Weites Land

Spur durch Deutschland, Nellschütz – Leipzig, 31. Juli 2020. Die Felder sind geerntet, es liegt eine grosse Stille zwischen den Dörfern. Unverhofft stehe ich vor dem Geburtshaus eines grossen Wanderers und später freue ich mich auf ein Bad im Baggersee. Daraus wird nichts.

Eine Landschaft ohne Ränder
Das Zimmer, das ich in der Pension Sabine in Nellschütz gefunden habe, gehört zu einem Bauernhof, und der Besitzer weilt grad in Sizilien in den Ferien. Eine Frau aus dem Dorf, Frau Steingraf, hat mir die Schlüssel gegeben und auch ein Frühstück in Aussicht gestellt. Ich bin ganz allein im Haus, es ist sehr ruhig, nur das Wasser, das draussen an der Wäscheleine aus meinen frisch gewaschenen Kleidern tropft, ist zu hören. So schlafe ich bis acht.

Beim Morgenkaffee erzählt mir Carmen Steingraf, dass der Hof vor dreissig Jahren ziemlich verlottert gewesen sei. Man habe etwas Landwirtschaft für den Eigenbedarf betrieben auf dem wenigen Land, das nach den Landreformen noch dazu gehörte. Nach der Wende haben die Besitzer das Haus dann renoviert, weil man nun vergleichsweise einfach zu Baumaterialien kam. Vorher war das schwierig – man musste alles unter der Hand beschaffen und über entsprechende Beziehungen verfügen. Zuerst war «Sabine» eine Pension für Monteure, die in der Gegend zu tun hatten. Jetzt auch für Radfahrer. Und seit neustem für Wanderer. Ich sei der erste, sagt sie.

Frau Steingraf hütet die Pension Sabine
In Nellschütz funktioniere die Dorfgemeinschaft, erzählt sie dann. An Pfingsten gibt es jedes Jahr ein Dorffest draussen beim Sportplatz. Dieses Jahr natürlich nicht wegen Corona. Man kann kein Fest feiern und Masken tragen. Das geht nicht. Im September trifft man sich in normalen Jahren zum Oldtimertreffen: Autos, Traktoren, Mopeds – alles wird herangefahren. Ob es dieses Mal stattfindet, ist noch nicht klar. Frau Steingraf sagt, dass man viele Arbeiten an den Strassen oder auf den Plätzen im Dorf selbst mache. Weil eben ein guter Geist herrsche im Dorf. Eigentlich müsste die Stadt dafür aufkommen, aber Lützel schaut nur für sich. Seit 2011 gehört Nellschütz zu Lützel, und als die Leute hier merkten, dass Lützel nichts fürs Dorf tat, hat sich Frau Steingrafs Mann in den Stadtrat wählen lassen. Und dort hat er gemerkt, dass die Ausgaben für die nächsten Jahre schon fix und fertig beschlossen sind. Nellschütz kommt da gar nicht vor in den Plänen. So sei das mit diesen Eingemeindungen, sagt meine Gastgeberin und legt mir ans Herz, die beiden Pferde, die am Dorfausgang weiden, zu grüssen. «Es sind nämlich meine.»

Sie nehmen den Gruss relativ achtlos entgegen. Im Laufe des Tages wandere ich durch Ortschaften und an Dörfern vorbei, die sonderbare Namen tragen: Poserna, Stösswitz, Sössen, Kölzen, Starsiedel, Rahna, Grossgörschen, Kitzen, Löben, Kleinschkorlopp … In fast allen steht für die Kinder ein Spielplatz in der Ortsmitte und am Ortsrand oft auch eine Kinderkrippe. Kirchen gibt’s nicht überall.

Geburtshaus des Dichters Seume in Poserna
In Poserna nehme ich zuerst den falschen Weg, werde von einem Einheimischen durch eine schmale Gasse auf den richtigen gewiesen und dort stehe ich unvermittelt vor einem Haus mit einer Gedenktafel, die mir sagt, dass hier der Dichter Johann Gottfried Seume auf die Welt gekommen sei und zwar 1763. Der Name erinnert mich daran, dass ich von ihm zuhause ein Buch stehen habe. Gelesen habe ich es aber nie. Seume ist von Dresden über Triest zu Fuss nach Sizilien gereist und hat diese Reise im «Spaziergang nach Syrakus» beschrieben. Weil ich auch mal nach Sizilien gewandert bin, wollte ich es lesen, aber es blieb beim Vorsatz. Ich verneige mich vor dem Geburtshaus und gelobe, das Versäumnis nachzuholen.

