Das KZ liegt abseits vom Lutherweg

Spur durch Deutschland, Erfurt – Weimar, 25. Juli 2020. Statt wie einst Martin Luther direkt von Erfurt nach Weimar zu reisen, wandere ich über den Ettersberg, den Goethe auch gern bestiegen hat. Dort oben liegt die Gedenkstätte des KZ Buchenwald.

Figurengruppe des Buchenwald-Denkmals mit dem Glockenturm

Wie genau Luther vor fünfhundert Jahren von Erfurt nach Weimar gelangte, um dort mit Freunden über kirchenreformatorische Angelegenheiten zu diskutieren und in der Schlosskirche auch grad noch zu predigen, habe ich nicht herausgefunden. Wahrscheinlich hat er im Gegensatz zu mir den direkten Weg eingeschlagen und ist nicht über den Ettersberg gestiegen, die höchste Erhebung im so genannten Thüringer Becken.

Die ersten Kilometer aus Erfurt hinaus sind wir möglicherweise den gleichen Weg gegangen, jedenfalls lese ich auf einem Schild, dass ich auf dem Lutherweg wandere. Wie ich der Ausfallstrasse entlang schreite, fällt mir wieder die Geschichte von Luthers Nierensteinen ein. Er muss unter Höllenqualen gelitten haben, als er mit seinem Arzt von einem kirchenhistorisch bedeutenden Treffen in einer Kutsche des Kurfürsten von Sachsen nach Wittenberg fuhr. Die Kutsche soll so gerüttelt haben, dass es ihm die Nierensteine rausgespült hat. Luther selbst glaubte aber, dass ihn das Wasser eines Brunnens, aus dem er kurz zuvor getrunken hat, heilte. So wurde der Brunnen in Tambach zum Pilgerort und natürlich führt auch durch Tambach ein Lutherweg. Gegen 500 Kilometer Lutherweg sollen es sein in Thüringen. Er war überall.

Je weiter ich mich vom Erfurter Zentrum entferne, desto grauer werden die Quartiere und Häuser und Seitenstrassen. Auf dem grossen Parkplatz vor dem «Nahverkauf» parken wenig Autos und die Leute, die aussteigen, haben zum Einkaufen praktischerweise grad mal das übergezogen, was sie vielleicht gestern und vorgestern auch schon trugen. Etwas zu kurze Hosen, fleckige Leibchen, durchgescheuerte Röcke. Sie kaufen Tiefkühlprodukte, Saft in Kartons, Aufbackbrötchen, und die Kassiererin ist kumpelhaft freundlich. «Haben Sie die Karte diesmal dabei?» Oder so. Man kennt sich, gehört zusammen, gezwungenermassen, hat keine Wahl, ist nett miteinander. Ein altes Verhaltensmuster hier in dieser Zone, dünkt mich. Aber vielleicht fantasiere ich nur.

Wo Luther geradeaus nach Weimar gegangen sein dürfte, biege ich nach Kerspleben ab. Dort will ein Bauer seinen Hof mit einer Gruppe Naturfreunde zu einem Erlebnishof machen. Das Land gehört keiner Genossenschaft, sondern ihm, es sind auch nur fünf Hektaren. Auf dem Hof könnten die Kinder aus der Stadt Tiere streicheln und auch mal sehen, woher das Essen kommt. Das Problem: das Geld. Alle sind begeistert von der Idee, aber niemand will zahlen, Thüringen nicht, der Kreis nicht, die Stadt nicht, Private nicht. So bleibt vorerst der Plan allein.

Auf dem Ettersberg lag das KZ Buchenwald

Vorn erhebt sich der Ettersberg. Nur noch eine ICE-Bahnlinie trennt mich vom Aufstieg auf diesen 400 Meter hohen Hügel. Er war ein wichtiger Ausflugs- und Naturort für den grossen Johann Wolfgang von Goethe, der die meiste Zeit seines Lebens mit anderen Geistesgrössen auf der anderen Seite des Etterbergs in Weimar verbrachte. Aber nicht deswegen steige ich da hinauf. Sondern weil ich – ich muss es gestehen – erst gestern beim Planen der Route begriffen habe, dass dort oben das KZ Buchenwald lag und jetzt die Gedenkstätte liegt. So nah bei Weimar – das war mir nicht bewusst und da ich es jetzt weiss, kann ich nicht einfach ins kulturgeschichtlich bedeutende Weimar hineinspazieren und die Nähe dieses KZ ignorieren. Auch wenn die Nazis Goethe als Verkörperung des Deutschen Geistes zu instrumentalisieren versuchten, so scheuten sie sich, das Lager KZ Ettersberg zu nennen. Es war, wie ich gelesen habe, der Nationalsozialistischen Kulturgesellschaft Weimar doch auch etwas zuviel, Goethe via «Ettersberg» mit einem Konzentrationslager in Verbindung zu bringen.

