Rucksack knickt Geranie, 26. Juni 2002

Ab heute bin ich wieder allein unterwegs, finde seit langem wieder eine offene Bar – doch die Wirtin jagt mich zum Teufel.

Abschiedsstimmung, denn Büttner hat sich bereits einen Bus ausgesucht, der ihn nach dem Frühstück nach Besançon bringen wird. Es war so schön, zu plaudern, necken, scherzen, lachen. Wir sind durch sehr unspektakuläres Frankreich gewandert. Wo niemand freiwillig hingeht, weil die Schönheit nicht so schreiend ist. Wo man durchgeht aus Zufall, weil man irgendwie Frankreich durchqueren will. Wo man auch lieber niemandem sagt, was man eigentlich tut, sondern einfach freundlich nach einem Hotelzimmer fragt und dann anständigen und hausbackenen Service erhält.

Im Dunkel der Bar das Frühstück, Büttner hat gepackt für den Heimweg, ich für den angebrochenen Tag. Kein Laden im Dorf, scheint es, nur ein Supermarché am Ausgang der Ortschaft. Ein Gemälde der Trostlosigkeit. Zwei Eingänge immerhin, im einen die Boulangerie, der Fotoshop, die Gartenpflanzen und CD´s. Im andern der Rest: Lebensmittel, WC-Papier, Wein und andere Getränke. Ein untersetzter Mann mit fettigen, nach hinten gekämmten grauen Strähnen drängt sich an mir vorbei und zahlt einszweiundvierzig für einen Liter Rotwein. Bald wird es zehn Uhr sein. Später seh ich ihn wieder. Es ist kein arbeitsloser Alki, er fährt einen Gemeindewagen und sein Kollege lädt Abfall auf den Anhänger. Eben haben sie den Parkplatz vor dem Supermarche gereinigt. Frauen in fahl-farbenen Röcken stehen vor hochgeklappten Kofferräumen und räumen Waren aus den Einkaufswagen ein. Die Sonne brennt erbarmungslos auf die Autos. Kein Schatten. Nirgends – ausser dem schmalen Streifen der Wand entlang. Für einen cremefarbenen Suzuki reicht der Schatten.
Büttner und ich verabschieden uns kurz und herzlich. Nun ziehn wir alleine weiter. Er nach Bern, etwas humpelnd, ich nach Montbozon. Wenig Spass heute, viele Kilometer der Strasse entlang. Direkter Weg von Schottland nach Sizilien. Habe wenig Lust auf romantische oder abenteuerliche Abwege.
SMS – zu früh abgeschickt
Was wir in unseren gemeinsamen Tagen lang und meist vergeblich gesucht haben, treffe ich im ersten Dorf, in Loulans-Verchamps: eine Beiz. Und es läuft der zweite Halbfinal, Brasilien gegen die Türkei. Ich stelle den Rucksack zu Boden, streife mein Leibchen über, schicke Büttner ein SMS mit der Feststellung, dass es doch noch offene Bistros gebe und realisiere nicht, dass mein Rucksack kippt.
Der Rucksack kippt und knickt eine Geranie. Die Wirtin, dunkelblauer, weissgepunkteter Arbeitsrock über kränklich-weissen Waden, mit umgebundenem Küchenschurz, die Zigarette zwischen den Lippen, rast heraus und beschimpft mich aufs Übelste. Ich verstehe nicht alles, aber doch soviel, dass ich ein unanständiger, ungehobelter, nichtsnutziger Volldepp sei. Das ist aber noch nicht alles. Sie jagt mich davon, heisst mich, meinen Rucksack aufzuheben und mich zum Teufel zu scheren. Die Arbeiter im Restaurant, bereits beim Bier, lachen herzlich.
Büttner hat das SMS erhalten, schreibt mir zurück, was für eine Gemeinheit es sei, dass ich nun eine Bar gefunden hätte.
Schlampen
