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Zum Schluss ein frommes Lied

Rund ums Baselbiet, Etappe 15 von Maisprach nach Birsfelden – 1. April 2020. Auf der letzten Etappe begegne ich Kamelen, Löwen und Tigern, später einer singenden Frau und gelange an dampfenden Rohren aus den Chemischen Fabriken von Schweizerhalle vorbei zum tiefsten Punkt meiner Tour. dann steh ich wider dort, wo ich die Wanderung vor einem Jahr begonnen habe, als man noch sorglos der Landesgrenze entlang gehen konnte.

Das Ende der Reise naht, der Birsfelder Rheinhafen nicht mehr weit
Nun – es ist kühl an diesem Mittwochmorgen, auch wenn die Sonne scheint, der Himmel blau ist und die Kondensstreifen fehlen. Letzteres hat zwar nichts mit der Temperatur zu tun, sondern mit der heimtückischen Seuche, die alles lahmlegt, alle in Atem hält und einem feindselige Blicke von Hündelern beschert, die ihren Bobby oder Trixi oder was auch immer pflichtschuldigst Gassi führen. Schon ein bisschen seltsam, so über den Fussweg zwischen Magden und Maisprach zu wandern, wenn der Bundesrat in Bern sagt, man möge doch zu Hause bleiben. Ich verlasse den Weg, steige die Wiese hoch zur Wintersingeregg, gerate auf die Verbindungsstrasse und ernte misstrauische Blicke durch die Frontscheiben der Autos hindurch.

Maisprach im Morgenlicht
Ich schaue zurück auf Maisprach, das so fröstelnd im Frühlingsmorgen liegt, einzelne Kirschbäume treiben trotzdem bereits ihre Blüten heraus und unten im nächsten Tal vor mir liegt der Iglingerhof. Diese seltsame Ansammlung von landwirtschaftlichen Gebäuden, Wohnhäusern und
Iglingerhof bei Wintersingen
einer Kapelle kenne ich nur vom Durchfahren und jetzt stehe ich davor und sehe auf einer Tafel, dass das Gut der Christoph-Merian-Stiftung gehört, die es seit Jahrzehnten durch Pächter bewirtschaften lässt. Es sieht alles sehr ordentlich aus.

Durch einen Wald steige ich hoch, trete durch ein paar zurückgebliebene Schneeflecken, erreiche eine Höhe, hinter der sich Nusshof auftut. Von dieser Seite habe ich das Dorf noch nie gesehen, auch die Sissacherfluh nicht, die von da hinten so ganz anders aussieht als von den Juraketten herab oder vom Ergolztal herauf.

Hersberg vor verschneiten Jurahöhen
Eine Elf-Uhr-Glocke bimmelt und obwohl schon April ist und man bald nicht mehr über die Felder gehen sollte, wandere ich querfeldein durch Wiesen, die nervösen Zuckungen des Grenzverlaufs zeitweise grosszügig ignorierend, zu einem Gehöft hinunter, das Buchmatt heisst und dann durch einen Spickel Aargauer Wald hinauf wieder auf Baselbieter Boden, wo Hersberg liegt. Die Wiese voller Löwenzahn und die Jurahügel im Hintergrund schneebedeckt. Hier oben haben die Waldarbeiter ähnlich heftig gewütet wie im Junkholz bei Zuzgen.

Vor Olsberg taucht der Dornhof auf und dort mag ich meinen Augen kaum trauen: Sieht aus, als stünden zwei Kamele in der Sonne. Ich steige hinunter und sehe, dass es tatsächlich so ist. Doch nicht genug – in einem Gehege weiter dorfwärts blinzelt mich ein Tiger an und eine paar Meter weiter ein Löwe mit seiner Löwin. Das ist recht seltsam und sieht ziemlich unwirklich aus, aber es ist halt nun mal so.

Olsberg liegt still in der Mittagssonne, die Grenze zwischen Baselland und Aargau geht mitten durchs Dorf; ein Mann erzählt mir, sie führe da und dort durch Wohnstuben, aber ich kann nicht weiter fragen, weil das Telefon des Mannes klingelt. Unter dem früheren Kloster setze ich mich unter eine Birke, esse mein Brot und beschliesse, die heutige Etappe hier nicht zu beenden, sondern den Marsch weiterzuführen bis ans Ziel der Wanderung rund ums Baselbiet: nach Hause.

