Fahrt auf zwei Seen, 26. Juli 2002

Ein bunter Tag: Erst muss ich ein Baby hüten, dann bittet mich ein Bootsbesitzer zur Fahrt über den Lago di Mezzola und in Menaggio treffe ich Anne. Sie wird mich in den nächsten Tagen begleiten und mir Gesellschaft leisten.

Vom Zimmer aus war kein Himmel zu sehen, so hoch und steil ragen die Berge unmittelbar hinter dem Rifugio auf, und das vorstehende Dach liess keinen Blick zu. So wusste ich, im Bett liegend, nicht, was für Wetter sei. Und das ist doch eine der wichtigen Fragen in den letzten drei Monaten. Erst im Speiseraum nahm ich zur Kenntnis, dass wieder mal «Tempo idem» – schönes Wetter wie gestern – sei. Gut so.

Es standen drei gebrauchte Frühstücksgedecke auf den Tischen. Die anderen Gäset drei waren wohl bereits irgendwo in den Bergen, richtig strebsam und vermutlich im Morgengrauen losgezogen. Plus ein ungebrauchtes. Da setzte ich mich hin und wartete. Und es geschah nichts. Ich wartete weiter und dann noch einmal. Aus der Küche hörte ich Geräusche, ich ging hin und trampte da mitten in ein Geknutsche der beiden jungen Wirtsleute hinein. Ihr Baby strampelte in einer Babywippe am Boden. Mir war das ein bisschen peinlich, ihnen aber nicht. Er forderte mich auf, mich zu bedienen von den Dingen, die da bereit standen.
Ich ass zum ersten Mal Butterzopf zum Frühstück auf dieser Reise, Yoghurt dazu, recht feinen Kaffee, eine erfreuliche Art der kulinarischen Begrüssung in einem neuen Land. Aber ich denke doch, es wird das letzte Mal sein, dass ich in Italien Butterzopf zum Frühstück gegessen habe. Der junge Rifugio-Wirt schaute herein, er trug sein Töchterchen mit der Wippe unter dem Arm und fragte, ob es mich störe, wenn er seine Sophia für ein paar Minuten auf meinen Tisch stelle.
Die muntere Sophia
Nein, es störte mich nicht. Sophia, die fünf Monate alte Tochter der beiden jungen Wirtsleute, schaute mir aus ihrem Liegesitzchen zu, wie ich ass. Manchmal quietschte sie vor Vergnügen, spielte mit einem Nuggi und einer Holzkette. Sie dürfte das das einzige Kind in Savogno sein. Manchmal warf sie die Holzkette auf den Boden, manchmal den Nuggi. Ich hob die Sachen wieder auf, gab sie Sophia zurück, und das Spiel schien ihr Spass zu machen. Sie strampelte fröhlich und schaute manchmal fragend in den Raum. Dann dachte ich, ich müsse sie ablenken, denn wenn sie zu lange fragend in den Raum blicke, würde sie vielleicht merken, dass Papa und Mama weg seien und sie begänne zu weinen und dann hätte ich die Bescherung. Drum machte ich so Spielchen «Es kommt ein Bär, wo kommt er her …». Das fand Sophia lustig und ich fragte mich, wie lange die «paar Minuten» noch werden sollten.
Immerhin hatte ich fertig gefrühstückt, mir in der Küche zwei Mal Kaffee nachgeschenkt. Der Rucksack stand bereit. Aber von Sophias Papa und Mama nichts zu hören. Ich spielte weiter mit ihr, Kette vom Boden holen, «Es kommt ein Bär …» und so. Manchmal lächelte sie, und ich dachte, ich würde dann schon gern mal losziehen.
Ich öffnete eine Tür in der Küche. Da führte eine Treppe nach oben, aber hinaufsteigen schien mir indiskret. Irgendwo hörte ich tatsächlich Geräusche, aber ich ging zurück zu Sophia, ein sehr pflegeleichtes und zufriedenes Kind.
Der junge Herr Papa
Dann endlich kam der junge Herr Papa, er entschuldigte sich fürs Wegbleiben und dankte fürs Hüten, er schien mir sehr aufgeräumt, mit geröteten Wangen, das Frühstück verrechnete er nicht. In einem Jahr, dachte ich, ist Sophia vielleicht schon nicht mehr das einzige Kind in Savogno.
Ich wählte den direkten Weg hinunter nach Chiavenna, eine einzige Treppe sozusagen, vorbei an Felsblöcken, einigen Wegaltaren, weiter unten zerfallenden Ställen, ich ging fast nur auf Steinstufen, die vor hundert und mehr Jahren gelegt wurden und immer noch halten, als ob sie auch im nächsten Jahrhundert den Weg weisen wollten. Ein Weg der linken Talseite entlang, an einem bemerkenswerten Grotto vorbei, führte mich mitten nach Chiavenna.
«Steig ein»
