Wir gehen nie mehr nach Biberbach

Spur durch Deutschland, Friedberg – Biberbach, 4. Juli 2020. Hundert Meter Pilgerweg in Friedberg, dann der Augsburger Integrationsgürtel und endlich finden wir den Wald, wo St. Nikolaus wohnt. Das wäre alles schön und gut, wenn unser Ziel nicht Biberbach gewesen wäre.

Markt mit Masken – geht doch, in diesen Zeiten

Wenige Meter nach unserem Aufbruch aus der sehr familiären Altstadtpension Waltner sieht Lix auf einem Schild am Strassenrand – einem Wegweiser sozusagen –, dass wir nun auf dem Jakobs-Pilgerweg wandern, der hier offenbar durchgeht und nach Santiago de Compostela führt. Wir wundern uns, denn da wollten wir gar nie hin, und biegen nach hundert Metern ab Richtung Augsburger Agglomeration. Unser Weg hat sich zufälligerweise für ganz wenige Schritte zum Pilgerweg gesellt. Wir wollen nicht die ganzen Vorstadtquartiere von Augsburg zu Fuss durchqueren, weil das an einem Samstagmorgen, wenn alle ihre Einkäufe in den Edekas und Lidl und Shoe-Outlets und Heimwerkerzentren machen, eher ungemütlich ist. Zwei Rucksack-Wanderer in vorgerücktem Alter stehen da quer in der allgemeinen Hektik und gehören zur richtigen Zeit ins Tram.

Je näher die Stadt, desto bunter die Agglo. Friseurläden, Nail-Studios, Tattoos und Thai-Massagen, auch Thai-Restaurants, indische ebenfalls und marokkanische, ein türkischer Autohändler, Pizzerien, Dancings und was Auge und Herz sonst noch begehren, wechseln sich ab in dieser Vorortsmeile, die man abschätzig Agglo nennt oder Agglomeration, wenn man sich etwas gepflegter ausdrückt. Sie sehen überall ähnlich aus, gleichen sich, die Agglos. In Augsburg, München, Kempten und auch in der Schweiz. Wenig Idylle, keine Beschaulichkeit, das nicht, aber hier findet Integration statt. Hier geschieht in der Praxis und im Alltag, wovon andere in gescheiten Debatten reden.

Augsburg, Stadt der Fugger

Auf den Integrationsgürtel folgen die gepflegten Häuser, wo ein bisschen Verwaltung sich schon angesiedelt hat, Anwälte, Immobilienhändler und gepflegter Mittelstand wohnt da. Die Augsburger Innenstadt beginnt gegen Mittag lebendig zu werden, ein Markt mitten in der Altstadt, recht belebt, auch wenn alle Masken tragen. Wir bestaunen die stattlichen Fugger-Häuser, suchen den Weg zum Dom, der in seiner romanischen Schwere in sich ruht und als mich eine Dame in gepflegter Aufmachung fragt, ob ich etwas Bestimmtes suche, weil sie mich auf dem Handy offensichtlich nach etwas suchen sieht, sage ich: Ja, ich suche den schönsten Ort von Augsburg. Sie mustert mich und will mir den Weg in einen Biergarten zeigen. Um elf Uhr in der Früh. Sehe ich aus, als bräuchte ich schon ein Bier? Das findet Lix seltsamerweise ziemlich lustig.

Augsburg ist schön herausgeputzt. In den Mittelalter- und Renaissance-Häuserzeilen stehem viele 1950-er-Bauten, weil da ziemlich viel zerbombt worden sein muss im Weltkrieg. Wir verlassen die Stadt, wo die Fugger der Welt schon früh gezeigt haben, wie man das Geld arbeiten lässt, Richtung Neusäss, schleppen uns in der anbrechenden Hitze durch Quartierstrassen einem Wald zu. Wald hinauf, Wald hinunter. Ein älteres Paar, das ausserhalb eines dieser Dörfer in einem Holzhäuschen sitzt wie einst Philemon und Baucis, wünscht uns eine gute Reise und die führt uns dann tatsächlich – was in dieser Gegend selten ist – zu einem Gasthof, der einsam an der Strasse steht. Wir schnallen die Maske an, bestellen Schorle und Eiscafe, und während wir das unerwartete Rastglück geniessen, beliebt es wieder einmal einem Spatz, auf mich herunter zu kacken. Er trifft genau ins Schorle-Glas. Ich erhalte ein neues.

