Kauft Zweitwohnungen!

Langsam wage ich es wieder, stolz zu sein auf meine Zweitwohnung.

Zweitwohnung
Zweitwohnung: Nicht zu vermieten, da lass ich niemand rein.

Nein, sehr mondän ist sie nicht, meine Zweitwohnung, eher klein und farblich etwas gewöhnungsbedürftig. Dieses satte Blau im heftigen Schwarz auf braunem Fundament (oder sagen wir: Unterlage) ist nicht jedermanns Sache. Das Bettzeug, das so keck herauslampt, ist echte Seide. Das Geschenk eines Freundes. Die Toilette befindet sich ausserhalb, und Duschen in der Nähe funktionieren selten. Aber das Frühstücksmobiliar, auf dem der Kaffee in der Thermosflasche thront, ist ein Einzelstück.

Und die Aussicht ist hervorragend, die Natur sehr nahe, Einheimische und andere Zweitwohnungsbesitzer sehr fern. Ich kann mich da sehr gut zurückziehen. Erholung pur, muss ich sagen.

Jetzt, da die Tage und vor allem die Nächte wieder wärmer werden (mit der Heizung ist es ja auch so eine Sache in meiner Zweitwohnung), kann ich mich wieder uneingeschränkt freuen über mein Rückzugszuhause. Seit zwei Jahren plagten mich Skrupel, weil ich ja gestimmt habe zur Zweitwohnungs-Initiative. Eigentlich wollte ich ja nur ein Zeichen setzen gegen die Verschandelung der Schweizer Landschaft, die ich so liebe. Denn meine Behausung ist nicht gerade ein Augenschmaus, auch wenn sie klein ist und auf Beton-, Holz- und Glaselemente verzichtet im Gegensatz zu anderswo, wo andere ihre Zweitwohnungen hinstellen.

Doppelmoral?

Ich wollte ja wirklich nur ein Zeichen setzen vor zwei Jahren und bin denn auch total erschrocken, als die Initiative angenommen wurde. Ab sofort sagte ich niemandem mehr etwas von meiner Zweitwohnung, ja, ich stritt in ein paar heiklen Momenten sogar ab, eine gekauft zu haben. Gebaut, respektive genäht habe ich sie sowieso nicht selbst, ich habe sie nur gekauft. Das ist ein grosser Unterschied, wie ich in den letzten Wochen erfahren durfte, nachdem Journalisten die Geschichte der Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer wieder aufgewärmt hatten. Sie hatte kurz vor jener Abstimmung eine Zweitwohnung gekauft. Und dies, obwohl sie im Komitee gegen den Bau von Zweitwohnungen sass. Peinlich, jaja, darum stritt sie es eine Weile lang auch ab, wie ich das auch gemacht habe. Man bezichtigte sie der Doppelmoral. Ich mich im Geheimen auch.

Als sich dann Susannes heimlich gekaufte Wohnung nicht mehr verbergen liess (immerhin hat sie fast eine Million gekostet), kam sie zum Kern der Sache: Sie war gar nie gegen den Kauf von Zweitwohnungen in Tourismusgemeinden, nur gegen den Bau. Für diese Argumentationskapriole erhielt sie nicht nur den Applaus ihrer Parteigspönli, sondern auch den Support, dass es doch wohl auch für eine Genossin legitim sei, sich in einem Lenzerheider Appartementungetüm ein paar Betten zu kaufen, um sie hin und wieder zu wärmen.

Das ist Klassenkampf

Nicht nur legitim, nein, es ist eine Form des Klassenkampfs. Je mehr Genossen Zweitwohnungen kaufen, desto weniger bleiben übrig für Reiche und gierige Deutsche und schmierige Italiener und klotzende Russen und überhaupt für Spekulanten, Kapitalisten und dergleichen Pack. Eigentlich ist es eine Pflicht für jeden Sozialdemokraten und jede Sozialdemokratin, möglichst viele Zweitwohnungen zu kaufen. Da ich mich dieser Partei verbunden fühle, denke ich nun zunehmend häufiger daran, meine doch etwas bescheidene Zweitbehausung gegen etwas Geräumigeres und vielleicht auch ein bisschen Komfortableres einzutauschen.

Eine Zweitwohnung zu suchen und zu kaufen, ist einerseits eine aufwendige Sache. Andererseits bringt es etwas Abwechslung ins öde sozialdemokratische Einerlei. Sich ständig für sozial Benachteiligte einsetzen, gegen Abzocker und dergleichen zu wettern, zur Umwelt Sorge tragen – das macht schon ein bisschen müde. Der Kauf einer Zweitwohnung ist da ein richtiger Farbtupfer. Und es hat den Vorteil, dass man zwischendurch etwas abschalten kann von diesen ewigen, sozial Benachteiligen, griesgrämigen Umweltnörgerln und freudlosen Landschaftsschützern. Die können sich eine Zweitwohnung gar nicht leisten. Man muss ja auch mal Kraft tanken dürfen, um im nächsten Wahlkampf um genau deren Gunst buhlen zu können.

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