Windräder haben eine lange Tradition in dieser Gegend
Zwei Dörfer später spricht mich ein 78-Jähriger wegen meines Rucksacks an. Er müsse sehr schwer sein. Die unteren Schneidezähne des Mannes sind Stummel, als hätte sie jemand abgeschliffen. Er sagt, dass er jeden Tag sechs Kilometer wandere. Lange Zeit hat er keinen Sport mehr betrieben. Eigentlich seit er aus der Volksarmee entlassen worden ist. Die Volksarmee war vor allem Sport. Viel Sport, sagt er, und auch noch anderes. Er hat Elektriker gelernt und in einer Schlossereiwerkstätte gearbeitet. Dass die beiden Deutschland zusammenkommen, war schon richtig. Aber es hätte nicht so schnell gehen müssen, sagt er. In der DDR hatte jeder Arbeit. Jeder hatte eine Wohnung. Vielleicht nicht immer die schönste, aber jeder hatte eine. Und dann kam die Wende, man hat die Firmen für einen Euro kaufen können und nach einem Jahr hiess es, die Produkte seien nicht konkurrenzfähig. Man hat alle entlassen. In der Schuhfabrik in Weissenfels zum Beispiel. Alle hat man entlassen. Hätte man nicht auf die Schuhe geschrieben, dass sie aus der DDR kommen, wären sie konkurrenzfähig gewesen.

Nur ein Turm dampft in Lippendorf
Sonst treffe ich wenig Menschen. Ich gehe von Dorf zu Dorf und frage mich, wieso ich DDR-Bauten sofort zu erkennen glaube. Weil sie so klobig rechteckig mit relativ kleinen Fenstern und ohne jegliche Abweichung der geraden Linien schmucklos in die Landschaft gestellt worden sind? In eine Landschaft, die sehr, sehr leer wirkt, nachdem die Mähdrescher in den letzten Tagen sämtliches Getreide abgeräumt haben. Weite, weite Stoppelfelder, im Hintergrund mal eine Hecke, ein paar Bäume oder ein rauchendes Kohlekraftwerk. Die Landschaft hier scheint keine Ränder mehr zu haben, es zieht sich alles ins Unendliche hin. So, wie die Menschen vor Jahren bedenkenlos diese klotzigen Bauten an die Dorfränder gestellt haben, so rücksichtslos haben sie all die verschiedenen Äcker, Felder und Wiesen der verschiedenen Besitzer zu einer einzigen Fläche zusammengepappt, pflügen die Ebene um, bringen die Saat aus, dann Dünger, tonnenweise, Herbi-, Pestizide, damit kein Unkraut wächst und fahren mit ihren kolossalen Maschinen drüber. Das weite Land, so malträtiert.

Beim Kohlekraftwerk Lippendorf dampft ein Turm, der andere steht still daneben. Vielleicht ist er nur vorübergehend ausgeschaltet. Die Kohle stammt längst nicht mehr aus den Tagbauwerken der Gegend hier. Die Braunkohleförderung wurde zuletzt auch in Zwenkau eingestellt und zwar 1999. Sieben Jahre später hat man damit begonnen, das Loch mit Wasser zu füllen. Ich freue mich auf ein Bad im Baggersee. Vor drei Jahren waren Moni und ich am etwas nördlicher gelegenen Cospudener See und haben dort dem Treiben der Badenden zugeschaut.

Der Strand des Zwenkauersees ladet nicht sehr zum Bade
Nun will ich mich im Zwenkauer See erfrischen. Vielleicht hätte ich es einfach versuchen müssen – rein ins Wasser. Aber der See ist noch nicht ganz aufgefüllt, entsprechend sind die Ufer steinig, die Zugänge eher abweisend und es wird sogar vom Bade abgeraten. Die ehemals steinige Wüste rund ums riesige Baggerloch ist vor wenigen Jahren aufgeforstet worden, die Büsche sind erst in geringe Höhen gewachsen, die Bäume ebenfalls. Das alles wirkt weder lieblich, noch ladet es zum Bade. Ich wandere einem Weg entlang, gekiest mit dunkelgrauem Schotter, der die Hitze widerspiegelt. Ein Ziel habe ich, nur eins: weg aus dieser unwirtlichen Kunstlandschaft, in die sich ausser mir nur, zwei, drei Radfahrer verirrt haben.

So sieht der See dann vielleicht einmal aus
Und so endet mein Badeabenteuer. Ich eile Leipzig zu, der Stadt, in der wir vor drei Jahren schöne Tage verbracht haben und die mir deshalb schon ein bisschen vertraut erscheint.

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