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Der Preis für ein Ei

Bauernkundgebung in den 60er Jahren
Marsch vors Bundeshaus

Dieser Grossaufmarsch der Geflügelbauern in Bern nützte gar nichts. Sie demonstrierten für höhere Eierpreise. Unterdessen sind sie noch weniger wert.

Es ist Winter, die Bäume ohne Laub, dafür Schnee auf den Ästen. Jetzt gerade scheint es zu regnen. Einige der Demonstranten schützen sich mit Schirmen. Aus der ganzen Schweiz sind sie nach Bern gefahren, haben sich ordentlich angezogen. Weisse Hemden, Krawatten. Sie bangen um ihre Zukunft, um ihre Existenz und ziehen vors Bundeshaus –  zu Hunderten –, um Landwirtschaftsminister Hans Schaffner ihre Meinung zu geigen. «Schaffner! du musst doch etwas tun – du bist doch gescheiter als ein Huhn!»

Schaffner war in den 60er Jahren Bundesrat. Ein Ei kostete zwischen 40 und 68 Rappen. Das war den Bauern zu wenig, sie fürchteten um ihre Existenz. Ob Bundesrat Schaffner den Protest ernstgenommen hat, ob er den Bauern entgegenkam, ist nicht anzunehmen.

Heute kostet ein Ei etwa gleich viel, eher weniger. Der Richtpreis für Bio-Eier liegt per 1.Januar 2026 bei 55.40 Rappen. Das ist erstaunlich. Seit 1965 hat sich das allgemeine Preisniveau vervierfacht. Das kann man alles in den Statistiken und Berichten des Bundesamts für Statistik nachlesen. Ein Ei müsste demnach heute etwa 2,30 Franken kosten, ein Sechserkarton 13,80 Franken. Das gäbe einen Aufschrei.

Es gibt aber keinen Aufschrei, weil die Bauern die Produktivität erhöht haben. Krass erhöht. Produktivität – das tönt recht technisch. Ist es auch. Erstens gibt es mehr als doppelt so viele Hühner wie 1965 – etwa 13.5 Millionen. Und sie brauchen viel weniger Platz. Statt auf 100’000 Bauernhöfen, die damals Hühner hielten, rennt Federvieh auf nur noch 14’000 Betrieben herum. Was heisst denn «rennt»? Davon kann keine Rede sein. Die Hühner staksen in riesigen Laufställen dicht gedrängt umeinander herum. Auch jene, die Bio-Eier legen.

Nach anderthalb Jahren ist dann Schluss fürs Huhn. Kopf ab und die nächsten Legemaschinen müssen ran. Aber das ahnten die Demonstranten, die in den 60ern vors Bundeshaus in Bern zu Landwirtschaftsminister Schaffner zogen, noch nicht. Sie glaubten gewiss an den Fortschritt. Aber dass der Fortschritt so viel zusätzliche Produktivität aus der Natur rauspressen kann, wenn man ihm freie Fahrt lässt, hätten sie sich nicht vorstellen können.