Wildwestwolke: Das Sofa ist ein Führungsinstrument

(… … … bitte – gern geschehen, guckt Euch nur um in der Werkstatt, alles ohne Gewähr, alles erstunken und erlogen … … … )

Wir hatten den Rückflug gerade noch erwischt. Das Treffen mit den beiden Designern war sehr anspruchsvoll gewesen und die Liste, die wir im Hinflug in die grosse Stadt nochmals Punkt für Punkt durchgearbeitet hatten, war erst zur Hälfte abgetragen. Sie waren hartnäckig, unsere beiden Designer, (………… …………………… …………………… …………………… ………………… ………………… …………… ………………) und gaben uns durchwegs zu verstehen, dass sie unsere Vorstellungen für provinziell hielten.

Rico Wind hielt jeweils heftig dagegen, untermauerte seine, respektive unsere Ansichten mit dem Verweis auf seine bisherigen Erfahrungen, die nun wirklich alles andere als unbedeutend waren. Er zählte die Launches auf, die er begleitet und massgeblich geprägt habe und (……… ……… ………… ……… ……… … … … … … … ……………… … … ……………………… ……………… …………………… ……………………).

Zwischendurch wurde das Gespräch gehässig. Der eine der Designer bediente sich ständig aus einer Schachtel mit Keksen und guckte angewidert, wenn Rico Wind auch hineingriff. (……… ……… ………… ……… ……… … … … … … … ……………… … … ……………………… ……………… …………………… ……………………).

Aber alles in allem, so fanden Rico Wind und ich auf dem Rückflug, (……… ……… ………… ……… ……… …………………… ……………………) sei das Treffen erspriesslich gewesen und wenn wir beim nächsten, kurzfristig anberaumten Termin wieder derart vorankämen, würden wir gut im Zeitplan liegen. Immer wieder kamen wir auf das Selbstverständnis der beiden Designer zu sprechen. (……… ……… ………… ……… ……… … … … … … … ……………… … … ……………………… ……………… …………………… ……………………)

Die Flight Attendant kam vorbei, und wir bestellten ein Bier. Wir hatten uns so beeilen müssen, dass es unterwegs nirgends für einen kurzen Halt gereicht hatte, um den mächtig gewordenen Durst zu löschen. Deshalb leerten wir die Büchse sozusagen in einem Zug und bestellten je ein zweites.

Rico Wind sagte, nun sei er völlig entspannt. Er lachte und sagte: «Wirklich entspannt.» So flogen wir in den dämmrigen Nachthimmel, Rico Wind schaute zur Erde hinunter und sagte: «So entspannt.» Eine Weile schwiegen wir, dann machten wir uns ein bisschen über die Selbstverwirklicher lustig und Rico Wind sagte, er sei im Grunde genommen richtig tiefenentspannt. Ich fand das gut und wir schwiegen ein paar Meilen lang. Manchmal sagte Rico Wind: «Du glaubst nicht, wie entspannt ich bin.»

Dann brach ich das Schweigen und sagte: «’Wildwestwolke’ auf dem Zeitungskopf sieht echt gut aus. Besser, als ich gedacht hatte.» Rico Wind pflichtete mir bei und wir begannen uns ein bisschen darüber zu ärgern, dass einigen im Team der Name «Wildwestwolke» missfiel. «Peinlich» nannten sie ihn sogar. Er war erst im kleinsten, innersten Kreis bekannt, und wir hatten alle darauf verpflichtet, ihn geheim zu halten. Er sollte in einer gezielten Aktion bekanntgegeben werden.

In Rico Winds Tiefenentspannung hatte sich etwas Ärger eingenistet, als er auf die Rundmail von Donner und Anton Sieger zu sprechen kam, die nur diesem innersten Kreis zugeschickt worden war und die dem Leitungsteam dringend anheim legte, sich nochmals ganz grundsätzlich über den Namen Gedanken zu machen. Wir zeigten uns zwar offen, lehnten aber ihren Vorschlag «Zwo» entschieden ab («Zwo» für «Zwei»; und «Zwei» als Sinnbild für die beiden Kanäle: Print und Online). Rico Wind ärgerte sich, dass den beiden die sinnstiftenden drei W in WildWestWolke für www. partout nicht einleuchten wollten. Aber dann konzentrierte er sich wieder auf seine Entspannung.

