«… und ich steh‘ da mit leeren Händen»

Der Grieche Ntinos Litos wartet seit vier Jahren auf seine Rente. Er war Matrose, Offizier und vieles mehr. Manchmal schreibt er Gedichte – zum Beispiel über verlorene Augenblicke und leere Hände.

Ntinos
Ntinos vor seiner Taverne, mit Schwägerin und Frau.

Das westliche Establishment bis tief hinein in die Sozialdemokratie – jedenfalls in die deutsche – ist hell entsetzt über die Forderungen der griechischen Wahlsieger. Die wollen Schulden nicht zurückzahlen und erst noch mehr Geld ausgeben als bisher. Zum Beispiel für Altersrenten. Dem Herrn Martin Schulz, der es als Polizistensohn bis zum Präsidenten des Europäischen Parlaments gebracht hat, bleiben die Worte schier im Halse stecken, wenn er die Griechen von seinem Rednerpult aus an die Gebote der Troika erinnert. Man sieht ihm an, wie ihn die Wut plagt, wenn er in seinem Zorn über die neue griechische Regierung nach Worten sucht.

Ntinos Litos, der den zornigen Herrn Schulz nur aus dem Fernsehen kennt, wohnt auf einer griechischen Insel. Er wundert sich sehr, wie deutsche Sozialdemokraten dafür einstehen, dass griechische Rentner keine Rente erhalten sollen. Eigentlich hat er von deutschen Sozialdemokraten, die jedes Jahr als Besucher in seine Taverne kommen und eines seiner Gästezimmer mieten, einen anderen Eindruck. Einer seiner regelmässigen Gäste ist Björn Engholm, der frühere Ministerpräsident von Schleswig-Holstein und Bundesvorsitzende der SPD. Björn würde sich – davon ist Ntinos überzeugt – nie dafür einsetzen, dass griechische Rentner keine Renten erhalten.

Noch hunderttausend andere

Ntinos ist jetzt dann 69. Er hätte seit vier Jahren die Altersrente zugute. Er hat noch keinen Cent gesehen und als ich ihn im Herbst fragte, ob er denn keine Möglichkeit sehe, sie zu erkämpfen, da hat er sich eine Zigarette angezündet und kurz und kehlig gelacht. «Es warten noch hunderttausend andere auf die Rente. Wieso soll ich mir da Chancen ausrechnen, sie zu erkämpfen?»

Ntinos hungert nicht. Auf der Insel gehört ihm Land, das er bewirtschaftet, er hat eine Taverne, die mehr oder weniger läuft, in den 90er Jahren hat er ein Haus mit zwölf sogenannten Studios gebaut, die er vermieten kann. Zudem fährt er mit seinem Boot aufs Meer und fischt die Fische, die seine Frau in der Taverne auftischt. Würde er die Rente erhalten, zöge er sich vielleicht zurück aus dem Geschäft und einer seiner beiden Söhne, die Ingenieurwissenschaften studiert haben, würde den Betrieb übernehmen. Sie sind ja ohnehin da, arbeiten mit, mal hier, mal dort, aber einen Job haben sie beide nicht gefunden. Darum gründen sie auch keine Familie, sagt Ntinos.

Das mit der ausbleibenden Rente sei ein Übel, sagt Ntinos. Schlimmer sei, dass sein Schwager, der an Niereninsuffizienz leide, kein Geld für die Dialyse habe. Eine Krankenkasse, welche die Kosten übernehme, gebe es auch nicht. Die hätten auch kein Geld mehr. Das bedeute den Tod für den Schwager, sagt Ntinos.

Lenin, Pasionaria und Mao – und ein Gedicht

Ntinos hat bisher immer Pasok gewählt. Aus linker Überzeugung. Aber er ist enttäuscht von Pasok und sein Herz schlägt trotzdem links. Da er ein bisschen italienisch versteht, entging ihm zum Beispiel nicht, wenn italienische Gäste von Gianfranco Fini, dem früheren Neofaschisten schwärmten. Zu solchen Gästen trat er an den Tisch und bat sie, sein Lokal zu verlassen. Einer seiner Hunde heisst Lenin, die Hündin Pasionaria – wie die spanische Kommunistin. Mao, ein herziger Dackel, ist von einem Auto überfahren worden. Ntinos hat die ganze Welt gesehen, er war fast zwanzig Jahre lang als Matrose und später als Offizier auf Frachtschiffen auf allen Meeren und in allen Häfen unterwegs. Er spricht auch Englisch und schreibt manchmal Gedichte. Diese allerdings auf Griechisch. Einer seiner deutschen Gäste, des griechischen geläufig, hat eines übersetzt:

