Garstig, 28. Mai 2002

Die letzte Tagesetappe durch England hat es in sich. Noch nie hat es so geregnet. Und jetzt, da alles nass ist, finde ich in Portsmouth nicht einmal eine richtige Absteige.

Eine Nacht bei Bob unter dem Strohdach

Bob, der Herr des Hauses, lag auf dem Korbstuhl im Wintergarten, wo er mein schlichtes Frühstück-Gedeck hingestellt hatte, hörte mit dem einen Ohr Nachrichten, mit dem anderen auf das Prasseln des Regens auf dem Glasdach. Kein Anzeichen, dass er nächstens aufstehen würde, um zum Beispiel einen Kaffee zu kochen. Das war ja auch nicht so dringend, aber immerhin war er es, der mich gestern Abend dringend gebeten hatte, spätestens, allerspätestens um halb acht am Frühstückstisch zu sitzen. Ich müsse das Haus frühzeitig verlassen, da er selbst spätestens um acht zur Arbeit gehen müssen. Und nun lag er da auf dem Korbstuhl und kommentierte die Radio-Nachrichten: «In Indien droht ein Krieg, weil man diesen Kindern Atom-Spielzeuge gegeben hat. In Nahost töten sie sich. Wir haben Aids. Wir haben die Klima-Erwärmung. Aber was bringen die zuerst: ‘David Beckham kann gegen Schweden vielleicht doch spielen!’»

Mit der Arbeit eilte es offenbar doch nicht so. Ich erkundige mich vorsichtig. Nein, mit Arbeiten sei nichts. Er sei Gärtner, und bei diesem Regen könne er weder Rasen mähen noch Hecken schneiden. Mag sein, dass er es bedauerte, aber hingebungsvoll hörte er dem Regen auf dem Dach zu, versicherte sich, dass wirklich nichts mit Arbeiten sei. Dann endlich gab er sich einen Ruck, hob seinen Bauch aus dem Rohrsessel, zeigte grosse Besorgnis im runden Gesicht und wollte gar nicht so recht scherzen. Musiker sei er gewesen in den Siebziger Jahren, habe auch für BBC gearbeitet, dann später als Makler. Als ihn seine Agentur verschachern wollte, hatte er auf Gärtner umgestellt. Selbstständig. Viel verdiene er nicht, aber immerhin, es komme was rein. So fürs tägliche Leben. Ob seine Frau arbeite, frage ich in die Küche hinein. Er kommt mit dem Kaffee zurück, schaut mich an und sagt: «Sometimes.» Später erscheint sie im Morgenrock.

Auf der Post erklärte mir der Pöstler, wo ich durchgehen solle. Er tat das sehr ausgiebig, schaute plötzlich hinter mich und sagte, oh, was für eine Schlange. Drei Frauen und ein Mann warteten. Geduldig. Draussen regnete es. Später suchte er mir Briefmarken heraus, blätterte verschiedene Bogen durch und fragte: „Do you want the Queen?“

Augen zu, Nase zu – und durch

Es regnet. Leicht vorerst. Ich ziehe los. Einer verwunschenen, stillgelegten Bahnlinie entlang, die über Backsteinviadukte führt, zeitweilig völlig überwachsen. Es geht bergan auf einen Hügel mit wunderbarer Aussicht und Blick aufs Meer, auf die Isle of Wight – doch leider war der Nebel so dicht, der Regen so stark und der Wind so steif, dass ich nur hundert Meter weit sah. Und den Namen des Hügels (Old Winchester Hill) gab es nicht mehr auf meiner Karte. Der Wind hatte sie mir aus der Hand geweht, mit dem Rucksack auf dem Buckel jagte ich ihr hintennach. Und als ich sie eingefangen hatte, war sie in der Gegend von Winchester Hill aufgeweicht und unleserlich. Alles nass, von irgendwoher stank es nach Schweine-Weide. Jetzt den Regenschutz noch überzuziehen, hätte nichts mehr genutzt. Ich war schon nass und beschloss, einfach zuzuwandern, bis das angekündigte Visitor-Center von einem offenbar naheliegenden Queens-Park auftauchen sollte.

Der Regen steigerte sich, mit ihm der Wind, eisig, und ich dachte, ich hätte nur noch eine Chance, gesund zum nächsten B&B zu kommen, wenn ich jetzt durchmarschierte. Hinten im Rucksack ein warmer Tee, doch wo hätte ich den Sack auch abstellen sollen? Die Engländer wandern offenbar so, wie sie Fussball spielen. Mit dem Anpfiff geht es los und dann wird durchgerannt. Keine taktischen Spielchen, sondern drauflos. Keine Sitzbänke oder Unterstände an den Fusswegen, sondern Marsch! Kein Auto traute sich mehr auf die Strasse, aber ich musste durchziehen. Die einzigen Lebewesen, die mir begegneten, waren Möwen, die sich auf der stinkenden Schweine-Weide gütlich taten. Hätte ihnen mehr Stil zugetraut – aber immerhin: Wo Möwen sind, kann das Meer nicht weit sein. Der Nebel wurde immer dichter, der Regen ebenfalls und der Wind noch heftiger.

