Und zack … ist Stadt. Grossstadt sogar

Spur durch Deutschland: Aufkirchen – München, 28. Juni 2020. Spaziert man der Isar entlang, empfängt einen München mit Wald und nochmals Wald und keinesfalls mit Edekas, Industrie, Gewerbeflächen und trostlosen Mietkasernen. Drinnen in dieser Stadt habe ich eine Hotelzimmer reserviert. Es ist geschlossen. Kurzfristig, wegen Corona – heisst es. Eine Frau liegt vor dem Eingang und schläft.

Hier wäre mein Hotel «Deutsches Theater». Vor dem Eingang schläft eine Frau

Ich habe gutes Glück gehabt am Abend zuvor. Nach dem Kreuzweg in Aufkirchen steht ein Posthotel. Ich erreiche es, als ein ziemlich heftiger Regen einsetzt. Die Dame an der Recéption schlägt mir einen vernünftigen Preis vor, vielleicht weil’s regnet, vielleicht weil die Zimmer ohnehin leer stehen vom Sonntag auf den Montag. Die Kellner rennen in kurzen Lederhosen und grauen Kniesocken herum. Einer, ein Italiener, zeigt, dass er anders ist als die anderen: Statt einer Maske hat er einen grün-weiss-roten Trikolore-Shawl vor Mund und Nase gebunden.

Es regnet die ganze Nacht, die wenigen Hotelgäste sitzen trübsinnig im Frühstücksraum und schauen ins Grau. Der Kellner trägt immer noch kurze Hosen. Eine vierköpfige Touristengruppe ist vor mir am Bezahlen und Auschecken bei der Dame an der Réception. Sie hat ein Dirndl angezogen und das gibt sehr viel her. Die beiden Männer finden gar kein Ende, die Rechnung einer Prüfung zu unterziehen. Ihre Frauen mit strengem Kopftuch schauen teilnahmslos ins Nichts, während ihre Gatten sich soweit über die Theke beugen, wie es die Corona-Plexiglasscheibe zulässt.

In Regenmontur starte ich in den Tag, München vor Augen, und ziehe mich im nächsten Dorf schon um. Der Regen hat schnell aufgehört, die Luft ist feucht, schwüles Wetter, die Jacke heizt, die Regenhosen auch. Stille, beschauliche Dörfer folgen eines aufs andere, Kinder grüssen, wenn sie einem begegnen, Erwachsene auch. Die Leute wohnen in gepflegten Häusern, Minergie, Holz fürs Kaminfeuer lagert ums Haus, die Mütter holen ihre Kinder im SUV von der Schule ab. Sie fahren SUV, weil sie Angst haben vor dem Autofahren, dünkt mich, denn wenn sich zwei SUV mit Kindern auf den Hintersitzen auf nicht sehr breiter Quartierstrasse begegnen, ist das jeweils ein grösseres Lenkmanöver, bis die beiden Wagen aneinander vorbeigefahren sind.

Zwerg hütet Holz

Viel Idylle hier. Viel Wald und schöne Wohnquartiere und wieder Wald zwischen Dörfern bis Hohenschäftlarn. Hier steige ich hinab ins Tal der Isar, dem ich bis München folgen will. Auf diesem Weg, so hoffe ich, kann ich vermeiden, mich stundenlang durch diese überall auf der Welt ähnlichen Vorstadtquartiere mit Industrie, Autowerkstätten, Shoppingcentren, billigen Wohnblöcken und McDonalds zu quälen.

Es dünkt mich nicht nur, es ist auch so. Kurz nach Mittag biege ich in einen Wald oberhalb der Isar ein, begegne zwei Frauen mit einem Hund, und das war’s dann für die nächsten drei Stunden. Keine Menschenseele auf diesem Waldweg, nur wenige Kilometer vor München. Ein Kiesweg, manchmal schmal und manchmal breiter, meistens abwärts, immer wieder Stolperwurzeln und eine dampfgeschwängerte Luft, die aber kühl ist, keinesfalls wie Hamam. Ich marschiere vor mich hin, nichts als den Gesang der Vögel in den Ohren und den Trott meiner eigenen Schritte und gelange allmählich ans Ufer der Isar, die nach dem ausgiebigen Regen Hochwasser führt und etwas bedrohlich wirkt.

