Unbeschwertes München, finsteres München

Spur durch Deutschland: München, 1. Juli 2020. Nun, es gibt viel zu schwatzen, wenn man einen Tag lang durch München schlendert, für Lix ist es ein Aufwärmen für die anstehende Wanderung, für mich ein erholsames Auslaufen, bevor es weitergeht. Wir hängen im Englischen Garten herum und schauen dann in die rabenschwarze Vergangenheit.

Unter der Feldherrnhalle: König Ludwig I. hat sie gebaut, Hitler hat hier seine Ansprüche angemeldet, heute ein wuchtiger Platz

Im Hotel gibt’s ein Lunchpaket statt Frühstück, was aber nicht so bäumig aussieht, und so setzen wir uns in ein Café in der Stadt, trinken einen Kaffee und wissen eigentlich gar nicht so recht, was wir mit dem Tag anstellen sollen. Lix sagt, ich solle doch sagen, was mir am besten gefällt, und sich sage, sag nur Du, mir ist alles recht heute. Das ist eine echt zielorientierte Ausgangslage. Sie führt uns bei heiterem Wetter in den Englischen Garten und dort zu einer Sitzbank an einen der durchfliessenden Bäche, die zur Zeit wegen des heftigen Regens der letzten Tage zu Wildbächen geworden sind und wo das Baden und Schwimmen untersagt ist. Im Gegensatz zu den Rotlichtern, vor denen ein Münchner oder eine Münchnerin wartet, auch wenn weit und breit kein Verkehr in Sicht ist, hält man sich nicht an Verbote, wenn sie dem Schwimmen in gefährlichen Wassern gelten. Jedenfalls saust plötzlich eine Truppe Polizeirekruten in Badeanzügen in der Strömung an uns vorbei und dann auch noch andere.

Polizeirekruten schwimmen durch den Englischen Garten

Unsere Unterhaltung fliesst viel lockerer und mäandernder daher als die schwimmenden Polizisten, was auch nicht verwunderlich ist, wenn zwei, die seit schon Schulzeiten viel Sinnvolles und manchmal auch weniger Sinnvolles unternommen haben, miteinander schwatzen. So wird es Mittag, ein kleiner Hunger plagt uns, und bevor wir uns in den Garten von Tambosi setzen, stolpern wir ins «Haus der Kunst», was einst das «Haus der Deutschen Kunst» war, als es Hitler bauen liess, um dem Volk zu zeigen, was es für Kunst verehren soll. Der Bau ist wuchtig und bedrohlich und eiskalt, kahl wie grimmige Glatzköpfe, und dass mir drinnen fast nichts, was da ausgestellt ist, gefallen kann, hat wohl mit der Architektur zu tun. Einzig die Installation der Senegalesin Monira al Qadiri, die in einem grossen, kühlen Saal Wüstenimpressionen inmitten schwarzer Skulpturen zeigt,

Monira al Qadiris Wüstenimpresssion im Haus der Kunst

lenkt mich ab vor der erdrückenden Schwere dieses Baus. Wir sind die einzigen Gäste, die Aufseher stehen still herum.

Überhaupt: Es hat wenig Touristen in München. Man findet locker einen Platz in Restaurants, und wenn man sitzt, hört man ringsum nur bayrisch. Manche Hotels sind geschlossen. Der Unmut des Gewerbes wächst, die Corona-Massnahmen beginnen zu ärgern. Der Detailhandel fordert die Abschaffung der Maskenpflicht in den Geschäften. Noch aber gilt sie. Wer die Maske nicht trägt, wird zurückgepfiffen.

Tell me about (yesterday) tomorrow: Eingang zur Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum

Morgen werden wir unsere Wanderung in Dachau fortsetzen. Wir werden erst die KZ-Gedenkstätte besuchen. Es war – glaub ich – meine Idee, dies zu tun. Ich bin keine zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg geboren, eine kurze Zeitspanne eigentlich und heute scheinen einem die Gräuel der Nazis so weit weg zu sein, obwohl sie das eigentlich gar nicht sind – nur ein gutes Leben lang. Deshalb schauen wir uns das NS-Dokumentationszentrum an, dort wo die NSDAP einst ihr Münchner Hauptquartier hatte. Bilder, Texte, Filme, Zeitdokumente aus jener Zeit, in einer eindrücklichen Art und Weise zusammengestellt und ergänzt mit Werken zeitgenössischer Künstler. Es tut weh, das anzuschauen, zu sehen, wie die Nazis ein ganzes Volk gegen die Juden aufwiegeln, später gegen den Rest der Welt, wie sie die Menschen zu Barbaren dressieren konnten, wie sie die wirtschaftliche Unsicherheit, den gekränkten Nationalstolz, latente Ängste nutzten, um eine Gesellschaft, die auch stolz auf ihre Geistesgrössen, Wissenschaftler, Künstler war, zu diesen abscheulichen Taten anzustacheln. So lange ist das eben gar nicht her, und es war so nah. Bei uns.

Am Marienplatz

Wir sind dann, obwohl wir über die Nazizeit schon viel wussten und gelesen haben, sehr betreten durch die Strassen Münchens gegangen, haben da hingeschaut und dort, eine Buchhandlung besucht, ein Bier getrunken, sind am Marienplatz hingesessen. Die Tag ist um, das Hotel ruft, ein Sturm kommt unvermittelt auf und bevor wir die Tramhaltestelle erreichen, donnert ein Gewitterregen herunter, dass es kein Weiterkommen gibt. Wir stehen in einer leeren Passage, wo nichts ist als «Il Bar». Es schüttet draussen, die Bar ist leer, nur Giuseppina ist drin, die in München studiert, Italienischlehrerin werden will und aus einem Dorf aus Sizilien stammt, in dessen Nähe Lix in ganz früheren Zeiten an archäologischen Grabungen mitgearbeitet hat. Das gibt viel zu erzählen und Giuseppina erinnert sich aller schönen Dinge Italiens: der feinen Weine, der vielen Öle, des Designa – sie verkauft in der Bar auch LED-Tischlämpchen, die wir aber etwas kitschig finden –, sie zählt alle Automarken Italiens auf und dann bittet sie doch sehr, dass wir von ihren exquisiten Weinen trinken.

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