Hoch über «La Vallée»

Rund ums Baselbiet, Etappe 6 von Liesberg nach Bärschwil – 30. September 2019. Eine überraschende Aussicht über das Delsberger Becken tut sich auf dem Pierreberg auf und im Restaurant daneben schenkt die Wirtin auch bei geschlossener Kasse einen Kaffee aus.

Zwischen Pierreberg und Wasserberg oberhalb Liesberg
Fast zwei Monate ist es her seit der letzten Grenzwanderung. Es gab viel zu tun in diesem Sommer und die Etappe von Liesberg/Riederwald irgendwo hinauf ins Jura-Juhee und ein paar Kilometer nördlich wieder hinunter zur Birs hat mich auch nicht so wahnsinnig gejuckt. Ich bin dann froh, wenn ich aus dem Laufental heraus bin.

Im Postauto nach Liesberg/Riederwald sitzt eine Alkoholleiche, die oben in Liesberg Dorf von einem Aussteigenden wachgerüttelt und aufgefordert wird, nicht mehr einzuschlafen, denn nach zwei Stationen sei Schluss und dort müsse er aussteigen. Offenbar war er am Vortag am FCB-Match gegen Luzern und hat den Heimweg noch nicht gefunden. Er kämpft sich dann in Riederwald aus dem Postauto und wankt einem dieser Mehrfamilienhäuser zu. Ich dagegen ziehe nüchtern Richtung steil aufsteigendem Wald, schreite an ein paar Häusern hinter der Bahnlinie vorbei und folge einem Wegweiser zur Teufels-Chuchi.

Hier der Grenze zu folgen, wäre töricht, denn sie führt durch dichten Wald und über Felsen aufwärts. Ich wandere auf einem Waldweg hinein in den Kanton Jura und dann oberhalb Soyhières auf bereits fast 700 Metern Höhe wieder nordwärts zu einem Hof, der «Le Rohrberg» heisst. Zwischendurch sehe ich durch den Wald hinüber auf die andere Talseite, wo der Höllhof liegt, was weiter nicht verwunderlich ist, da ich eben an der Teufels-Chuchi vorbeigekommen bin. Bevor ich dann die weite Weide, in der «Le Rohrberg» liegt, erreiche, durchsteige ich ein recht steiles Waldstück mit märchenhaft bemoosten Baumstämmen, die am Boden vermodern.

Blick nach Soyhières
Die Aussicht auf dieser Rohrberg-Wiese ist prächtig, unten liegt der mächtige Hof, in der Ferne sehe ich Häuser von Soyhières und dann überquere ich wieder die Kantons- respektive Sprachgrenze und komme zum Hof Rohrberg, was aber ein anderer ist als «Le Rohrberg» im Jurassischen. Wiederum in französischen Teil liegt, hinter einer typischen Juraweide, der Hof Vadry. Ziegen weiden, Kinderspielzeug steht herum, Enten wundern sich über den Spaziergänger, schöne Gartenmöbel laden zum Sitzen, aber kein Mensch weit und breit. Einige hundert Meter später kurvt ein Auto auf einen Platz vor einer Cabane, ein Paar packt einen Picknick-Korb aus dem Fonds und setzt sich an einen Tisch. Ich lasse mich weiter vorn auf einer Sitzbank nieder und erblicke, ohne darauf gefasst gewesen zu sein, eine weite Ebene unter mir: das Delsberger Becken. «La Vallée», nennen sie es da unten mit Delémont drin, mit all den Dörfern von Glovelier, Bassecourt, bis Courrendlin und ostwärts Courchpoix, Corban, hinten die Freiberge – ein wahnsinnig schöner Ausblick, den ich so nie erwartet hätte. Ich geniesse die Sicht, esse mein Eingeklemmtes dazu und friere ein bisschen, weil ein zügiger Wind weht.

Die Aussicht vom Pierreberg über La Vallée – das Delsberger Becken
Plötzlich steht ein Restaurant vor mir. «Ouvert». La Pierreberg. Ich trete näher, staune, wie da in dieses alte Haus ein modernes Gasthaus eingebaut worden ist, trete ein und höre mich um. Kein Mucks, kein Ton, kein Geräusch, absolute Stille. Die Tische und Stühle stehen sehr einsam im Raum, ich suche mir einen Platz, von dem aus ich ein bisschen was von der Landschaft draussen sehe. Da stürmt ein kleiner Köter in die Gaststube und bellt mich an, es ist eine ganze Weile der einzige Lärm und dazu noch ein unangenehmer. Bis dann eine etwa Dreizehnjährige eintritt, etwas verschüchtert, und mich fragend anschaut. Sie schweigt und so stelle ich eine Frage – nämlich: Ob wirklich geöffnet sei. Ich hätte draussen das Schild gesehen. Das Mädchen macht rechtsumkehrt und holt die Mutter, die am Vorabend offenbar vergessen hat, dass Ouvert-Schild umzudrehen. Am Montag sei Ruhetag, sagt sie, und schickt sich dann an, mir einen Kaffee anzubieten. Als ich dann zahlen will, kommt der ganz peinlich Moment. Ich habe das Portemonnaie zuhause vergessen, was mir auf der Reise nicht aufgefallen ist, weil das Zugsabonnement in der Handy-Hülle steckt. Die Wirtin sagte, das spiele keine Rolle – da Ruhetag sei, sei die Kasse geschlossen. Sie gibt mir eine Visitenkarte des Restaurants mit, auf dass ich wieder einmal käme und dann wandere ich an Weiden und an Kühen vorbei über den schönen Horniberg: Unterdessen scheint die Sonne, es ist wärmer geworden und die Landschaft da oben lässt das enge und etwas düstere Laufental unten vergessen.

Grenzstein Solothurn – Jura – Baselland
Auf dem Drei-Kantone-Eck (Baselland, Jura, Solothurn) zwischen Horniberg und Rechtenberg steht ein markanter Grenzstein, bei dem eben grad drei Rinder weiden. Und dann geht es hinunter, hinunter am Hof Wasserberg vorbei und an der Bärschwiler Jagdhütte bis an die Birs, wo Schilder am Wegrand einem die Natur und Geologie erklären und wo Pilze mit goldenen Köpfen auf dem Weg wachsen.
Pilze mit goldenen Köpfen

Plötzlich stehe ich nach dieser langen Wanderung durch steile und wilde Juralandschaften an einer Bahnlinie und vor Lager- und Werkhallen, die allerdings recht leer wirken und auch etwas unheimlich. Aber – das muss ich schon auch sagen: Der Spaziergang der Birs entlang bis Station Bärschwil, wo die heutige Etappe enden wird, zeigt mir den Fluss in einem ganz neuen Licht.

Birslandschaft
Bisher dachte ich beim Vorbeifahren im Auto, im Zug oder auch auf dem Velo immer, hier dränge sich die Birs einfach so rasch als möglich durch die Felsen durch, um sich dann im Becken von Laufen oder dann vorn bei Aesch in ihrer ganzen – sagen wir mal! – Pracht zu zeigen. Doch das ist anders: Hier, zwischen Liesberg Station und Bärschwil, fliesst sie durch eine unerwartet anmutige Landschaft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.