Allein am Fluss

(erweiterter kleiner Ausschnitt aus Kap. 2)

Ihre wohlwollenden Worte stimulierten Rico Wind zu einer ausführlichen Lobrede über das Schaffen der Redaktion – auch ein bisschen über sein eigenes. Am Beispiel des Titelthemas einer zwei Wochen zurückliegenden Nummer exemplifizierte er das Potenzial der Redaktion. Mischeleien und filzartige Zustände … hatte die Redaktion damals aufgedeckt und zusammengetragen. «Es ist einiges faul hinter der gediegenen Fassade», hatte Wind ins Editorial geschmettert. Auch jetzt, während der Sitzung der Generalversammlung, steigerte er sich nochmals in einen Rausch der Begeisterung über die Geschichte, die ihm natürlich sehr viel Einsatz abverlangt, aber auch sehr viel Lohn eingebracht hatte – nämlich den, dass die Wildwestwolke … viel Respekt gewonnen hatte.

Sein engagiertes Votum, in das er bedeutungsvolle Begriffe wie «in nuce» oder «by the way» klug einflocht, führte bei Stiftungs- und Verwaltungsräten zu Gesten leichter Ermüdung, und es war dann Stiftungsratspräsident Schweiger, der eine Atempause Winds nutzte, um einzuwerfen, dass er bei allem Lob für die Arbeit der Redaktion ausgerechnet diesen Artikel einseitig, unausgewogen und gegenüber den Verantwortlichen der kritisierten Firma unfair gefunden habe. Er erntete zustimmendes Nicken bei anderen Anwesenden.

Rico Wind – und das hatte Schweiger übersehen – war aber noch gar nicht fertig gewesen mit seinem Statement. Er setzte es ansatzlos fort, holte zu einer Schlussvolte aus, in der er Schweigers Einwand aufnahm und ihm absolut zustimmte. Er habe nämlich in der Blattkritik klar und deutlich gesagt, dass der Hauptartikel «total verschrieben» gewesen sei. Und das sei so schade für all die Arbeit und die gemachten Recherchen. Die Schlussfassung habe unter enormen Zeitdruck entstehen müssen, und er, der jeden Abend bis um zehn oder gar noch länger im Büro sei, habe trotz seiner permanenten Präsenz dann halt einfach mal das «Gut zum Druck» geben müssen. Dies, obwohl der Artikel, wie gesagt, total «verschrieben» gewesen sei. Die Mehrzahl der Stiftungs- und Verwaltungsräte schaute etwas verwundert in die Runde, da sie mangels Kenntnis der handwerklich-journalistischen Begriffe den Unterschied zwischen hervorragender Recherche und verschriebenem Text natürlich nicht ganz verstanden.

(Ende kleiner Ausschnitt aus Kapitel 2)

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