Canossa geschlossen, 31. Juli 2002

Eine Frau in Parma erzählt, wie die Welt doch schlecht geworden sei. Na ja, unterwegs nach Canossa merkt man nicht viel davon. Und in Casina rüstet die Linke zu einem Fest.

Die beiden jungen Frauen in der Bar unten tragen beide kurze Röcke aus geflecktem Militärstoff. Vierfrucht haben wir diese Textilien abschätzig genannt: braun, grau bis schwarz, grün und rote Flecken. Keiner wäre auf die Idee gekommen, sowas in Zivil zu tragen. Hier schürzen sich die Frauen mit solchen Jupes, Burschen tragen Leibchen, Hosen. Es fällt mir hier in Italien besonders auf, stärker als in Frankreich. Berlusconi freut sich vielleicht darüber. Verniedlichte Kampfstoffe.

In der Post herrscht Ärger. Ich will gebrauchte Karten heimschicken, stehe an zweiter Stelle der Schlange, und sie wächst schnell. Die Beamtin hantiert an einem grossen Paket herum und lässt die Schlange länger werden. Und auch die Unruhe wächst, nur sie – hinter dem Glas – bewahrt Ruhe. Bei den Geldschaltern drüben geht es rassiger voran. Die Leute in meiner Schlange schimpfen. Dann wendet sich die Beamtin wieder den Kunden zu. Die fünfte in der Schlange hat es besonders eilig, die achte fast ebenso. Sie kommen vor mir dran. Dann aber behandelt die Frau hinter der Scheibe mein Paket so speditiv, dass ich daran zweifle, ob es je ankommen wird.
Der Bus an den Stadtrand fährt elf Minuten vor zehn. Ich habe die Haltestelle ausfindig gemacht, mich daneben ins Gras gesetzt mit einer Flasche Wasser. Vielleicht dauert es länger. Die erwartete Nummer sechs fährt vor. Der Chauffeur macht mir und einer sechzigjährigen Frau aber klar, dass er trotz der Sechs auf dem Bus anderswohin fahre, nämlich zum Spital. Da will ich nicht hin, denn das liegt in der falschen Richtung.
Nicht mehr wie früher
Darum warten die Frau und ich auf die Nummer Sechs, die dorthin fahren wird, wo sie hinfahren soll. So einer Sechs komme schon noch, versichert der Chauffeur. Die Frau sagt mir, dass sich alles verändere in Italien. Es gäbe zwar einen Haufen Universitäten und in der Oper höre man wunderbare Sachen, aber nachher komme man fast nicht mehr nach Hause. «Man kennt sich langsam nicht mehr aus, nicht einmal mehr in der eigenen Stadt.» Und die Schweiz sei ja auch nicht mehr wie früher, sagt sie. Sie habe gehört, dass die Flugzeuge neuerdings abstürzten und die Swissair gebe es auch nicht mehr. Auch erzähle man sich, dass die Banken nicht mehr so reich seien und, wie sie ebenfalls gehört habe, sei es auch nicht mehr so sauber in der Schweiz. Selbst in Amerika wende sich alles zum Schlechten, man höre Schreckliches über die Firmen dort.
Der Bus fährt um fünf vor neun. Dann beginnt eine lange unübersichtliche Ebene, nicht so flach, wie ich die Po-Ebene von meiner Wanderung vor zwei Jahren in Erinnerung habe, aber endlos. Scheint mir. In Traversetolo wird es hügliger, Traversetolo ist ein hübsches Städtchen. Ich kaufe etwas zum Essen ein. Der Mann im Laden schneidet den Salami. Am zwanzigsten August werde er auch ein paar Tage in die Ferien gehen, sagt er.
Canossa, ach Canossa
So heiss ist es gar nicht – der Strasse entlang nach San Polo d´Enza, dann über die Brücke des Enza, ein riesig breites Flussbett, in dem ein Rinnsal steht, nach Ciano d´Enza. Hinten eine Burg, hoch oben auf einem Hügel: Canossa. Hier irgendwo ist Heinrich durchgekommen, barfuss, wie´s die Geschichte sagt und im Winter 1076. Oder so. Hat Abbitte geleistet und seine Herrschaft gerettet. Welche genau weiss ich nicht und ausser Geschichtslehrern und Maturabhängern haben wohl die meisten Leute auf dieser Welt die genauen Umstände vergessen – aber der Gang nach Canossa und seine übertragene Bedeutung sind uns geläufig. Was man alles wissen könnte!
Vertieft in derlei Gedanken fällt mir kaum auf, wie sich der Himmel verdüstert. Keine Sonne mehr, Windstösse, dunkle Wolken – und der erste Tropfen fällt genau vor einer Bar, wo die Serviertochter eben die Plastikstühle aufeinander schichtet, um sie vor dem Gewitter zu schützen, obwohl es da kaum was zu schützen gibt. Ich setz mich an ein Tischchen, bestelle etwas Wein und schaue lange dem Gewitter draussen zu. Manchmal drückt der Donner an den Kunststoff-Fensterscheiben. Leute fahren vor, rennen durch den Regen in die Bar, trinken was, schwatzen, kennen alle irgendwen und rennen irgendwann wieder zum Auto zurück. Ein dicker Lastwagen-Chauffeur isst Salat. Auch er rennt zum Camion, als er wieder losfahren muss. Dann ein Blitz, ein Kurzschluss, der schmalzende Schlagersänger jammert kurz und verstummt, das Licht erlischt, die Tiefkühltruhe ruht, einige Leute sagen «Oh!»
