Der Tag der Thesen

Spur durch Deutschland, Gräfenhainichen – Wittenberg, 4. August 2020. In einem Dunstkreis merkwürdigster Lebensweisheiten bin ich eingeschlafen und auch wieder erwacht. In der Folge habe ich beim Wandern Thesen aufgestellt und mir an der Schlosskirche in Wittenberg auch jene von Luther angesehen.

Der Kultur-Industriepark Ferropolis im Hintergrund und im Wasser das Dorf Gremmin

Doch, doch, mein Zimmer ist voll okay. Alles sauber, ordentlich, der rote Knopf beim Fernseher leuchtet und für diesen Übernachtungspreis würde in der Schweiz ein Zimmervermieter nicht einmal zum Telefonhörer greifen, um einen Anruf entgegen zu nehmen. Einen kleinen Haken hat das Zimmer. Es liegt ebenerdig und zwar genau bei der überdachten Sitzbank, wo der Aschenbecher steht.

Zwei der einquartierten Monteure, die drinnen an der Theke hängen, müsse alle zwanzig Minuten mal für eine Rauchpause nach draussen und ich verstehe jedes Wort. Thema und These eins: Deutschland ist ein verficktes, verschissenes Land wegen der Maskenpflicht, und die Demonstranten vom Wochenende in Berlin hatten schon Recht. Aber es ist dennoch gut, dass sie die Polizei vertrieben hat, denn mit denen möchtest du kein Bier trinken.

These zwei, zwanzig Minuten später: «Die Polen sind nicht schwindelfrei.» Die beiden Monteure arbeiten offenbar im Leitungsbau, müssen oft auf hohe Leitern steigen und eben – Polen sind nicht schwindelfrei.

These drei, weitere zwanzig Minuten später: Secretsass ist die genialste Erfindung. Secretsass – vielleicht habe ich den Namen falsch verstanden – ist ein Ding, das du in den Garten legst, es sieht aus wie ein echter Stein, aber mit einer App kannst du ihn zum Leuchten bringen oder zum Musikmachen. These vier: Das deutsche Strafgesetzbuch ist Scheisse. Wenn dir ein Ukrainer von der Leiter fällt, bist du beschissener dran, als wenn du jemanden niederstichst.

Irgendwann schlafe ich dann doch ein. Als ich Zeuge der nächsten These werde, ist es schon hell. Es muss die Frühstücks-Zigarette gewesen sein, denn die Monteure sind bereits irgendwo an der Arbeit, als ich beim Kaffee erscheine. Die Frau, die ihn ausschenkt, lacht über meine Maske und sagt, ich möge sie bitte einpacken.

Die Geschichte eines Dorfes …

Thesen, denke ich, sind grundsätzlich gar nicht so schlecht. Kommt nur drauf an, was drin steht. Meine erste These am heutigen Tag: Gremmin hat Pech gehabt. Gremmin war ein 600 Jahre altes Dorf in Sachsen-Anhalt mit 120 Einwohnern, als es 1981 dem Kohle-Tagbau weichen musste und die Leute umgesiedelt wurden. Zehn Jahre später wäre das nicht passiert, weil dann die DDR zusammengebrochen ist, der Westen das Sagen hatte und der Braunkohle-Abbau eingestellt wurde. Zehn Jahre ist wenig für ein sechshundert Jahre altes Dorf. Immerhin heisst der See, der sich über Gremmin ausbreitet, Gremminer See. Dem Seeweg entlang wird die Geschichte des Dorfes auf Tafeln erzählt. Bevor es geräumt wurde, fand in der Kirche noch ein Gottesdienst statt. Die Bewohner lebten später zum grossen Teil in Gräfenhainichen.

«Fünf vor zwölf» – Skulptur eines lokalen Künstlers am Gremminsee

Meine zweite These: Es ist rührend, wie Menschen versuchen, in diesen Dörfern eine Identität zu schaffen. Es wird auf Plakaten zu Zusammenkünften für dies und jenes aufgerufen und die lokale Kunst wird gefördert. Die Skulpturen eines ansässigen Künstlers zieren den Seeweg ebenfalls.

Dritte These: Man ehrt die lokalen Geistesgrössen, die es hier mal in offensichtlich beachtenswerter Zahl gab. In Gräfenhainichen lebte Paul Gerhardt, der vor bald 400 Jahren Kirchenlieder dichtete, die Kirchgängern noch heute zugemutet werden. «Wach auf, mein Herz, und singe …» ist so eines, das ich im Konfirmationsunterricht auch vorgesetzt bekam. Zu Paul Gerhardts Ehren steht im Zentrum von Gräfenhainichen ein Palästchen, das aber am Zerfallen ist. In einem Nachbardorf, Radis, wird Johann Gottfried Galle mit einem Planetenweg geehrt, ein Astronom, der vor bald 200 Jahren den Neptun entdeckt hat. Im nächsten Dorf wird einem Philosophen die Ehre erwiesen, der an der Universität Königsberg Immanuel Kants Nachfolger war: Wilhelm Traugott Krug. Und so geht das weiter.

