Eine Frage der Optik (3)

Seit zwei Wochen wird nun auf der Sozialhilfe herumgedeckelt. Das hat Konsequenzen. Auch Sozialhilfebezüger Geni findet, man müsse etwas unternehmen.

Kopf

Geni hat, wie wir gehört haben, Probleme mit den Behörden wegen seinen Sozialhilfegeldern. Er ist ja ohnehin der Meinung, die Gemeinde schleudere das Geld zum Fenster hinaus – für einen Fussgängersteg über die Birs zum Beispiel.

Nun liest er in einer Beiz, deren Name wirklich nicht von Belang ist, Zeitung und debattiert mit seinen Kumpels über das Gelesene. «Sozialhilfe-Irrsinn» war da in dicken Lettern gedruckt. Geni stimmt dem zu, denn es bekommen die Falschen Sozialhilfe. Ausländer zum Beispiel. Oder Arbeitsscheue.

Er ist nicht gemeint. Das weiss er. Es sind andere. Für alle Leute, die in diesen Tagen Zeitung lesen, sind andere die Schmarotzer. Wer aus irgend einem Grund ausgesteuert wurde, hat sicher Mitschuld an seiner Situation.

Die Basler Zeitung hat in den Gemeinden heftig herumtelefoniert, wie denn die Situation sei. Schreckliches kommt da auf uns zu, muss man sagen, wenn man das Zeugs alles glauben will. Es ist zwar noch nicht wirklich schlimm, aber di Zeitung schreibe, sie habe das Potenzial, um ganz schlimm zu werden. Sie zitiert einen Gemeindepräsidenten, der den bemerkenswerten Satz sagt: «Das jetzige System lässt den Mittelstand verarmen, während Sozialhilfebezüger nach oben in den unteren Mittelstand gehievt werden.» Zustände sind das!

Innert zwei Wochen hat die SVP mit ihrem Angriff auf die Sozialfürsorge, die im Aufruf des Transportunternehmers und Aargauer Nationalrats Giezendanner gipfelte, die Gemeinden sollten das Gesetz missachten und die Armenhilfe boykottieren, ganz gehörig für Chaos gesorgt. Die Ausländer und die Unterschicht und der untere Mittelstand und der mittlere Mittelstand und der obere Mittelstand beargwöhnen sich. An Stammtischen, in Online-Kommentaren, im Bus und im Zug schleudern sie mit Verdächtigungen und Mutmassungen und Anschuldigungen um sich, dass man das Ende unserer Gesellschaft in unmittelbarer Nähe wähnt.

Selbst moderate Medien scheinen nicht umhin zukommen, die Sozialhilfe «kritisch» zu beleuchten. Man könnte ja auch den Gründen angeblich steigender Sozialhilfe-Ausgaben recherchieren: Vielleicht hat der allfällige Anstieg auch damit zu tun, dass man vor vier Jahren die Arbeitslosenversicherung so verschärft hat, dass ältere Arbeitslose schneller ausgesteuert werden.

Die Übersicht haben irgendwie alle verloren, je nach Standpunkt und Optik behauptet man wild drauflos. Als einzige triumphiert die SVP, die man nicht als faschistoid bezeichnen darf – schon darum vielleicht nicht, weil niemand weiss, was das ist. Vielleicht etwa das: ein Klima der Missgunst, des Hasses und der Intoleranz schaffen, um so ganz allmählich eine Mehrheit der Verunsicherten auf seine Seite zu locken und dann nach der alleinigen Macht zu greifen?

Ja, die Übersicht scheint abhanden gekommen zu sein. Das analysiert in einem überzeugenden Artikel Liliane Minor im Tages-Anzeiger. Bemerkenswert ist nur, wo dieser Artikel platziert wurde: Irgendwo hinten – versteckt im Lokalbund. Dort, wo in Geni ganz sicher nicht liest.

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