Ferragosto, 15. August 2002

War das mein letzter Tag auf dem Velo? Eine Weile befürchtete ich, dass ich es nie mehr sehen würde. Immerhin konnte ich den Rucksack rechtzeitig in Sicherheit bringen.

Jürg hat mir wirklich einen Wunsch aus der Seele gelesen. Seit ich mit diesem Stahlesel unterwegs bin, fehlt mir die Möglichkeit, vor einer Stadt in einen Bus zu steigen und diese unsäglichen Agglo-Wüsten zu übergehen. Und nun käme nicht einfach eine Stadt, sondern Neapel. Ich hätte grosse Lust, die Stadt wieder zu sehen, aber die Vorstellung mit meinem unhandlichen Gefährt durch all diese Einfallstrassen zu treten, ist bedrückend. Und da plant Jürg mit seiner Lerngruppe – und das sind doch immerhin zwei Frauen – einen Tagesausflug nach Paestum, einige Dutzend Kilometer unterhalb von Neapel.

Ich bin begeistert, die beiden Frauen auch, und er nimmt noch einen Schulbuben, Giuseppe, mit, den Enkel von Giuseppe, den wir gestern auf der Piazza getroffen haben. Jürg plant den Ausflug sorgfältig, allerdings auf neapolitanische Art, geht mit einer Landkarte durchs Dorf und fragt die Leute, welche Strasse er nehmen soll. Die Auskünfte sind unterschiedlich, aber informiert hat er sich und kurz nach acht fahren wir los, Velo und Gepäck hinten im Bus.
Eine Abschied und eine neue Mütze
Ja, ich bin froh, nicht durch diese Wüste fahren zu müssen. Geniesse es, einfach aus dem Fenster zu gucken, die kleinen Anhöhen so leicht emporzufahren, an meiner Schulter ist der zwölfjährige Giuseppe eingeschlafen. Er ist spät zu Bett gegangen, denn gestern ist sein Vater, ein Lastwagenchauffeur, ausnahmsweise mitten in der Woche heimgekommen. Er darf nicht fahren heute – es ist Ferragosto. Elf sei es geworden, sagt er und gähnt ganz schrecklich, vielleicht auch zwölf oder wahrscheinlich später.
In Paestum trinken wir vor griechischen Tempeln etwas, dann packe ich, ziehe mich um und fahre los. Der Abschied ist herzlich, ich kurve um den Feiertagsverkehr herum, winke zurück und biege noch schnell bei einem Strassenhändler ein, um mir die dritte Mütze auf dieser Reise zu kaufen. Alles andere habe ich im Griff, noch kaum Verluste – aber Mützen habe ich schon zwei liegengelassen.
Gieriger Mundräuber
Ein paar Kilometer geht es ebenaus, und dann der erste Anstieg in der Mittagshitze, hinauf nach Ogliastro, Pigliano auf über vierhundert Metern über dem Meer, das da unter mir im Sonnenlicht gleisst und ich esse mich satt an Feigen, Trauben und Brombeeren, die in die Strasse hängen. Ich werde zum gierigen Mundräuber. Es ist eine üppige Gegend. Dann senkt sich die Strasse, ich lasse meinen Ballast talwärts fahren, ziehe vorsichtig durch die Kurven, an einer Eisenbahnlinie vorbei, die teils über baufällige Viadukte fährt, teils neue Brücken erhalten hat und die alten linkerhand verrotten lässt.
Ich möchte nie und nimmer in diesem Tal wohnen, es ist heiss, ein Rinnsal von einem Fluss steht drin, nichts bewegt sich, nur üppiges, fast tropisches Grün harrt in der Hitze. Bars und Läden geschlossen, es ist später Mittag und Ferragosto dazu. Irgendwo vorn ist das Meer, ich sehe einen verlassenen Leuchtturm auf einem Hügel stehen und je näher ich komme, desto dichter wird der Verkehr.
Einladung zu einem verflossenen Konzert
Feiertagsverkehr, die Autos sind vollgestopft mit Familien und Schlauchbooten und Sonnenschirmen, das Meer glänzt wieder und die Strasse steigt an auf dreihundert Meter. Die Schnellstrasse führt durchs Innere des Landes. An der Küste entlang geht eine andere, ich wähle sie. Hinunter zum Meer, hinauf zu den Dörfern, ein Auto kommt entgegen, der Fahrer wirft Prospekte zum Fenster hinaus, Flyers. Tausende, er lässt sie wie grosse Papierschnitzel auf den Teer in diesem Niemandsland fallen, nachfolgende Autos wirbeln sie auf und ich schau mir einen an. Er wirbt für ein Konzert in Palinuro. Doch das war gestern abend. Wahrscheinlich hat er es verlauert, sie zu verteilen und wird sie nun auf diese Art los. Kilometerweit liegen sie auf der Strasse. Die Musiker werden unterdessen müde in ihren verdunkelten Zimmern oder vielleicht am Strand liegen.
Die Aussicht ist wunderschön: Manchmal unter mir, manchmal neben mir das Meer, der Strand voll von Badenden, Sonnenbadenden. Schirm an Schirm, einige Boote ziehen Streifen durchs Wasser und mir wird bewusst, dass es schwierig sein dürfte, eine Unterkunft zu finden. Die Städte haben sich geleert, die Menschen sind am Meer, werden spät zu Bett gehen – aber zu Bett gehen werden sie.
Ausgebucht