In Montbozon immerhin eine geöffnete Boulangerie. Frisches Brot, kühler Camembert, kalter Eistee. Und wieder eine Eisenbahnlinie, die über ein verwachsenes Viadukt führt. Kräftig steht es in der Landschaft. Seit dreissig Jahren fährt hier nichts mehr, sagt einer. Und immer wieder überquere ich die Schienen. Verwachsen, eingeteert, auch weggerissen manchmal, nur noch die Spur zu erkennen. Stundenlang ostwärts.
Am späten Nachmittag erreiche ich Rougemont. Die nächste Ortschaft ist zehn Kilometer entfernt und so erkundige ich mich nach einer Pension. «Nichts hier», sagt ein Mann, im Schatten auf einer Bank sitzend, schwatzend mit Nachbarn. Eine Frau daneben, man könnte sie durchaus als Schlampe bezeichnen, lacht und kreischt und sagt: «Dort geradeaus gäb’s was, aber da brauchen Sie nicht hinzugehen. Er, der Wirt, der ginge noch, aber seine Frau – die reine Schlampe.» Wieder lacht sie kreischend. Und der Nachbar, der bisher nichts gesagt hat, belehrt sie, dass man so was zu einem Fremden nicht sage, und die erste Schlampe lacht. Kreischend wieder. Ich ziehe auf dem Dorfplatz das saubere Leibchen über und trete in das Hotel, von dem mir die Frau abgeraten hat.
Wieder kippt mein Rucksack, zwar erst nach geraumer Zeit. Immerhin – er macht Lärm. Doch es regt sich nichts. Ich klopfe auf die Theke. Es regt sich nichts. Im Nebenraum ein Fernseher. Der Raum ist der Speisesaal. Zwanzig oder mehr leere Tische. Vor dem Fernseher sitzt ein Knabe. Ich frage ihn nach Mama oder Papa. Die Wirtin kommt. Dreissig vielleicht. Gekleidet in einen geblumten Rock, bleich. Nein, sie habe kein Zimmer frei. Zwölf Schlüssel hängen an der Reception. Nein, kein Zimmer. Auch kein ganz einfaches. Nichts, gar nichts. Ich versuche es mit einem kleinen Scherz und sie schaut finster: Nichts zu machen, wir haben kein Zimmer. «Gibt es ein anderes Hotel?» «In Villersexel vielleicht. Zehn Kilometer – ja und? Sais pas!»
Gedanken an Eboli
Ich setze mich in die Bar vis-à-vis. Leute hängen herum, füllen Lottozettel aus und vergleichen ausgefüllte mit den Zahlen auf einem Bildschirm drinnen im Raum. Halbwüchsige rasen auf hochtourigen Motorrädern ohne Auspuff vorbei. Das Buch «Christus kam nur bis Eboli» kommt mir in den Sinn. Nicht weil mich die Landschaft oder die Leute hier daran erinnern würden. Sondern, weil mir der Lehrer in den Sinn kommt, der während des Faschismus in Italien zur Strafe nach Eboli ins Exil geschickt wurde, wo er fern von allem war, was irgend etwas mit ihm zu tun hatte. Eboli habe ich mal besucht, und es hat mir sehr gefallen. Mich müsste man zur Strafe nach Rougemont schicken. Es wäre eine harte Strafe.
Später dann, am Abend, sitze ich in einem Bistro in Villersexel. Ein Zimmer habe ich gefunden. Bin ganz zufrieden und erzähle einem Mann von meinem Erlebnis in Rougemont.. «Eine Schande», sagt er. Er meint die Wirtsleute – diese Jungen bringen nur Schande über uns.» Villersexel, nur zehn Kilometer von Rougemont entfernt, ist ganz hübsch. Hier würde ich ein Exil vielleicht aushalten.
(Villersexel, 26. Juni 2002)
« vorherige Etappe – Nächste Etappe »

Karte

https://maps.google.com/maps/ms?ie=UTF8&hl=de&oe=UTF8&msa=0&msid=205702434227154220987.0004be68ebe5adb87507b&t=h&ll=47.49772,6.245728&spn=0.324738,0.762177&z=10&output=embed

Quelle

Bildlegende

Villersexel auf einem Stich aus dem 19. Jahrhundert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.