Gallien, 10. Juni 2002

Die Schönheit des Loire-Tals betört. Ich staune, die Gedanken drehen sich im Kreis und wandern mag ich gar nicht so wahnsinnig weit.

Was für eine fruchtbare, paradiesische Gegend in diesem Loire-Tal, in diesem unteren Teil der Loire, dieser Gegend – Anjou. Ich wandere da durch, staune und denke, wie glücklich ein Volk sein muss, das hier leben kann. Doch dieLeute hier, so scheint mir, wohnen hier aus alter Gewohnheit, sind sich ihres Glücks vielleicht gar nicht so bewusst. Sie sind Franzosen und Franzosen wohnen auch im Rhonetal, in der Provence, im Elsass – ein gesegnetes Volk. Eigentlich. Ein so schönes Land, dieses Gallien begnügen, so fruchtbar, wasser- und abwechslungsreich. Ein Land, das sich vom kontinentalen Midi zur Kornkammer in der Bretagne erstreckt, von den wilden Alpen zum mediterranen Meer: So etwas hat der Herrgott niemandem sonst in Europa geschenkt. Gallien ist das vorzüglichste Erbe, das einem Volk zuteil werden kann.

Und das Loire-Tal ein Schmuckstück darin. Wie sich dieser Fluss träge vor Zufriedenheit dem Meer entgegen suhlt, Segelschiffe gegen seinen Strom aufwärts fahren lässt, heute zum Vergnügen der Leute, früher um Reichtum aus aller Welt in die heranwachsenden Flecken und Städte zu transportieren. Wer Macht und Geld hatte, suchte sich ein Plätzchen hier, suchte eine Anhöhe, um eine repräsentative Bleibe, ein festes Haus, ein Schlösschen oder ein veritables Schloss zu bauen. Am Rand des Flusses, in den fruchtbaren Flusslandschaften und Ebenen, wo alles wächst, Getreide gegen den Hunger, Gewürze für den feinen Sinn, Wein für den Rausch. Die Natur lässt Farben blinken, die die Sinne betören – und sei es nur den heftigen Mohn am Rande von gelb reifenden Getreidefeldern. Gewürzkräuter locken, Lavendel beruhigt und Feigen wachsen zu prallen Kugeln heran.
Seit Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten. Auf Schritt und Tritt, kaum hatte ich Gennes verlassen, begleiteten mich diese Bilder. Eine grosse Zufriedenheit lag in den Feldern. Ich dachte über all das nach, was ich im Fernsehen gesehen, in den Zeitungen gelesen hatte zu den seltsamen Wahlen dieses Wochenendes und konnte begreifen – wenn auch nicht verstehen – dass den Leuten hier dieses Getue um Parlamentssitze eigentlich egal ist. Sie müssen mit der Üppigkeit fertig werden, die sie umgibt.
So sauber und schmuck
Mit der Üppigkeit, die sich überall niedergeschlagen hat. Bin nicht weit gewandert heute. Bin bereits um zwei Uhr nachmittags in Saumur angekommen, einem Städtchen, dessen Namen mir eigentlich nicht bekannt war, der aber sehr geheimnisvoll wirkte. Bin an reichen Feldern vorbei gewandert, in dieses selbstzufriedene Städtchen hineingekommen, dessen alte Häuser, Kirchen und Schlösser aus hellen und grossen Kalksteinen aufgemauert sind. Sie sehen so sauber und schmuck aus, als ob sie erst grad hingestellt worden wären, und die Architekten hier haben es geschafft, auch neue Bauten passend in die alte Struktur einzugliedern. Gewiss, ein wenig touristisch, aber sehr in sich ruhend. Sehr schön und einladend und das hoch über allem ragende Schloss mit seinen kecken Türmen über dem weiten Fluss und seiner Landschaft, als ob es nicht erbaut, sondern gewachsen wäre. Man möchte hier wohnen dürfen, hier heimisch werden können in diesem Teil der Welt.
(Saumur, 10. Juni 2002)
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Karte

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Quelle

Bildlegende

Saumur – behagliche Stadt am Ufer der Loire.

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