Die Pfosten des Zauns um das KZ Buchenwald

Der Aufstieg in der heissen Julisonne bringt mich zum Schwitzen und als ich endlich in den Wald gelange, erschrecke ich. Da stehen noch die Pfosten, an denen vor fünfundsiebzig Jahren die Gitternetze befestigt waren, zum Teil noch verrosteter Stacheldraht und die Isolatoren für die elektrischen Drähte. Plötzlich tut sich auch der weite Platz auf, wo die Baracken standen, die Fabriken für die Rüstungsgüter, die Wachtürme, die Gedenktafeln. Es ist wieder diese Scham, die mich packt wie in Dachau, dass Menschen aus einer aufgeklärten und gut gebildeten Gesellschaft unter dem Druck und dem Zwang einer irren Ideologie andere erniedrigen, quälen, ausbeuten und locker mit Strang oder Gift oder Genickschuss umbringen können. «Jedem das Seine» steht am Eingangstor. Der Zynismus wieder. Vom KZ aus sieht man hinaus in die Thüringer Ebene, wo die Freiheit gewesen wäre. 56 000 Menschen kamen um, ermordet, zum Teil in einer hinterhältig konstruierten Genickschussanlage, zu Tode geschuftet. Dissidenten aus allen möglichen Ländern, Sinti und Roma, natürlich auch Juden.

Zum Gedenken an die Ermordeten stehen auf der Gedenkstätte Mauern um die Ringgräber

Der Gedenkort ist weit grösser als in Dachau. In der DDR-Zeit wurde auf dem Ettersberg mit Blick auf Weimar ein riesiges Memorial aufgebaut mit Glockenturm, einer Figurengruppe und Ringgräbern, in denen die namenlosen Toten liegen. Ein Mann, der unten in einem der Dörfer am Ettersberg wohnt und immer wieder hier herauffährt, erzählt mir, dass diese Gedenkstätte gewiss eindrücklich sei, aber in der Schule habe man zu DDR-Zeiten nicht wirklich über die Geschichte des KZ reden können oder Genaueres erfahren. Die Amerikaner hätten das Lager zwar befreit, sich nachher aber zurückgezogen, weil die Gegend der sowjetischen Besatzungszone zugeteilt wurde. Und die Russen hätten das Lager vorerst weiter betrieben. Nicht mit Folter und Mord, aber die Gefangenen – Dissidente –  seien an Typhus und anderen Krankheiten gestorben.

Die Bilder sind erdrückend. Unten liegt in einer breiten Talsenke Weimar, wo deutsche Dichter und Denker das ideale Bild des Menschen gedacht und beschrieben, den Geist entwickelt und die Philosophie geprägt haben. Es passt so überhaupt nicht zusammen, was da oben passiert ist und was unten im Tal gedacht worden ist.

Auf der Heide weiden Schafe, im Hintergrund Weimar

Es sind keine Felder, denen entlang ich Weimar entgegenschreite, kein Wald, durch den sich ein Weg zieht – es ist eine weite, weite Heide mit hohen Gräsern, mit Büschen und mit Disteln, Kerbeln, Heidenröschen. Eine gute Stunde wandere ich durch, abwärts immer, mir dämmert erst jetzt, warum der Dichter Goethe, der in seinem unerfüllten Verlangen nach Frau von Stein auf diesem Berg oft Balsam suchte für seine Seele, die Heide lieben lernte und das «Heidenröschen» dichtete: «Sah ein Knab’ ein Röslein stehn, /Röslein auf der Heiden, /War so jung und morgenschön, /Lief er schnell es nah zu sehn, /Sah’s mit vielen Freuden …»

Wie Weimar sein wird, werde ich morgen sehen. Der erste Eindruck ist durchaus überraschend: Vor dem Nationaltheater findet ein grosses Skater-Happening statt, junge Leute, vor allem Burschen, zeigen ihre Künste auf dem Brett und wirbeln ums Denkmal der Dichterfürsten Goethe und Schiller herum. Ziemlich harter Rock erschüttert den Platz, und um die Spaghetti beim Italiener zu bestellen, muss ich ziemlich laut schreien.

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