Eine überdrehte Braut in Pappenheim

Spur durch Deutschland, Langenaltheim – Weissenburg, 10. Juli 2020. Wieder einmal komme ich in einem Wald vom richtigen Weg ab und gelange auf diese Weise ins Fränkische – immer noch Bayern, aber der Dialekt scheint mir noch unverständlicher. Pappenheim will ich nicht verpassen und in Weissenburg kommt im Biergarten der Freitagabend an.

Viele Hände zupfen an der Braut herum, bis sie so richtig bella figura macht

Wenn uns der unterdessen verstorbene Lateinlehrer vor einer Prüfung kraft seines Amtes in die entferntesten Ecken des Klassenzimmers auseinandersetzte und wir zu widersprechen wagten, setzte er sein leicht sadistisches Lächeln auf und sagte: «Ich kenne meine Pappenheimer.» Daran erinnere ich mich im Gegensatz zu den lateinischen Vokabeln und auch daran, dass mit ‚Pappenheimern‘ nicht unbedingt etwas Positives gemeint war. Später habe ich dann Schillers Wallenstein auch lesen und feststellen müssen, dass der Feldherr, der den Spruch mit den Pappenheimern zum Besten gab, das Gegenteil ausdrücken wollte. Ein Pappenheimer ist ein guter, ein vertrauenswürdiger Mensch. Und nun steht etwas abseits von meiner direkten Wanderroute dieses Dorf Pappenheim in der Gegend und ich denke, da muss ich hin. Zudem habe ich während des Essens gestern Abend einheimische Gäste durchaus anerkennend von Pappenheim reden hören.

Doch zuerst sitze ich am Morgen mit der Wirtin und einem weiteren Gast in der Langenaltheimer «Rose» im hellen Gastraum und wir trinken Kaffee. Meine Herkunft ruft ihnen in Erinnerung, wie teuer die Schweiz ist. Essen kann man nicht bezahlen, schimpft die Wirtin, und für die Autobahn zahlt man dreiunddreissig Euro. Ich sage, dass sie für die dreiunddreissig Euro ein ganzes Jahr lang auf der Autobahn fahren kann, aber sie will nur hin und wieder an den Bodensee. Der andere Gast findet die Schweizer Autobahngebühren auch ungeheuerlich. Er wohnt in Duisburg und ist wegen einer Beerdigung hierhergekommen. Sie findet am Nachmittag in einem Nachbardorf statt. Nachher fährt er über ein paar Alpenpässe, auch in der Schweiz, aber sicher nicht über die Autobahn. «Wir verdienen unser Geld mit unseren beiden Händen», sagt die Wirtin, «und haben keine mehr frei, um es rauszuwerfen.» Zurzeit läuft das Geschäft ohnehin nicht rund. Corona hat die Gäste vertrieben und bis sich irgend ein wunderlicher Kerl nach Langenaltheim verirrt, braucht’s fast ein Wunder. So ist das also.

Windradtechniker in Eile

Ich gehe den heutigen Tag langsam an, wäge auf einer Ruhebank neben einem Windrad ab, ob ich den Umweg über Pappenheim tatsächlich in Kauf nehmen soll und sehe einen Transporter heranfahren. Zwei Monteure steigen aus, öffnen die Türe des Turms, wo oben der Propeller dreht, und ich will die Chance nicht verpassen, mal in so ein Ding reinzusehen. Komme aber zu spät. Die beiden haben nur kurz reingeschaut. Doch der eine steigt nochmals aus dem Transporter und öffnet die Türe. Naja, sieht aus wie in einem Maschinenraum. In der Mitte ein mächtiger Kasten. Ein Kasten wie ein Liftschacht. Ich frage, ob dort die Turbine sei. Der Monteur lacht mich ein bisschen aus und sagt: «Nein, das ist der Lift nach oben.» Der Turm ist 137 Meter hoch. Etwas mehr sogar. «Nabenhöhe 137.» Dann schliesst er die Tür und die beiden fahren weg.