Ich beginne nach freien Zimmern zu fragen, bei jeder Gelegenheit und erhalte die immer gleiche Antwort: ausgebucht bis am achtzehnten. So auch beim Pizzaiolo in Pisciota, der in der Pension Helen seiner Schwägerin eben den Ofen einheizt. Und dann gibt er noch einen drauf und sagt: Du wirst nie ein Zimmer finden. Aber er habe noch eines frei – in Centola. Am Morgen sei jemand unvermittelt abgereist. Das Problem: Ich werde das Zimmer nie und nimmer finden.
Er ging zum Telefon, debattierte, kam zurück und sagte mir, ich solle bis zum Eingang von Parinola fahren, beim Zeitungskiosk an der Strassenkreuzung warten und auf einen schwarzen Japanerwagen achten. Dort sei sein Sohn drin, er werde mein Velo aufladen und mich zum Zimmer fahren.
Das tat ich, wartete beim Zeitungskiosk. Da war kein schwarzer Japaner. Aber ein achtzehnjähriger Bursche sprach mich an, ob ich mit seinem Onkel gesprochen hätte. Ich sagte aufs Geratewohl ja. Er wollte das Velo sehen. Zwei weitere tauchten auf, ebenfalls ungefähr achtzehn Jahre alt. Sie sagten mir, ich solle ihnen das Velo geben und mich auf den Töff des ersten setzen. Den Japaner hätten sie nicht, aber sie brächten das Velo schon hoch.
Ohne Rucksack?
Ich wehrte mich: auf diesem Velo mit diesem unhandlichen Gewicht könne niemand fahren, doch der eine hantierte bereits mit einem Nylonseil am Velo herum. Nun, ich war mal froh, mein Gilet mit Natel und Portemonnaie bereits angezogen zu haben und stellte mir vor, wie Buess mit abgesägten Hosen und ohne Rucksack irgendwo in Süditalien steht, die Kreditkarte in einen Bankomaten steckt und ein Billet nach Chiasso löst. Ohne Rucksack, der mit dem Velo verschwunden ist.
Der eine sass bereits auf meinem Sattel, kurvte schwankend durch den hektischen Feiertags- und Feierabendverkehr, mein Velo mit Rucksack entschwand. Nur der Bursche auf dem Töff stand noch da und hiess mich aufsitzen. Das tat ich, er fuhr los.
Rucksack zurückerobert
Nach hundert Metern sah ich mein Velo wieder. Der Fahrer stand verzweifelt daneben und sagte, mit diesem Gewicht könne er nicht fahren. Ich packte die Gelegenheit, sagte, ich schnalle den Rucksack ab und trage ihn auf dem Rücken. Immerhin, dachte ich, hätte ich so meine Sachen wieder auf sicher, vielleicht ohne das Velo, aber so könnte die Reise doch immerhin weitergehen.
Sass nun mit dem Rucksack auf dem Töff, der Kerl fuhr los und warf mich beinahe ab. Immerhin zwanzig Kilo auf dem Rücken, und das Vehikel hatte gute Beschleunigung. Noch schnell einen Blick auf mein Velo, das mir doch schon ein bisschen ans Herz gewachsen war. Auf unerklärliche Weise schaffte es der Kerl vor mir, durch diesen dichten Verkehr zu kommen, aus ihm heraus und einen Berg hinauf. Es war sehr unbequem, ich musste mich mit meinem Gewicht krampfhaft festhalten, bekam den Krampf und der Töff sauste den Berg hinauf. Irgendwann fragte ich mich, wie lang die Fahrt wohl dauere, die Häuser von Palinuro wurden zu Punkten, die Sonne gleisste wunderbar im Meer, einmal kam der Bursche wegen eines entgegen kommenden Alfas vom Weg ab, rutschte einen Feldweg hinunter und ich dachte an die Notfallapotheke, die wir ja glücklicherweise dabei hatten, weil der Rucksack an mir hing.
Ganz oben auf dem Berg war ein Dorf und dort hielten wir an. Ich fragte, wie das hier heisse. Er sagte Centola, und ich fragte, wie hoch das sei. Etwa siebenhundert Meter. Das konnte zwar kaum stimmen, aber das Meer lag doch weit unter uns.
Zimmer in einem leeren Haus
Und die Strasse herauf raste ein Töff, daran mit einem Nylonseil angehängt ein Velo mit einem Wahnsinnigen drauf. Das Velo fuhr schneller als es mit mir auf Abfahrten je gefahren war. Die drei Burschen waren sehr vergnügt, banden mein Velo los und sagten, hier könne ich übernachten. Ein Zimmer in einem leeren Haus, eine Frau – ich habe gar nicht bemerkt, woher sie kam – drückte mir Leintücher in die Hand.
Ja und dann drehten die Burschen an ihren Gashebeln, fuhren los, ich bezog das Bett, bin kurz ins Dorf hochgefahren, um eine Pizza zu essen und eine Flasche Wein zu kaufen. Sitze hoch über dem Meer, sehe unten das Ferragosto-Feuerwerk, oben den Halbmond, aus dem Dorf dröhnt Musik, die alten Männer vor den Bars werden schwatzen wie vorhin, als ich dort war und während ich da auf der kleinen Terrasse schreibe, tauchte mal eine Frau auf und sagte, das Zimmer koste fünfzig Euro. Etwas viel, dünkt mich, hab schon für fünfzehn übernachtet. Habe aber gezahlt. Ich könne morgen den ganzen Tag bleiben, sagte die Frau. Wo sie hingegangen ist, weiss ich nicht. Ringsum dunkel, ausser drüben im Dorf, drunten am Meer und rund um den Halbmond am Himmel.
(Centola, 15. August 2002)
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Karte

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Quelle

Bildlegende

Abschied von Jürg, seinen beiden Kursteilnehmerinnen und Giuseppe.

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