Viel Wald, viel Strasse, wenig Verkehr

Dann wieder Wald. Wald, Wald, eine breite Teerstrasse führt hindurch, Autos fahren kaum, sieht aus wie ein Highway in Amerika. Dann weckt ein Wachtturm in der Ferne die Lebensgeister von Archäologe Müller – ein Posten des Limes aus der Römerzeit? Doch der Fachmann erkennt es dann schnell: Es ist kein römischer Wachtturm. Es ist ein Wasserturm und erst noch ein stillgelegter.

Der Fachmann erkennt sofort: Das kann kein Wachtturm sein

Die Teerstrasse haben wir verlassen, suchen uns einen Pfad durch Tannen und Unterholz nach Biberbach, wo wir übernachten wollen. Der Weg zieht sich in die Länge, es sind mehr Kilometer, als wir gedacht haben und dann stehen wir vor ihm: vor dem St. Nikolaus. Wir waren beide überzeugt, er übersommere im Schwarzwald, doch er tut es hier. Im Forst oberhalb von Biberbach ist er zuhause. In einer Kapelle.

Mitten im dunkeln Wald wohnt der St. Nikolaus

Man inszeniert und pflegt die Frömmigkeit in Biberach. Heiligkeit über alles! Eine grosse Kirche steht oberhalb des Dorfes. Eine Lourdes-Grotte wird neben dem Friedhof betrieben. Unterhalb der Kirche erschüttert einen eine Kreuzigungsszene, Heilands hängen an Kreuzen, aber ein Gasthaus haben sie nicht. Es gibt ein geschlossenes Steh-Café, ein geschlossenes Speise-Restaurant neben der Kreuzigungsszene, ein geschlossenes Restaurant im Hotel, wo wir wieder einmal allein wohnen, nachdem uns der Wirt mit Auto und Maske schnell den Zimmerschlüssel gebracht hat. Sonst gibt es nichts – ausser viele Häuser, aus denen aber kein Leben dringt.

Dramatik in Biberbach: Viel Kirche, kein Gasthaus, kein offenes jedenfalls

Es wirkt alles etwas trostlos. Besonders das neue Einfamilienhausquartier, wo zwischen den Häuschen hohe Zäune stehen und ebenfalls kein Laut aus den Gärten dringt. Ausser in einem: Dort empfiehlt man uns, das Vereinslokal des ansässigen Fussballclubs ausserhalb des Dorfes aufzusuchen. Man backe uns vielleicht eine Pizza. Im Vereinslokal stehen ein Mann und eine Frau in der Küche. Sie bereiten uns tatsächlich eine Pizza zu. Der Fussballclub spiele schwach, stehe unten in der Tabelle, sagt die Frau. In welcher Liga weiss sie nicht. Das Frauenteam hingegen sei Spitze. Grad eben in die Landesliga aufgestiegen. Fast alle Spielerinnen auf dem Mannschaftsfoto sind blond. Wir tragen die Pizza in unser Hotel, holen ein Bier aus dem Kühlschrank und sagen uns: Wir gehen nie mehr nach Biberach.

Ein Gedanke zu „Wir gehen nie mehr nach Biberbach

  1. Hallo ihr zwei, bei Augsburg kommt mir so spontan die Augsburger Puppenkiste mit Jim Knopf und co in den Sinn. Und zu meiner Zeit waren die echt cool. 😂

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