Mächtig trohnt die Burg über Pappenheim

Auf dem Weg nach Pappenheim verlaufe ich mich im Wald, in einem schönen Wald zwar, aber das macht die Sache nicht besser. Als ich die App auf dem Handy konsultiere, merke ich, dass ich nun eine Grenze überschritten habe. Immer noch in Bayern zwar – aber ich stehe in Franken. Mittelfranken. Vom Tal dringt Pappenheimer Lärm herauf: Verkehr, Fabriken – Kunststoff- und Maschinenfabriken, wie ich später sehe. Die Arbeiter gehen eben in den Mittag, als ich vorbeiwandere. Ein Fussweg führt an einem Kanal entlang ins mittelalterliche Pappenheim, das kein Dorf ist, sondern eine Stadt mit einer mächtigen Burg. Zuerst der Fussballplatz, wo der TSG Pappenheim E.V. mit dem Slogan wirbt: «Daran erkenn’ ich meine Pappenheimer.» Es mag an der Mittagshitze liegen, dass sich wenig regt, aber es passt irgendwie in diese verschlafenen Häuserzeilen, dass zum Beispiel das Geschäft des «Klosterbrots, das ein Brotgenuss nach guter alter Art ist» dichtgemacht hat. Ein paar Touristen fotografieren die malerischen Häuserzeilen, vor einer Bäckerei hängen ein paar Radler herum und stärken sich und manchmal braust eine nächste Radtruppe fast geräuschlos durch die Strasse.

Wenn schon in Pappenheim, dann mit Foto

In die Stille gellt immer wieder ein Lachen, ein bisschen aufgesetzt, laut, ein wenig beschwipst. Kleine Pausen und dann kommt es wieder. Die sich stärkenden Radler hören hin. Es ist eine Frau, die in die Stille lacht. Manchmal endet es in einem Crescendo und überschlägt sich, bevor es schrill abbricht. Manchmal gluckst es.

Mir scheint, ich hätte Pappenheim nun gesehen und breche auf, um nach Geislohe aufzubrechen. Am Ausgang des Städtchens erkenne ich den Grund des Lachens, das in unregelmässigen Abständen durch die Gasse tönt. Eine Hochzeit steht an und vor dem Rathaus ist der Fototermin im Gange. Wahrscheinlich hat die Gesellschaft den Apéro schon genossen und zupft und zieht an der Braut herum, damit sie trotz etwas kurzem Rocke ordentlich aussieht für die Bilder, die nun für eine lebenslange Erinnerung geschossen werden. Ob die Braut dieses Rumgezerre an ihrem Kleid und Haar und Blumenstrauss mag, ist nicht zu erkennen, ihre überdrehten Heiterkeitsausbrüche deuten aufs Gegenteil.

In der Folge gerate ich auf den Frankenweg, auf einen ökumenischen Pilgerweg, der aber so steil ist, dass ich Pilgerwege künftig meiden werde. Es ist der Naturpark Altmühltal, den ich hier kennenlerne. Zwei Rehe hüpfen durch den Weizen und ein Hase schlägt seine Haken. Lustig dünkt mich, wie die Leute im Weiler Haardt Kirschen pflücken: Ein Trax hebt eine Plattform in die Höhe, auf der die Pflücker stehen und die Früchte ernten.

Geht auch so: Kirschenpflücken mit Trax

Weissenburg ist mein Ziel, die Unterkunft das Hotel «Hof Brandenburg». Es mag für Freunde des gepflegten Reisens vielleicht nicht erste Adresse sein, aber bei den Leuten aus dem Quartier, die – so wie sie in die Welt schauen – auch Schattenseiten des Lebens kennen, bietet der Hof Brandenburg einen schönen Biergarten. Männer schwatzen, je zwei Ehepaare spielen Karten, leidenschaftlich spielen sie, und fünf, sechs Paare um die fünfzig, sechzig sitzen sich an Tischen gegenüber. Sie reden nicht viel, haben sich schon das und jenes gesagt in all den Jahren ihrer Ehe. Eine dieser Frauen beugt sich über den Tisch und zupft ihrem Mann eine Locke zurecht. Er schaut auf, fast dünkt mich, ich sehe ein Lächeln in den Augen, aber dann nimmt er einen Bierdeckel und legt ihn über sein Glas.

Ein Gedanke zu „Eine überdrehte Braut in Pappenheim

  1. Lieber Urs. Als ich in deinem Bericht das Wort Altmühltal gelesen habe, sind bei mir schöne Erinnerungen erwacht. Letztes Jahr haben wir dort unsere Veloferien verbracht und logiert haben wir in Gunzenhausen. Ja, das sind jetzt auch nur noch Erinnerungen, denn manchmal trauere ich dieser Zeit mit dem Velo schon noch nach!
    Ich wünsche dir weiterhin schöne Tage und gute Besserung mit deinem Fuss. Richtig spannend, deine Erzählungen! Herzliche Grüsse aus Chur.

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