Schläfrig liegt der Ort zwischen steilen Bergwänden, im Klostergarten ruhe ich mich aus, schlendere durch die Hauptgasse und ziehe los nach Gordona. Die Strecke ist mir bekannt von früher. Allerdings bin ich immer mit dem Auto durchgefahren und habe sie mir länger vorgestellt. Schneller als erwartet taucht der Lago di Mezzola vor mir auf. Und wo, bitte sehr, geht es da weiter? Rechts über die Berge oder links der Strasse entlang? Ich fragte einen Einheimischen beim Zeltplatz vor Vercela nach dem Weg. Er hantierte an einem Boot herum. «Weisst du was?» sagte er, «steig ein.» Und er fuhr mich bis fast zum Ponte del Passo am Ausgang des Sees.
Bis Dongo wollte ich noch gehen, bis zum Ort, wo die aufgebrachte Bevölkerung kurz vor Kriegsende Mussolini auf seiner Flucht in die Schweiz stoppte und lynchte. Wo das genau war, habe ich dann nicht herausfinden können, denn ich war verabredet in Menaggio und ich war so verspätet, dass ich ein Stück mit dem Bus fuhr. Hatte mit Anne abgemacht, die ein paar Tage mitspazieren wollte, einer lieben Freundin aus früheren Tagen.
Ein Euro ist ein Euro – oder nicht?
Ihr Bus war noch nicht angekommen, als ich eintraf. Ich genoss den ersten feinen italienischen Capuccino, schlenderte im Städtchen rum und amüsierte mich über den Streit zwischen einer deutschen Touristin und einer Kioskverkäuferin. Die Deutsche wollte die «Bunte» kaufen und den Preis zahlen, der aufgedruckt war. Drei Euro. Die Kioskfrau verlangte drei Euro fünfzig. Die Deutsche wetterte, dass man jetzt doch diesen Euro habe, und eine Euro sei ein Euro. In ganz Europa. Da könne die «Bunte» in Italien nicht mehr Euro kosten als in Deutschland.
Während ich den beiden streitbaren Frauen zuhörte, musste Annes Bus angekommen sein. Sie stand plötzlich vor mir, wollte nichts wissen von Erst-ein-bisschen-Rumhängen, sondern sofort losziehen. Der Weg nach Como führt über recht mühsame Berge und Hügel, das weiss ich von einer früheren Wanderung. Und überhaupt war mein Ziel Lecco. So stiegen wir auf die Fähre, liessen uns über den See nach Bellagio an der Spitze der Halbinsel im Comersee fahren und zogen los.
In Bellagio wirken die Touristen noch ein bisschen chicer als in Menaggio.Wir trugen unsere Rucksäcke die lange Treppe vom Hafen hinauf und kauften erst mal Proviant ein. Es sind halt so die ersten Eindrücke: In diesem Bellagio geht man in ein Lebensmittellädelchen, und die beiden jungen Leute bedienen so zuvorkommend, dass man sich auf all die kommenden Tage in Italien bereits sehr zu freuen beginnt. Erst die gastlichen, wenn auch berglerisch zurückhaltenden Leute in Savogno, die freundlichen Bauern rings um Chiavenna und jetzt diese Männer und Frauen in Bellagio.
Was aber auch in Italien aus der Mode gekommen ist – oder wahrscheinlich gar nie in Mode war: das Reisen zu Fuss. Es blieb uns nicht erspart, auf einer Autostrasse zu gehen, an sprachlos guckenden Italienern vorbei, die sich anschickten, sich fürs Wochenende einzurichten oder an ebenso überraschten Touristen. Ein Mann mit schwerem Rucksack mag grad noch so angehen, aber eine Frau mit ebensolchem – das scheint ihnen etwas seltsam.
Endstation Baustelle
Eine Besonderheit Italiens dürfte auf meiner Wanderung auch dies werden: das Kartenmaterial ist sehr schlecht. Das kündigte mir bereits die Wirtin in Savogno an, und das erlebten wir auf den ersten Kilometern. Kommt dazu, dass – wie in Frankreich – vieles, was als Weg vorgesehen wäre, schnell heftig verwachsen ist.
Und doch fanden wir nach einigen Kilometern einen Weg, der von der Strasse abbog, kurze Zeit anstieg und dann aber vor einer Baustelle endete, eine Baustelle, wo sich jemand abseits des touristischen Betriebs auf der Halbinsel und an wundervollster Lage ein Haus baut. Erst waren wir leicht enttäuscht, es ging gegen sieben Uhr, wir hätten uns gern nach einem Nachtlager umgesehen – da entdeckten wir weiter hinten einen Stall.
Er lag an noch schönerer Lage als die Baustelle, hatte davor einen flachen Platz zum Schlafen mit Bäumen und einer Steinbank. Ein schöner Ort für die Nacht unter Sternenhimmel und mit Blick auf den weiten, langen Comersee bis hinauf fast nach Colico.
(Bellagio, 26. Juli 2002)
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Karte

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Quelle

Bildlegende

Verlassenes Haus in Savogno – schon etwas baufällig.

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