Bevor der See abfliesst, wird’s richtig protzig

Spur durch Deutschland: Seehaupt – Aufkirchen, 27. Juni 2020. Der Tag beginnt mit einer Jazz-Matinée, endet nach einer kurzen Schifffahrt am Ende eines Kreuzwegs und mit der Erkenntnis, dass der Starnberger viele Zuflüsse hat, aber nur einen Abfluss: die Würm. Je näher die Würm, desto dichter die Bonzen. Und Kunst war auch! Interessante Kunst.

Ein Tourist im «Labor der Phantasien» des Museums Bucheim

Die Antwort der Zimmervermieterin ist so klar wie ihre Frisur: leicht angegraut und kurz und scharf geschnitten. Ich habe gefragt, welche Seeseite die angenehmere Wanderung verspreche hinauf nach Starnberg. Sie hat kurz nachgedacht und mir die linke Seite über Bernried empfohlen. Es gebe mehr Schatten und mehr Wald. Rechts – «da stolpern Sie alle Meter über halbnackte Leiber». Sie missbilligt Sonnenbaden ganz offensichtlich und wenn ich mir diese kleine Frivolität erlauben darf – man sieht es ihr auch an.

Aber ich befolge ihren Rat und gehe links. Zuerst trinke ich einen sehr guten Kaffee im «Café der schönen Dinge», das sich auch «Sainer Zeit» nennt und von drei Frauen bewirtschaftet wird, die nur biologische Produkte verwenden und neben Leckereien auch Werke lokaler Kreativwirtschaft anbieten.

Jazz-Matinee im «Sainer Zeit»

Eine trägt zusätzlich zur Maske ein Kopftuch, das ihre schwarze Haarpracht mehr betont als verbirgt. Im Garten spielen ab elf Uhr die «Lakeside Jazzfriends». An den verstreut aufgestellten Tischen nicken grauhaarige Rentnerinnen und Rentner im Takt, es hat wohl auch ein paar pensionierte Studienräte darunter, die von alten wilden Zeiten Träumen.

Es ist zwar Sonntag, man sollte ruhn, aber ich stehe auf, gehe an der Kirche vorbei zum See hinunter, wo in einer Festwirtschaft eine ganz andere Klientel sich auf den Sonnentag vorbereitet. Es ist ein Lärmen und Rufen und Lachen, Kinder rennen ins Wasser und wieder heraus, vergnügen sich mit Gummibooten, Surfbrettern, Radler sausen mir auf dem schmalen Weg um die Ohren, von hinten kommen sie und von vorne auch. Rechts der See, links Wälder und Wiesen – wirklich schön. Es ist, wie der Büchsenmacher gestern gesagt hat: keine Spur von mondän. Familien mit Kindern, verliebte und aneinander gewohnte Paare tummeln sich am Seeufer.

Training für den Jakobsweg

Viele Hündeler auch. Und Hündelerinnen. Ich setze mich hin in diese Prachtsnatur und face-time mit daheim, mit Moni, mit Rinos Familie und komme mir irgendwie weit weg vor. Ein Däne, der seit Jahren hier wohnt, schimpft, dass Radler auf den Fusswegen fahren und ist verärgert, weil mich das nicht so stört. Zwei Frauen mit drei Hunden trainieren für den Jakobsweg und wollen wissen, wie man in der Schweiz günstig übernachtet.

Sonnenbaden im hohen Gras

Auch auf dieser Seeseite liegen halbnackte Leiber im Gras, ganze Familien sogar, und was mich sehr wundert: Sie liegen auch in ungemähten Wiesen und da das Gras sehr hoch steht, sieht man sie kaum. Aber es stört niemanden. Keinen Bauern jedenfalls. Eine gewisse Wilhelmine Busch hat einen grossen Teil des Landes auf dieser Seeseite 1914 gekauft und veranlasst, dass es nach ihrem Tod im Jahre 1952 für die Öffentlichkeit freigegeben wird. Wilhelmine Busch war die 13. Tochter eines Bierbrauers und hat sich dank geschickter Heiraten und zwischenzeitlichen Witwenschaften ein schönes Vermögen anhäufen können.

Immer wieder steige ich über Holzbrücken, von überall her führen Bäche dem Starnberger See das Wasser zu. Die Menschen geniessen den freien Sonntag, viele scheinen aus München herangefahren zu sein, das werktätige Volk erholt sich am See.

Hier geht’s zur Kunst

Es taucht ein merkwürdiger Bau auf. Viel Glas, ineinander verzahnte Ebenen, in der Mitte ein Platz, auf dem Leute Kaffee trinken und Kuchen essen. Oben steht ein farbiger Helikopter. Das ist ein Museum. Ich gehe hin und sehe, dass hier das «Buchheim-Museum» steht. Lothar-Günther Buchheim war ein ziemlich verwegener, im Jahr 2007 verstorbener Künstler und Autor, der mit seinem Wirken und seinen Werken ein beachtliches Vermögen angehäuft, in eine Stiftung umgewandelt und damit dieses Museum finanziert hat. Er muss schon auch sehr selbstverliebt gewesen sein, denn sein ganzes früheres Zuhause präsentiert er da. Das gefällt sicher vielen Leuten. Eine ganze Ausstellungsebene ist Künstlern des «Expressiven Realismus» gewidmet – Künstlerinnen und Künstler des deutschsprachigen Raums, die vor allem zwischen den beiden Weltkriegen wirkten und auch danach.

Kunststudien vor einem Kirchner-Bild

Viele Kirchner-Bilder, Emil Nolde, Erich Keckel. Naja, ich hab’s genossen, in diesen kühlen Museumsräumen herumzustehen, hab mich amüsiert über das «Labor der Phantasien» und fast vergessen, warum ich da bin.

Drei Damen beim Tee im Museum Buchheim

Draussen ändert sich die Atmosphäre bald. Kaum mehr Radler auf den Wegen. Je näher Tutzing rückt, desto enger der Wanderweg und höher, undurchdringlicher die Lebhagzäune links und rechts. Damen in gepflegten Kleidern führen Rassenhunde Gassi, auf den Leibchen der Männer prangen erlesene Logos. Die Häuser sind grösser geworden, die Gärten Pärke. Ich wandere an einem Resort vorbei, an dessen Eingängen Briefkästen aufgereiht sind, weil nicht einmal mehr der Briefträger zu den Häusern darf. Teure Autos stehen da, Porsches noch und noch. Hier, wo der See bald endet und sein gesammeltes Wasser in der Würm zur Isar schickt, wird’s neureich protzig.

Gewitter über dem Starnbergersee

Mir fällt der Spruch der Zimmervermieterin mit dem strengen Pony-Haarschnitt ein: «Und wenn’s Ihnen links zu eng wird, wechseln Sie die Seeseite.» Das ist nicht schwierig. Im Hafen von Tutzing legt eben ein Passagierschiff an, das mich hinüber nach Leoni bringt. Die Flucht auf die andere Seite ändert wenig. Die Autos sind noch erlesener, die jeunesse plus dorée. Es stinkt nach neuem Geld, und ich müsste eine Unterkunft finden, weil der Himmel wieder sehr, sehr schwarz geworden ist.

Und zum Schluss noch ein Kreuzweg

Ich muss hinauf ins Landesinnere und stelle fest, dass der Weg nach Aufkirchen ein Kreuzweg mit dreizehn Stationen ist.

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