Im Schritttempo vom Norden Schottlands nach Sizilien

London Luton, 26. 4. 2002, 14:00: Das Verrückte ist, dass nun eine Fantasie real zu werden beginnt. Seit Jahren habe ich über diese Idee geredet, zu Fuss den Weg von Schottland nach Sizilien zu erkunden. Lange Zeit habe ich selbst nicht daran geglaubt. Einfach immer davon geschwatzt, wie es wäre, einmal so einen Traum, so eine Fantasie durchzuziehen. Vor einem halben Jahr dann, bei einem Kaffee im Büro des Chefs, als dieser mir den Korrespondentenposten in Paris anbot, sagte ich: Ich künde und wandere von Durness nach Sizilien. Er schalt mich einen Esel und wir sprachen nicht mehr darüber.

Und dann: weiterarbeiten, ohne mir etwas anmerken zu lassen. Allmählich und immer häufiger in Smalltalks den Plan erörtern – bis alle davon wussten und ich nicht mehr um die Erkenntnis herumkam, dass ich jetzt dann halt gehen musste.

Nun hocke ich hier auf diesem trostlosen Flughafen von London Luton, warte auf den Weiterflug nach Glasgow und ärgere mich: Warum habe ich mir keine Zeit genommen, um die Reise zu planen? Zwar habe ich irgendwann im Februar ein leichtes Zelt gekauft – sozusagen, um mir anzudrohen, dass es ernst wird. Ein Wanderbuch über Schottland dazu. Sonst nichts. Gearbeitet bis Karfreitag, das war mein letzter Arbeitstag.

Dann hätte ich Zeit gehabt fürs Planen – aber nein, ich räumte die Wohnung, stellte die Möbel zusammen für den späteren Umzug nach Paris (wir hatten die Kündigung in einen unbezahlten Urlaub umgewandelt, im Herbst sollte ich den Korrespondentenposten antreten). Übergab die Zimmer dem Sohn, der eine WG auf die Beine stellen will. Habe mit den Nachbarn rumgestritten, im Garten gearbeitet, Freunde getroffen – alles Verzweiflungstaten, weil die Fantasie einfach nicht Realität werden sollte. In den letzten Tagen dann wie verrückt Geld ausgeben für die Ausrüstung. Drei Nächte dann auf einer Matratze, die letzte mit Moni – während der Rucksack nun fünfundzwanzig Kilogramm schwer daneben steht.

Auf der Zugfahrt nach Zürich/Kloten noch wenig Bedenkliches. Es braut sich erst auf dem Flughafen zusammen: Was, verdammt nochmals, soll ich in diesem fernen Schottland? Nicht dran denken, auf dem WC eine Zigarette rauchen, den Schottland-Plan hervornehmen und die Frage: Wie, zum Teufel, komm ich überhaupt in dieses Durness, wo meine Reise starten soll? Hält mein Rücken die fünfundzwanzig Kilo aus? Er tut jetzt schon weh. Das rechte Hüftgelenk schmerzt. Auf der Toilette, rauchend, überkommt mich Schwindel und ich frage mich: Wieso fahr ich nicht einfach in die Berge, miete ein billiges Zimmer, lese Bücher, wandere, faulenze und ruhe mich einfach aus?

Diese Schmach, Buess – dies Hohngelächter, dieses mitleidige Lächeln all der Freunde, die meine Idee zwar für verrückt gehalten, aber immer betont haben, wie sie mich beneideten.

Der rettende Gedanke kommt beim Rauchen auf der Toilette: Ich könnte, um den Übergang vom Büroheini zum einsamen Wanderer etwas zu entschärfen, in Glasgow ein Auto mieten, und erst mal – mich langsam entspannend – im Wagen dort hinauftuckern, wo die Reise beginnen soll. Noch kein Bus, noch kein Zug, das kommt dann – jetzt erst mal den alten Trott abstreifen, in einer einsamen Autofahrt, dorthin, wo mir die Idee zu dieser Reise vor Jahren überhaupt gekommen war.

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