Nach zwei Stunden hält der Regen inne, ich ziehe los, der gelbe Wegweiser lockt mich nach Canossa. Bergan, bergan. Die Burg rückt näher mit jeder Haarnadelkurve und nach einer Stunde liegt sie unmittelbar neben mir auf einer Anhöhe. Eine Bar mit einem dicken Jungen, die Mutter trägt ein Haarnetz und der Gast stört eher. Irgendwann müssen mal Gäste in diesem Chaos gesessen haben, denn überall türmen sich Geschirr und volle Aschenbecher. Die Burg sei geschlossen, sagt die Frau, heute Abend sei ein Fest.
Jetzt geht’s bergan
Ich ziehe weiter, immer bergan. Manchmal drückt die Sonne durch. Linkerhand ahne ich die Poebene, rechterhand reiht sich Hügelzug an Hügelzug, in immer schwächerem Blau, die Reihen verlieren sich in der Ferne in beachtlicher Höhe, und ich werde mir bewusst, dass der Apennin eine Herausforderung werden wird. Eine scharfe Linkskurve, von der ich zum letzten Mal auf Canossa blicke und zwar hinunter blicke. Es geht dauernd bergan.
Wegweiser zeigen auf mittelalterliche Dörfer, klangvolle Ortsnamen, einer nach dem andern: Rossana, Vercello, Antignuola. Die Karte sagt nichts von ihnen. Italienische Karten helfen gar nichts, sie führen allenfalls in die Irre. Zwölf Kilometer sei es bis Casina, sagte mir ein Mann und die geh ich nun. Letzte Woche, sagte ein anderer, habe es dauernd geregnet, jetzt sei es besser. Es gebe nur noch solche Gewitter wie eben vorher. Das macht mich gar nicht unglücklich, bin gar froh über solche Nachrichten. Ich schwitze schon so genug.
Ob ich überhaupt Richtung Casina wandere, ist mir immer weniger klar. Ich halte mich zwar an den Weg, der durch üppige Wälder führt, noch nicht sehr südlich, einzelne unbekannte Bäume zwar, die Felder meist vor kurzem geerntet, auf anderen wächst Klee und wenn ich eine Abkürzung nehme, hüpfen die Heuschrecken bis zum Bauch hinauf.
Vor einer Bar an einer Wegkreuzung löst eine Frau ein Kreuzworträtsel und sagt mir, es gehe noch einen Kilometer bis Casina und falls das Albergo voll sei, würde noch ein Bus nach Castelnovo fahren.
«Carlino»
Casina hat der Schotte Stuart Hood in seinem Buch «Carlino» beschrieben, das ich während meines Zwischenhalts in Birsfelden gelesen habe. Carlino, die Hauptfigur des Buches, hat das Dorf Casina vor bald sechzig Jahren umkreist und in den Bauernhöfen nach Essen und Unterkunft gefragt. Wahrscheinlich haben sie im Krieg die Hunde umgebracht. Heute käme man nicht unbemerkt zum Dorf, aus jeder Hütte bellt es. All die Häuser im Zentrum werden schon damals da gestanden haben. Leute sind darin aufgewachsen, gestorben, andere leben hier. Nur vierzig Autominuten von Parma entfernt, aber es ist so anders hier. Schon auch laut, schon auch Bluff wie in grossen Städten, aber so ein bisschen plumper und alle kennen sich. Setzen sich in die Bar – zum Schwatzen, nicht zum Trinken, sie bestellen nichts.
Das Albergo hat noch ein Zimmer, WC und Bad draussen im Gang, die Gäste sind zwischen siebzig und achtzig, vor der Hitze in der Ebene geflüchtet, etwas Teureres können sie sich nicht leisten. Ein Nachtessen ohne Auswahl: Pizza Quattro Stagioni und, wer will, einen gemischten Salat – Gurken und Tomaten aus dem Kühlschrank. Der Käse zum Dessert reicht nicht für alle, aber draussen auf dem Dorfplatz hat ein Fest begonnen. Die Sinistra lädt zum Tanz, und wer tanzen mag, soll auf den Käse verzichten und auf den Platz gehen. Ein Tänzchen hab ich bereits hinter mir, der Bass und die Ziehharmonika tönen zum Fenster hinauf, und ich denke ich geh nochmals runter.
(Casina, 31. Juli 2002)
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Karte

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Quelle

Bildlegende

Canossa, wo Heinrich IV. vor fast tausend Jahren hingewandert ist. Barfuss, heisst es.

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