Weitere These: Es fehlt den Leuten in dieser Gegend etwas die Unbeschwertheit. Man lacht nicht ohne Grund und schon gar nicht auf Vorrat. Darum lässt man es lieber ganz weg oder tut es höchstens einmal die Woche. Man grüsst nur, wenn der andere zuerst grüsst. Ein bisschen Misstrauen kostet nichts und darum schaut man Fremden argwöhnisch entgegen.

Oder: Einen Gasthof in einem Dorf öffnet man nur, wenn Gäste kommen und da sowieso keine kommen, lässt man ihn besser den ganzen Tag geschlossen. Von Montag bis Freitag. Auf dem Campinplatz am See soll aber einer offen sein. Für die Camper. Ein Dorfladen bringt eh nichts, weil Nahkauf, Aldi und Lidl beim Autobahnkreuz stehen.

Mit solchen Gedankenübungen verkürze ich mir die Wanderung den Seen entlang, durch Wälder, folge einer Eisenbahnlinie, auf der ICE-Züge in die Ferne sausen, gehe durch Dörfer mit schönen Backsteinhäusern und Gärten, aber mit ebenso vielen leeren, toten Gebäuden, deren Fenster mit Spanplatten vernagelt sind. In Pratau, sechs Kilometer vor Wittenberg, fällt mir keine These mehr, dafür ein Glücksspiel ein. Das geht so: Wenn dort vorn bei jener Bushaltestelle in der nächsten halben Stunde ein Bus Richtung Wittenberg hält, dann steige ich ein. Und es hält einer – im siebzehn Minuten. Um 15.41 Uhr.

Das Konzept sieht hier spirituelle Erfahrungen vor

Nun habe ich Musse, Wittenberg und seine Vergangenheit mit dem Reformator Luther anzuschauen. Zuerst begrüsst einen der Bunkerhügel, ein Relikt aus der Nazi-Zeit, das gesprengt aber nicht weggeräumt und im Hinblick auf das 500-Jahrjubiläum der Reformation zu einem Ort der spirituellem Erfahrung umgebaut worden ist. Unterdessen haben aber Vandalen gewütet und sich an delikaten Dingen wie Spiegelwänden so ausgetobt, dass man vor allem vor Scherben steht.

Lutherhaus in Wittenberg, ein ehemaliges Kloster

Da hat das Lutherhaus, das ehemalige Kloster, das der sächsische Kurfürst damals Luther schenkte, die Jahrhunderte doch besser überstanden. Martin Luther war ein ganzer Kerl, das muss man wohl sagen, wenn man seine Biographie in diesen Räumen durchschreitet. Er hat hartnäckig gegen die Verlogenheit des Papstes gekämpft und neben vielem, was einem heutzutage halt fremd bleibt, in seinen Thesen auch Anliegen vertreten, die ewig modern bleiben: «Man muss die Christen lehren: Wer dem Armen gibt oder dem Bedürftigen leiht, handelt besser, als wenn er Ablässe kauft.» Und den Zins, die Quelle vielen Übels, hat er auch bekämpft.

Luthers Gattin Katharina

Während er mit dem Papst im Religions-Gefecht lag, hat seine Ehefrau Katharina fürs Fortkommen auf dieser Welt gesorgt. Ständig musste Luther mit dem Geld des Kurfürsten neue Gärten und Grundstücke kaufen, damit sie ihn und seine Familie und Gäste und Studenten bewirten konnte. Die hatte echt was drauf und kommt in den Ehrungen einfach zu kurz. Eigentlich stand Luthers anfänglich gar nicht so richtig auf sie, doch sie wollte ihn. Sie gehörte zu den Nonnen, die wie die Eva Schönfeld aus Löbnitz, von der ich gestern berichtet habe, aus dem Kloster geflohen sind, und Luther gedachte, sie an einen anderen verkuppeln. Doch Katharina blieb standhaft: Wenn ein Mann, dann Luther. Das muss ja zugegangen sein.

Wenig Leute auf dem Rathausplatz

Mit Gedanken dieser Art spaziere ich noch ein bisschen durchs Städtchen, schaue in die Schaufenster, in die Gartenrestaurants, mache ein Selfie vor einer silbernen Weltkugel, die ebenfalls aus Anlass des 500-Jahre-Jubiläums dasteht und wundere mich, wie wenig Touristen in Wittenberg zu Gast sind.

Luthers 95 Thesen an der Schlosskirche, die die Reformation einleiteten

Und dann komme ich zur Schlosskirche und zu den nächsten Thesen. 95 sind es. In Bronze gegossen unterdessen, weil sie so, wie Luther sie angeschlagen hat, nicht 500 Jahre in Wind und Wetter hätten überdauern können.

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