Erster Blick aufs ferne Meer, 27. Mai 2002

Ein Besuch im geschichtsträchtigen Winchester beschämt: Was ich nicht alles vergessen habe aus dem Geschichtsunterricht. Und dann das: Zum ersten Mal sehe ich weit vorn das Meer.

Am Horizont der Blick aufs Meer – den Kanal zwischen England und Frankreich

Vielleicht ist es ja ganz anders, aber ich erlebe es so: Der Himmel über der britischen Insel hüllt sich gern in üppig graues Gewand, wie es die Engländer auch tun, manchmal dunkel, hell, dann wieder blaue Tupfer, gelbe und abends mal rote, aber am liebsten trägt er doch Grau. Oft aufgewühltes Grau. Und immer, wenn das Gefühl hochkommt, man halte das fast nicht aus und irgendwo müsse doch auch Sonne sein, erbarmt sich der Himmel und schenkt den Leuten ein Zückerchen, das sie recht gierig kosten. Er schickt ein paar Strahlen Sonne oder er lässt für eine gute Weile gar alles Gewölk wegblasen und zeigt sich in seiner blauen Pracht.

Und dieser Wechsel hielt an, die halbe Nacht regnete es. Morgens um halb acht kein Fleck am Himmel, und die weite Landschaft dampfte vor Begeisterung, ein glitzernder Nebel über dem Boden. Jacky kochte in ihrer grossen und herrlich unordentlichen Küche ein wunderbares Frühstück, erzählte von ihren vier Kindern, die entweder als Lehrerinnen oder an Universitäten tätig seien. Keins der vier wolle bauern, klagte John, dabei sei bereits sein Grossvater auf dieser Farm Herr und Meister gewesen. Und er legte mir die Times zum Frühstück hin, wir sprachen über das und jenes – zum Beispiel, dass es in Grossbritannien keine richtige Opposition gebe. Ich hasse Blair, diesen immer lächelnden Tony Blair, sagte Jacky unvermittelt. Nur das Urbane habe er im Kopf, dieses Flüchtige, ständig den neusten Trends unterworfene oberflächliche Getue der Städter. Für das Land habe er kein Gehör, Landwirtschaft, aber auch ländliche, englische Traditionen vernachlässige er. «I hate this Tony.»

Pferde, überall Pferde

Sie hatten´s beide plötzlich eilig und ich war bereits um neun auf den Schuhen. Durch Weidland erst, kilometerweit, die Hosenbeine nasser und tropfender als bei Dauerregen – hin und wieder Sonnenschein, Zückerchen des Himmels. Es gibt viele Pferdefarmen hier, wo die Rösser in morgendlichem Übermut durch ihre weiten, voneinander abgetrennten Weiden galoppierten.

Schneller als erwartet stand ich vor Winchester, vor der Kathedrale in Winchester Und nun, vor diesem fast tausendjährigen Gebäude erinnerten mich Broschüren und Schriften daran, was Winchester eigentlich ist: das klerikale und königliche Zentrum des alten England. Alfred der Grosse, Arthur und seine Tafelrunde – leise dämmerte, was verschwunden war aus meinem Gedächtnis.

Es war nun auch genug des frohen Sonnengenusses. Unvermittelt hatte der Himmel wieder sein britisches Kleid übergezogen, mehr noch: Bereits beim Losmarsch in Winchester regnete es und es sollte noch dicker kommen. Ein entschlossener Fussmarsch, gute Musik aus dem Walkman in den Ohren, nirgends ein trockenes Plätzchen, um sich auszuruhen. Kaum daran gewöhnt, brannte es warm auf den Sonnenschutz, der Himmel lieferte Zückerchen nach, eine Gartenmauer bot Platz, um mich für einen Tee hinzusetzen, und es fuhr ein Wagen der Royal Mail vor, hielt vor einem Briefkasten, der allein auf weiter Flur Briefe und Karten entgegengenommen hätte, der Pöstler öffnete und nicht eine einzige Postalie war drin. Good old England!

Ein Scherz in jedem Satz

In der Ferne winkten Schornsteine, Fabrikkolosse, Krane und es war genau fünf Uhr, als ich erkannte, was so blaugrau schimmerte. Aus der Ferne grüssten Meerarme, die in die Buchten der Südküste hineinlangen. Southhampton zum Beispiel: Das Meer und dahinter Frankreich. Der Anblick liess mich leicht erschauern. Bald werde ich England, an dessen Leute, dessen Sprache, Währung, unerschüttliche Ruhe ich mich gewohnt habe, verlassen. Über einen Steg auf ein Schiff steigen, Frankreich zu. Was für ein feierlicher Moment. Wie wird es sein in Frankreich?

Ein älteres Ehepaar in Exton hatte Platz für mich, bat zum Tee, wollte wissen, woher, wohin. Tadelte mich ein bisschen, weil ich einfach so aufs Geratewohl nach Exton gewandert war. Normalerweise sei alles ausgebucht hier. Von Wanderern. Und sie hiessen mich die News schauen, sorgten sich um die Lage in Indien, wo die Soldaten sich aufreihen zum Krieg gegen Pakistan. Begrüssten den Nachbarn, der eine Flasche Wein vorbeibrachte. Er ziehe jetzt dann weg und sie bedauerten es. Im Vertrauen, sagte Bob, wir sind natürlich froh, dass er geht – und alle lachen. Jeder Satz mit einem Scherz, manchmal nur Scherz. Und bitte nicht kichern, die Frau, Annie, schaut sich die Welt säuerlich-gelassen an, ist aber eigentlich sehr zufrieden. Einmal ist sie in den Fluss gefallen. Und leider nicht ertrunken. Sagt der Mann.
(Exton, 27. Mai 2002)

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Karte

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Quelle

Bildlegende

Weit vorn am Horizont winken Krane am Hafen von Portsmouth.

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