Mir lag dort hoch über den Wolken noch etwas auf der Zunge, und da die Flight Attendant noch ein drittes Bier nachgeliefert hatte, das der Entspannung hoffentlich noch für ein Weilchen zuträglich sein würde, sprach ich es aus. «Ist dir aufgefallen», sagte ich, «dass auf einigen der Frontseiten-Entwürfe der Name ‚CC Cloud’ stand?» «Ja», sagte Rico Wind, «das wollte ich die ganze Zeit schon sagen: Da stand auf mindestens einem Drittel der Entwürfe, wenn nicht gar auf der Hälfte ‚CC Cloud’. Das gibt’s doch nicht. Das darf doch nicht sein. Diese Idee haben wir doch verworfen. Wie kommt die jetzt wieder auf?»

Vor allem, fragten wir uns, wie kommt «CC Cloud» zu den Designern in der grossen Stadt? Eigentlich sollten nur wir zwei, Rico Wind und ich, Kontakt mit ihnen haben. (……… ……… ………… ……… ……… … … … … … … ……………… … … ……………………… ……………… …………………… ……………………). Wir gingen Kopf für Kopf der Taskforce durch, verwarfen alle Verdächtigungen, denn wir waren uns eigentlich einig und wagten es nur lange nicht auszusprechen: Es musste Zampanini gewesen sein. Nur er. Kein anderer. Er war es, der sich derart heftig für dieses absurde «CC Cloud» ins Zeug gelegt hatte. Er war es, von dem man nie wusste, was für Fäden er zog. Er musste, obwohl er immer wieder versichert hatte, sich operativ vollkommen zurückzuhalten und sich nicht einzumischen, da er vollstes Vertrauen in unser aller Engagement habe – er musste bei den Designern interveniert haben.

Wir setzten zur Landung an und da erzählte mir Rico Wind eine Anekdote, die ihm Simone Langhaar bei einem Bier zugetragen hatte: Gregor Zampanini sei, wie wir alle wüssten, in die Schule der Weltanschauler gegangen – nicht gerade eine Sekte, aber doch eine ziemlich verschworene Gemeinschaft, die allerhand sonderbaren Ideen nachlebte. Und zwar sei Zampanini nicht nur in die Weltanschauler-Schule in Spitzach gegangen, er habe auch in Spitzach gewohnt und sei immer etwas verschroben gewesen. Als Pubertierender, so habe Simone Langhaar, die auch in Spitzach aufgewachsen ist, erzählt, sei Zampanini in der Abenddämmerung jeweils als Hexe verkleidet durchs Dorf gezogen und habe die Leute erschreckt.

Wir lachten über diese Geschichte, entspannten uns wieder ein bisschen, landeten pünktlich und nannten ab dieser Landung Zampanini nur noch «die Hexe von Spitzach», wenn wir unter uns waren und über ihn sprachen.

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Am andern Morgen war Rico Wind vor mir an seinem Arbeitsplatz in der Villa Allesgeht. Sein Schreibtisch war leer, der meine vis-à-vis von ihm ebenfalls. Kein Computer. Alle unsere Unterlagen – weg. Ich versuchte es mit einem Scherz und erkundigte mich nach dem gegenwärtigen Grad seiner Tiefenentspannung. Das war aber irgendwie nicht lustig.

Jakob Bergundthal am Tisch nebenan lachte zwar kurz auf, erhob sich, packte mit kräftigen Griffen den Gürtel beidseits der Hose und zog sie in einem Ruck hoch. «Gestern, Chef», sagte er, «als ihr weg wart, gingen hier ganz schön die Rosse durch. Als ich um neun eintraf, war Geschäftsleiter Kalt schon da. Und wie! Verschwitzt war er, das Hemd ganz nass. Er schleppte eben die letzten Schränke aus dem kleinen Raum dort hinten, der auf den Bahnhofplatz hinausgeht.»

