Highland-Wanderer, 4. Mai 2002

Der Kopf etwas schwer, das Moor gefährlich – der Wirt empfiehlt, die nächsten zehn Meilen im Zug zu fahren.

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Moore, Moore – zu gefährlich, um zu Fuss durchzugehen.

«Geh nicht durchs Moor, da verschwinden immer wieder Leute!» hat mir der Wirt beim Frühstück gesagt. Ich habe gegrinst, und da wurde er ganz ernst: «Geh nicht, nimm den Zug – nur übers Moor. Zehn Minuten.» Ich dachte an die Touristen, die in unseren Bergen trotz Warnungen von Einheimischen in Sandalen herumkraxeln, und löste ein Billet nach Bridge of Orchy. Eine Fahrt durch eine wunderbare Moorlandschaft, Hirsche, Rehe – aber keine Schafe, Menschen schon schon gar nicht.

Nach den zweihundert Metern zu Fuss kommt der erste Wanderer entgegen. Mit Rucksack. Bald noch einer. Dann eine Gruppe – drei Männer, zwei Frauen. Ein Paar dann. Wieder eine Gruppe, Paare, Einzelne, auch Frauen manchmal allein unterwegs, mit schweren Rucksäcken. Die Schotten sind Wanderer; die Schottinnen auch. Die Deutschen auch, von den Engländern weiss ich nichts Genaues, die Franzosen dagegen nicht, die Italiener steigen für zweihundert Meter in den Fiat und picknicken auf Autobahnraststätten. Eins der Biere gestern Abend muss wohl schlecht gewesen sein. Mein Kopf tut weh und produziert wieder nur dumme Gedanken. Sind jetzt die Schotten tatsächlich Wanderer und die Italiener nicht? Gibt es den Schotten überhaupt und den Italiener? Und übrigens: Die englischen Bahnen sind seit der Privatisierung unpünktlich. Heisst es. Hier in den Highlands ist bis jetzt jeder Zug sehr pünktlich gekommen, auch der von Rannock Station nach Bridge of Orchy heute morgen. Also: Die englischen Bahnen sind ausser in den schottischen Highlands seit der Privatisierung unpünktlich. Oder: Die englischen Bahnen sind trotz Privatisierung pünktlich, und die Schotten sind Wanderer.

Militärstrassen und Wanderwege

Ganze Scharen kommen entgegen, mächtig bepackt – wohin wohl? In die Highlands, sagen sie – klar, wir gehen auf dem Highland Way. Der Highland Way war vor Jahrhunderten eine Militärstrasse, von Bridge of Orchy bis hinunter zum Loch Lomond und weit darüber hinaus. Der Weg schmiegt sich ohne starke Steigungen in die Landschaft, führt hinauf, wenn ein Pass zu überwinden ist, sanft – man hat für die Soldaten geschaut. Am Ziel mussten sie noch dreinhauen können.

Da die Schotten Wanderer sind, begnügen sie sich nicht nur mit Militärstrassen, sondern sie bauen auch Wanderwege. Durch den Wald von Crianlarich zum Beispiel. Hier sind die Steigungen nicht sanft, hier gehts steil hinan, über eine Kuppe und dann ebenso vermessen hinunter, einige Schritte über einen Bach und wieder aufwärts, mit diesem Weg hätte man jede Armee kaputt gemacht.

Zwei Stunden vor Beinglas steht eine Raststätte. Ich bestelle eine Cola, setze mich an einen Tisch und eine Wandergruppe setzt sich dazu. Eine Frau hat im Souvenirladen ein Schwert gekauft. Früher waren die Schotten die bluttrünstigsten Krieger, sagt ihr Mann – oder jedenfalls der, der neben ihr sitzt. Aber sie seien nicht nur Kämpfer gewesen, sagt ein anderer – auch Erfinder: Wer hat die Dampfmaschine erfunden? Und Entdecker, sagt ein dritter: Wer hat die Niagarafälle entdeckt? Dann reden sie über Kommunalwahlen. Und eine Frau ärgert sich, dass in Frankreich der Nationalist Le Pen soviele Stimmen gemacht hat. Furchtbar! Das sei halt deswegen, sagt ihr Mann, weil allmählich die Generationen das Sagen haben, die sich nicht mehr an die Vierziger Jahre erinnern mögen. «Oh, look!» sagt sie, «ist hier doch viel zu schön, um über Politik zu reden.» Wanderer, Kämpfer, Erfinder, Politiker – alle können Schotten sein. So typische Schotten, rötlich-blonde Haare, rosige Gesichter, helle Augen.

Bin ein bisschen zu lange hocken geblieben in dieser lustigen Runde und habe den Zeltplatz Beinglas in Inverarnan zu spät erreicht. Alles schon geschlossen. Doch es kommt plötzlich der Bauer vom Haus nebenan und lässt mich klaglos auf den Platz. Ein freundlicher Mann wie alle hier. Verkauft mir erst noch ein Bier.

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