Die Isar hat Zug

Kurz vor der Brücke, die hoch über mir quer durchs Tal nach Grünwald führt, kommt mir ein Radfahrer entgegen auf seinem Bike. Dann noch einer und noch einer. Einen Moment lang sehe ich durch dier Bäume hindurch ein paar Villen dieses Grünwald, wo Oliver Kahn und Senta Berger und Uschi Glas und andere Promis leben, die zu viel Geld gekommen sind. Schauspielerinnen und Schauspieler in rauen Mengen, viele bereits auf dem Friedhof liegend. Grünwald hat sie angelockt, weil hier die Bavaria Filmstudios waren und vielleicht immer noch sind, falls etwas von ihnen übriggeblieben ist.

Verstohlener Blick hinauf nach Grünwald

Nun bin ich irgendwie schon in München, aber wohl doch noch nicht ganz. Es kommen bereits die ersten Joggerinnen entgegen, später Jogger, Hündeler mit ihren Tieren, junge Burschen springen von einer Brücke in die Isar, noch mehr Jogger, ein erster Biergarten, der aber geschlossen ist und dann ein zweiter, ebenfalls geschlossen. Auf Ruhebänken sitzen Paare, die miteinader plaudern.

Mutproben junger Münchner

Als mir die Joggerinnen und Jogger im Zehnsekundentakt entgegenrennen, bin ich sicher, in München angekommen zu sein, obwohl da unten noch viel Wald und Grün und Park und Golfanlage ist. Mit meinem massigen Rucksack werde ich zum Hindernis und als ich eine Radlerin mit diesem Ungetüm an meinem Rücken fast vom Radweg fege, weiss ich: Nun bin ich angekommen.

Ein Seiltänzer übt

Ich frage nach dem Weg zum nächsten Tram oder was immer es dann ist, laufe in ein Seil, auf dem ein Künstler eine Akrobatiknummer übt, und strebe zur Adresse, wo ich vor zwei Tagen per Internet ein recht preiswertes Hotelzimmer gebucht habe. Die Lokalität heisst Hotel Deutsches Theater – recht verwegen! Dünkt mich. Es ist leicht zu finden, die Anschrift lockt von weitem. Aber das Haus wirkt tot. Dunkel jedenfalls. Kein Licht im Entree, nichts. Das wundert mich und dann wundert mich noch mehr: Da liegt jemand. Im Eingang liegt eine Frau und schläft. Versucht es jedenfalls. Ein Zettel hängt über ihr: Das Hotel habe wegen Corona kurzfristig dicht gemacht. Weiter Informationen unter 89548…

Unter 89548… teilt mir eine Dame mit, drei Strassen weiter gäbe es ein Zimmer für mich. Vorbei an Shisha-Geniessern, an schimpfenden, lachenden, trinkenden Männern und Frauen ebenfalls, suche ich meine heutige Bleibe, kaufe ein Wasser, ein Bier, «brauchen’s eine Tüte», «nein», setz mich hin und bestelle eine Pizza. Der Kellner trägt eine schwere, vergoldete Uhr, ein junger Bursche fragt mich, ob ich was zum Rauchen brauche, eine junge Frau in einem Peugeot fährt in eine Bauabschrankung und das gibt ein grosses Durcheinander. Die Pizza schmeckt gut und ich bin nun in der Grossstadt angekommen.

Ein, zwei Tage will ich mich hier umsehen. Ein bisschen ausruhen. Und danach geht es wieder mal zu zweit weiter.

Auch das ist Grossstadt: Zech Stüberl

2 Gedanken zu „Und zack … ist Stadt. Grossstadt sogar

  1. Gratulation, Buess, Du verrückter Kerl! Wir verfolgen Deinen Weg täglich…ziemlich beeindruckt. Schönes München und gute Weiterreise! Baci Sylvheimer & Fausi

  2. Ob beim Zech Stüberl wohl ein bisschen Heimweh aufkommt?
    Beim Lesen deiner Berichte ist es fast wie mitwandern! Herzliche Grüsse aus dem Bündnerland.

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