauen mit unserer Zeitung eine neue Cloud – anders gesagt: einen neuen Raum, in dem sich das Wissen frei zugänglich verbreitet.»

Wie eine hereinbrechende Dämmerung senkte sich nach diesen bedeutungsvollen Worten ein Schweigen über die Runde – teils weil wir Zampaninis Worte zu begreifen versuchten, teils weil uns bewusst wurde, dass der Mann, der in der Wohnung der Mäzenin in Socken herumzugehen pflegte, dem Suchen nach einem Namen ganz unmissverständlich ein Ende machen wollte. Verwaltungsratspräsident Fliesser sprach es aus: «Du schlägst also vor, die neue Zeitung sollte ’Cloud’ heissen.»

«Warum nicht?» fragte Zampanini.

Wieder Schweigen. «Wir waren uns allerdings einig, dass der Name deutsch sein müsste», sagte ich.

«Ach, deutsch! Willst die Zeitung denn ‘Wolke’ nennen? Ganz bieder ‘Wolke’?» zischte Zampanini. «Das wäre so bescheuert – ‘Cloud’ ist im deutschen Sprachgebrauch längst so verankert, dass niemandem die englische Herkunft auffällt oder sich an ihr stört. Denkt an iCloud.»

Rico Wind war noch nicht überzeugt: «Cloud hat keinen Klang. Ist nichts als einsilbig.»

«Dann nennen wir sie doch ‘CC Cloud’ – tönt gut! CC wie ‘Carbon Copy’ bei den Emails. Hat ja auch eine Logik: Alles, was wir schreiben, filmen, reden geht als carbon copy in die Cloud.»

Das Gartentor schepperte. Herein trat Andy Nacht, beidseits in den Händen Sixpacks, in der rechten zwei, in der linken eins. Seine Müdigkeit schien verflogen, das Glasige in seinen Augen war heller Zuversicht gewichen. Er stellte die Last auf den Tisch und sagte: «Soooooooooo, Fröööööööööinde, jetzt bündeln wir die Papiere und gehen zum verschärften Zechen über.»

Andy Nacht klackte die erste Dose auf, wir taten es ihm nach, prosteten einander zu, etwas betreten allerdings. Am betretensten Verwaltunsgratspräsident Fliesser, der (……………………………..) ahnte, dass der Vorschlag «CC Cloud» ein Machtwort aus dem unmittelbaren Umfeld der Mäzenin war. In Rico Wind und in mir regte sich noch der Widerstand, Roland Kalt schwieg und die Anzeigeleiterin schimpfte: «Wie soll ich Anzeigen acquirieren für ein Produkt, das ‘CC Cloud’ heisst?»

Andy Nacht hatte grossen Durst und griff nach der zweiten Dose. Zampanini schien den seinen schon gelöscht zu haben, erhob sich und sagte mit schrägem Lächeln, er habe einen weiteren Termin, müsse uns verlassen, freue sich aber, dass wir uns in seinem Garten so wohl fühlten und forderte uns auf, so lange zu bleiben, wie wir wollten. Eine gewisse Zeit sollte das nun schon dauern, denn es standen noch einige Dosen auf dem Tisch.

Der Alkohol wirkte vor allem auf Andy Nacht sehr belebend. Er gab zur Erheiterung der Runde eine ganze Kaskade von Zeitungstiteln zum Besten, bis ihn Verwaltungsratspräsident Fliesser aufklärte, dass Gottes Wort gesprochen sei: «CC Cloud».

«Ich kann mit allem leben», sagte Andy, klaubte einen Tabakbeutel aus der Tasche, verteilte ein paar Krümel aufs Zigarettenpapier und bröckelte ordentlich Shit darüber, «nennen wir das Kind also CC Cloud. Und wir sind die Wolkengänger. Die Wolkensegler. Wolkenstürmer. Wolkenkratzer.» Wir lachten. Auch Roland Kalt fand das lustig.

Einer aus der Runde versuchte es dann doch noch mit der deutschen «Wolke». Man könnte das Onlineportal TagesWolke nennen. Und die gedruckte Zeitung WochenWolke. TW und WW – oder so. Wir werden Gepflogenheiten aufbrechen, tönte es aus der Runde. Wir sprengen Normen und Konventionen, wir werden die Wilden sein: WildeWolke – wir kommen aus dem Westen. WildWestWolke. WiWeWo- Nein WWW. – He, Freunde: WWW – WorldWideWeb. Wir sind WWW. Wir sind die Wildwestwolke …

Verwaltungsratspräsident Fliesser schaute besorgt. Er packte seine Papiere, verabschiedete sich. Auf dem Tisch stand noch viel Bier. Andy Nacht schickte von seinem Smartphone die WildWestWolke an die Designer und sagte, die könnten dann immer noch experimentieren mit den eingebrachten Vorschlägen.

Der Joint zügelte Andy Nachts Schaffenskraft, er (…………………………………….) begann zu lästern. Über den Stiftungsratspräsidenten Schweiger, der so unprofessionelle Medienmitteilungen in die Öffentlichkeit setzte. Der sei ohnehin nur zu diesem Amt gekommen, weil er der Mäzenin als Mitglied der Gemeinschaft verbunden sei.

(…………………………………………………..)

«Auf jeden Fall», leierte Nacht, «über Schweiger weiss ich, dass er das Abitur nur geschafft hat, weil ihm die Eltern die Schule der Gemeinschaft finanziert hatten. Ha! Und das Studium hat er nur mit allergrösster Mühe geschafft. Bei der Anwaltsprüfung ist er glatt durchgerasselt, obwohl er aus angesehener Juristenfamilie stammt. Da hat man dann nachgeholfen. Der Vater hat ihn in Gerspachs Anwaltsstube versorgt und dort hat ihn Gerspach gehätschelt, bis er dank viel gutem Zuspruch bei den Prüfungsexperten den Anwalt doch noch schaffte.»

Es wurde kühl in Zampaninis Garten. Kalt hatte irgendwo ein leeres Einkaufsnetz aufgetrieben. Wir zerquetschten die leeren Bierdosen und sammelten sie ein. Die vollen liessen wir stehen und traten in die Nacht hinaus.

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