Irgendwann stolperte ich an einem Forschungscenter vorbei, linkerhand mit Nato-Stacheldraht verbarrikadiert, rechterhand am Zerfallen. Muss was Gefährliches sein. Auf den Wegen nicht mehr Pfützen, sondern Seen, zumindest Weiher und das einzige, was mich beruhigte, war der Umstand, dass ich den Rucksack vorsorglich regendicht verpackt hatte. Im übrigen war alles nass, die Jacke, das Hemd, das Gilet, das Unterhemd, die Unterhosen, die Hosen natürlich auch, es tropfte, triefte, die Brille ständig angelaufen, nur die Schuhe hielten dicht und das freute mich. Machte mich stolz, etwas Gutes gekauft zu haben.

Wandern im See

Genau Mittag war es, die Kartengrenze längst überschritten. Drei Stunden ohne Halt unterwegs, da spürte ich es: Wasser im Schuh! Tammisiech! Von oben ist es eingedrungen, via Hosenbein und Socken. Die Schuhe hätten dicht gehalten. Hätten! Sie haben. Sie liessen das Wasser auch nicht mehr raus. Ich wanderte in einem See.

Und ich hatte mich verlaufen. Fünfzig Meter Sicht, keine Karte, schlechte Wegmarkierungen – ich hatte mich verlaufen.

Und da plötzlich stand vor mir stand ein Pavillion. Ich frohlockte: Das Visitor-Center! War es aber nicht. War nur eine verlassene Kiosk-Bude auf Buster Hill oberhalb des Queens-Parks – aber immerhin: ein Dächlein und endlich ein Tee. Durch und durch nass suchte ich das Natel, telefonierte nach B&B im nahen Buriston, doch die Leute schienen zu ahnen, was für eine durchnässte Figur da telefonierte. Alles besetzt! Zum ersten Mal auf der Reise! Zum Glück ein Wegweiser zum Visitor-Center – allerdings noch eine halbe Stunde weg.

Und als ich auf diesem Weg hinab zum Center war, tat sich Erstaunliches. Erstens lichtete sich der Nebel, zweitens erblickte ich weit unten einen sehr, sehr hellen Streifen. Grau, zwar, gelblich-grau, aber hell. So muss eine Fata-Morgana wirken: Ich dachte im Ernst, der Wind stosse die dunkelgraue Wolkenwand wie eine Kulisse weg und mache den Himmel frei. Der Unterschied zur Fata Morgana: Es war so. Wie ein abgeschnittenes Stück schob der Wind die Wolkendecke weg – das Meer war schon nicht mehr so weit entfernt. Und unten beim Visitor-Center schien die Sonne.

Das Queens-Park-Center ist schrecklich geschmacklos. Ein Souvenirladen, ein erbärmlich billig eingerichtetes Cafe und zwei Öko-Frauen, die ein Video über den Naturpark installieren. Im WC zog ich trockene Kleider an, ging hoch zur nahegelegenen Autobahn, versuchte kurz und vergeblich ein Auto in irgendeine Richtung anzuhalten, erinnerte mich an ein Pub oberhalb. Das war geschlossen und ein Wegweiser zeigte nach Clanfield. Dort marschierte ich, frisch angezogen, hin in der Hoffnung auf ein Hotel oder B&B, doch beides gab es nicht, nur vier Schulbuben, die meinen Rucksack heben und wissen wollten, ob England wohl gegen Schweden gewinnen würd.

Ein Zimmer bis morgens um sechs

Das war mir ziemlich egal und ich stapfte einfach drauflos. Tankstellen, Imbissbuden, eingezäunte Autofriedhöfe, Vorstadt. Wie wird Portsmouth sein?

Ein Schock: Eine rasend schnell gewachsene Hafenstadt, volle Hotels und nur noch nasse Kleider im Rucksack. Ein Araber, der mir eine zum Glück geheizte, aber schäbige Absteige bis sechs Uhr morgens zur Verfügung stellte. Aber um sechs müsse ich draussen sein, da kämen neue Gäste.

«Morgens um sechs?»

«Ja, von der Fähre aus Frankreich.»

Ein Inder serviert tomatensaftdurchtränkten Reis mit Fleischstücken, ein eisiger Wind weht durch die Strassen, ein teures Taxi an den Fährhafen, die Aussicht, erst in vierundzwanzig Stunden auf eine Fähre nach Frankreich steigen zu können, ein leerer Bus zurück zum Hotel und morgens zwölf Stunden ödes Portsmouth vor mir, ein unwürdiger Abschied von der Insel, auf der ich nun vier Wochen lang schönste Tage verbracht habe. Was machen wohl jetzt John und Jacky auf der New Farm in King´s Osborme? Oder der Wirt im Lion Inn? Der Konservator im Laurel&Hardi-Museum? Wie war die Hochzeit in Balmaha? Was tut der auf Blockhaus-Gemütlichkeit trimmende Wirt von Loch Rannoch? Die beiden im Loch Ossian? Sifton? Die Wirtin vom Whitebridge-Hotel? Die Pet-Rivella-Flasche in Durness?

(Portsmouth, 28. Mai 2002)
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Karte

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Quelle

Bildlegende

Kleiner Lichtblick im Regen: Gepflegtes Heim mit Strohdach.
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