Die Schränke, aufeinandergestapelten Arbeitstische, Büroleuchten, Computer und sonstiges Material standen neben der Tür zu jenem Raum. Ein einziger, unförmiger Haufen. Bergundthal ging hin, klopfte anerkennend auf all die Gegenstände und sagte: «Hat er vollkommen allein rausgehievt, der Kalt. Ich sag mal: Nicht schlecht für einen Büroheini.»

Im Laufe des Tages, so erzählte Bergundthal, habe sich die Situation dann zwar nicht geklärt, aber doch ein bisschen erhellt. Die jungen Grafiker, die vor zwei Jahren eine eigene Firma gegründet und den Raum gemietet hätten, sollen ihren Mietverpflichtungen nicht nachgekommen sein. «Das behaupten die Weltanschauler, die unsere Villa Allesgeht verwalten», sagte Bergundthal. «Die Grafiker sehen das ganz anders.» Und es schimmerte fast so etwas wie Bewunderung aus seinen Worten, als er berichtete, was abgegangen sei, als die Grafiker zur Arbeit eingetroffen seien und ein leergeräumtes Büro vorgefunden hätten. «Ich habe jahrelang auf dem Bau gearbeitet und bin eine derbe Sprache gewohnt», sagte er, «aber die Kosenamen, die die Grafiker und die Weltanschauler einander zugebrüllt haben, hinterlassen in meiner Seele unvergessliche Spuren.»

Später traf Roland Kalt ein. Er trug eine kabellose Computer-Tastatur unter dem einen und winkte uns mit dem anderen Arm zur Tür auf das – unterdessen ehemalige – Grafikerbüro. Er schloss sie auf und drinnen stapelten sich auf einem Bürotisch meine Unterlagen, auf einem anderen jene von Rico Wind und daneben standen unsere Computer.

Ein dritter Schreibtisch ragte quer zu einem modernen Sofa in den Raum und Kalt erklärte uns, dass er die kabellose Tastatur brauche, um vom Sofa aus arbeiten zu können. Für Rico Wind und mich war das alles etwas überraschend und wir hatten eine Menge Fragen.

Zusammengefasst beantwortete sie Kalt folgendermassen: Das Sofa sei ein Führungsinstrument. Kalts Führungsinstrument. Da er früher in einer Kunstgalerie gearbeitet habe, verstehe er logischerweise nicht sehr viel von Journalismus. Er erkenne aber – unabhängig von der journalistischen Kompetenz – sofort, ob eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter von der Haltung her ins Unternehmen passe.

Als Mann der Tat verabscheue er allerdings endlose Diskussionen über die Eignung von Mitarbeitern. Schon gar nicht habe er Lust, mit Untergebenen darüber zu reden. Deshalb habe er das Sofa angeschafft, auf dem er liegend einen grossen Teil der Geschäfte zu lenken gedenke. Vor allem auch Führungsaufgaben: Trete ein Mitarbeiter mit einem berechtigten Anliegen auf ihn zu, werde er sich selbstverständlich erheben, um die Sache mit ihm zu besprechen. Bleibe er auf dem Sofa liegen, so verstehe der hinterste und die letzte, welche Botschaft er als Geschäftsleiter aussende: Du interessierst mich einen feuchten Dreck und ich erwarte ziemlich dringend, dass du das Unternehmen verlässt.

Die wirksamste und variabelste Stellung auf dem Sofa sei aber die sitzende: Erhebe er sich beim Eintreten eines Mitarbeitenden nur halb, bleibe aber auf dem Sofa, verstehe das der Betreffende augenblicklich. Er wisse sofort, dass er sich gottvergessen anstrengen müsse, um die Gunst der Vorgesetzten zu erhalten oder zu erringen. Lehne er sich beim Sitzen gelassen zurück, sei Hopfen und Malz schon ziemlich verloren, balanciere er aber vorn auf der Sitzkante, stünden die Chancen, die Gunst zu gewinnen, recht gut.

«Zwischen diesen Extremstellungen gibt es sehr viele Nuancen», sagte Kalt, «ihr könnt mir dann jeweils einfach sagen, ob ihr jemanden weghaben wollt. Ich werde das ohne Worte zu erledigen wissen.»

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