«Dir folg ich zu den Stränden, in Wälder, zu den Sternen
in frischer Morgendämmerung, am glühend heissen Nachmittag

Augenblicke – ich sehe Dich wie ein Säule Rauch
von Winden mitgerissen ins Chaos des Uranos

Dir folg ich auf Wellen, an Küsten, schaumgebadet
zum Grund des Meeres, zu schillernden Korallen

Augenblicke – an Deinem Busen rühr’ ich sanft
berauschende Quelle, erfrische mich

Dir folg’ ich in die Wolken, in den Blütenkelch hinein
tausend Mal erfuhr ich Deinen Duft, und immer noch begehr’ ich ihn zu riechen

Augenblicke – ich greife in Dein helles Haar
doch Du entwischst und ich steh’ da mit leeren Händen

Dir folg ich in die Einsamkeit, zum Echo, bei dem vor Schreck der Atem stockt
Dir folg’ ich in das Nass der Rebe, zur Stunde, da’s zum Weine reift

Augenblicke – ich sehe Dich als süssen Traum
als Regentropfen, der mit dem Wasser sich vereint»

Hier hört das namenlose Gedicht von Ntinos auf. Er dichtet und fischt und bewirtet und bauert nicht nur – manchmal setzt er sich auch hin und erklärt die Welt. Die griechische im besonderen und das Verhältnis Griechenlands zur EU auch. Er versteht nicht, warum die EU so viel Geld nach Griechenland geschickt hat, das ohnehin zum grössten Teil in der Korruption verschwunden sei. Vor allem versteht er nicht, warum die von der EU immer mit derart grosser Kelle angerichtet haben und die Verschuldung des Landes beschleunigt hätten. «War das wirklich so, Ntinos?»

Die breite Strasse

Ntinos zündet sich eine Zigarette an und zeigt auf die Strasse, die vom Inselhauptort zum Dorf führt. Bis Mitte der 90-er Jahre war sie sehr eng, holprig, staubig, streckenweise kamen sich kreuzende Autos nur bei den Ausweichstellen aneinander vorbei. «Dann kamen die mit den EU-Geldern», sagt Ntinos, «und sagten, sie würden die Strasse ausbauen. Das war gut. Doch statt mit dem Bauen anzufangen, kamen sie noch einmal und fragten: ‚Wollt ihr eine normale Strasse oder wollt ihr eine breite Strasse?‘ Und was haben die Leute gesagt? Sie haben natürlich gesagt: ‚Wir wollen eine breite Strasse.’ So hat man eine breite Strasse gebaut. Und jetzt, jeweils nach den Stürmen im Winter, müssen wir die Strasse flicken. Das Geld, um eine normale Strasse zu flicken, wäre schon knapp genug.» Auch wenn Ntinos auf die Rente verzichten muss, sein Schwager kein Geld für die Dialyse hat und seine studierten Söhne arbeitslos sind, so muss er doch lachen, wenn er die Geschichte von der breiten Strasse erzählt.

Schuldenerlass in Deutschland

Ntinos ist kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs auf die Welt gekommen. Zwar hat er die Verheerungen der deutschen und italienischen Faschisten nicht mehr selbst erlebt. Aber seine Eltern, Grosseltern, Onkel und Tanten haben davon erzählt. Heute kommen die Deutschen als Gäste. Sie sind willkommen. Man trägt ihnen die Verbrechen ihrer Väter und Grossväter nicht mehr nach. Man hat ihnen schon früh nach dem Zweiten Weltkrieg verziehen. Die Amerikaner gewährten Deutschland schon wenige Jahre nach Kriegsende Aufbauhilfe mit dem Marshallplan. Um die Entwicklung Deutschlands nicht zu bremsen, erliess man Deutschland 1953 die Hälfte der Schulden.

Polizistensohn Martin Schulz ist eben erst zwei Jahre später auf die Welt gekommen. Deshalb kann er – der heutige Präsident des Europäischen Parlaments – mit so modernem Zeugs wie Schuldenerlass nichts anfangen. Drum wird er so wütend, wenn die neue griechische Regierung einen Schuldenschnitt wünscht.

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