Kühe vor Giebenach und vor der Autobahn
In einem Wald, der nach Giebenach führt, beginnt es plötzlich zu dröhnen und ich ahne, dass es der Lärm der grossen, weiten Welt, nämlich der nahen Autobahn, sein muss. Ein paar Rinder kommen mir entgegen, dahinter tauchen Vierzigtönner auf, die quer durch die Landschaft rasen. Nun denn, vorerst erwarte ich keine Idyllen mehr, ich gehe der Autobahn entlang, die sich bald nach Zürich verzweigt, Autobahnkreuz nennt man das in Deutschland. Am Zelglihof vorbei, wo viele Pferde weiden, dann auf einer Fahrstrasse über die Autobahn, ich streife knapp die Liebrüti,
Römisches Theater in Augst
wandere einer Gärtnerei entlang, in der Frauen Setzlinge in Töpfe stopfen, die wegen der grossen Pandemie doch niemand kaufen darf. Augusta Raurica ist menschenleer bis auf eine Frau mit zwei Kindern, die sich alle drei im Römischen Theater umsehen und sehr verloren wirken.

Und dann auf dem Weg hinunter zur Ergolz ein Bild, das mich fast umwirft: Eine sehr alte Frau, leicht gebeugt, steht an ihrem Fenster im ersten Stock eines Hauses, blickt verzückt in den Garten, in dem eine andere Frau steht, in einem weissen Rock mit Haube auf dem Kopf, und die singt aus einem Buch ein Lied. Ein frommes Lied, ein religiöses Lied, um der Frau im ersten Stock Freude zu bereiten oder Trost zu spenden, wenn sie denn Trost braucht, weil sie nicht mehr raus darf in diesen Zeiten. Es rührt mich sehr, dieses Bild. Erst will ich eine Foto machen, lasse es aber sein, denn ich denke, das gehört sich nicht. Die Frau singt nicht unbedingt schön, sogar ein bisschen falsch, dünkt mich, aber es hallt lange nach.

Nun beginnt die deutsche Grenze
Ich geh dann unten auf einem Pfad der Ergolz entlang, an verfallenden, mit Brombeersträuchern und Efeu überwachsenen Treppen und Hauseingängen vorbei und erreiche den Augster Bootshafen, wo ein einsamer Mann sitzt. Drüben im Fluss hört die Aargauer Grenze auf und es beginnt eine neue, die deutsche. Der Übergang nach Grenzach-Wyhlen ist versperrt, man kann da nicht mehr ins andere Land.

Ich schreite ziemlich schnell voran rheinabwärts auf diesem hübschen, wilden Wanderpfad. Ein Schiff fährt vorbei, Enten fliegen auf, manchmal kommt jemand entgegen, man grüsst schüchtern, bückt sich, wenn es sich unter dem niederen Durchgang unter einem Fischhäuschen hindurch zu ducken gilt. Oben sind Fabriken, Hallen, rauchende Kamine, das weiss ich, aber da unten sieht man nichts, es ist eine eigene in sich gekehrte Welt, nur einmal steigt Dampf aus einem Rohr, das knapp über der Wasserfläche aus dem Boden herausragt.

Tanks im Birsfelder Hafen
Da oben wird etwas hergestellt, das Hitze braucht. Dann die Liegewiese bei Schweizerhalle und wieder Fabriken, hohe Zäune im Niemandsland und plötzlich stehe ich im Hafen, im Auhafen zuerst, dann im Birsfelder Hafen, Krane greifen in die Bäuche der langen Frachtschiffe, holen Material heraus, Camions fahren, eine Rangierlok auch. Das Restaurant «Auhafen» ist geschlossen wie jedes andere Restaurant in diesen Zeiten auch und kurz vor der Birsfelder Schleuse sitzt auf der Höhe der Kraftwerkinsel ein Mann mit einer Gitarre am Flussbord und spielt eine Melodie.
Kraftwerk Birsfelden
So viel Empfang zuhause wäre jetzt wirklich nicht nötig gewesen, denke ich.

Hier promenieren viele Leute, trotz Pandemie. Sie sitzen am Wasser, ein Dame zieht sich aus bis aufs Bikini. Ich gelange zum tiefstgelegenen Punkt des Baselbiets unten beim Birsköpfli und weiss, jetzt geht’s noch drei-, vierhundert Meter weit, dann bin ich zurück am Ausgangspunkt meiner Rundwanderung um den Kanton Baselland, am Ziel meiner Reise, zuhause, wo ich am 28. April 2019 erstmals loszog. Um 16.27 Uhr öffne ich die Gartentür, der Kanton ist umrundet, die Grenzen, die vor einem Jahr ein Relikt aus alten Zeiten war, sind wieder wichtig geworden. Höher auch, zum Teil unüberwindlich.

Am Birschöpfli – dem tiefsten Punkt des Baselbiets

So, das wär es dann gewesen: Rund ums Baselbiet, viele schöne Ausblicke und Eindrücke, 287 Kilometer weit, 8996 Meter hinauf auf die Hügel und ebenso viele wieder hinunter.