«Gut. Das ist gut. Geh schon mal.»

Rund ums Baselbiet, Etappe 1 von Birsfelden nach Schönenbuch – 28. April 2019. Zuerst teilt die Birs die Stadt vom Land und ab Dreispitz mäandert der Grenzverlauf zu Basel wie zufällig über Zäune, durch Strassen und Quartiere. Gegen Frankreich verläuft die Grenze meist querfeldein und irgendwie sinnlos.

Ideales Grenzwander-Wetter an der Birs

Baselland gibt es nicht, sagt die Enkelin aus Zürich. Ein bisschen naseweise für eine Zwölfjährige, dünkt mich. Sie ist zu Besuch in Birsfelden und behauptet das einfach mal. Wir diskutieren darüber und dann merke ich, dass sie unter «-land» halt ein richtiges Land versteht. Also Griechenland oder Deutschland oder so etwas. Ich sage, dass das anders verstanden werden müsse, und die kleine Zürcherin will der Diskussion ein Ende bereiten, indem sie keck behauptet, dass Basel gar kein Land haben könne. Und ob!, sage ich. Basel hat sehr viel Land, nur ist das ein eigener Kanton, der eben Baselland heisse. Viel kann das nicht sein, sagt sie, wir können ja mal raus und drum herum spazieren.

Das haben wir nicht gemacht.

Aber heute Vormittag – es ist der 28. April 2019 – regnete es sehr und ich dachte, wenn dieser Regen dann mal aufhöre, könne ich beginnen, rund um den Kanton herum zu spazieren. Gleichzeitig auch eine neue App ausprobieren – mapout.me . Ich lud sie runter, der Regen hörte auf, ich schnürte die Wanderschuhe, packte ein Flasche Flauder in den Rucksack und rief: «Moni, ich beginne mal, um den Kanton herum zu marschieren.» Sie war gerade mit einem Artikel zugange und sagte: «Gut. Das ist gut. Geh schon mal.»

Ich rief sie dann noch ans Fenster, als ich startete und sie schaute kurz raus und sagte, ich solle das Fotografieren sein lassen, denn die rote Farbe ihres Pulli passe nicht so gut zu den knalligen Blüten der Glyzinie. Das war natürlich ein Scherz. Dann zog ich los. Das Birsufer vor dem Haus war vom Regen etwas glitschig, drum bin ich fast ausgerutscht, was jetzt nicht grad ein verheissungsvoller Start war. Aber das war nur ein kleiner Anfangsrutscher.

Kaum Menschen der Birs entlang. Unter der Brücke die altbekannten Graffiti, da geh ich öfters durch. Beim Stadion folge ich dem 14-er Tram bis zur 36-er-Haltestelle und von dort geht’s hinauf zum Dreispitz. Die Strasse ist die Kantonsgrenze. Rechts Stadt, BS, links Land, BL. Bei einer Toyota-Garage muss man den Grenzverlauf schon mal verlassen, weil der irgendwie komisch durch Gärten geht und die Bahnlinie nach Delémont überquert, wo man ja nicht durchwandern sollte. Und als ich wieder den Grenzverlauf betrete, stellt sich da bei der Tramlinie vor dem Dreispitzareal ein Hag in den Weg, den ich überklettern muss.

Grenze Basel
Im weitläufigen Dreispitz-Areal folgt die Kantonsgrenze der Wien-Strasse.

Im weitläufigen Dreispitz-Areal folgt die Kantonsgrenze der Wien-Strasse. Ich folge ihr, schreite über rostige Geleise, grüsse linkerhand einen Hindu-Tempel und stehe wieder vor einem Hag. Dahinter zieht das lauschige Zwölfjuchartenweglein an der Fahhrzeugprüfstation vorbei durch frühlingshafte Wiesen zu den Klosterfiechten und hinauf aufs Bruderholz. Auf dem Weg, der zum Predigerhof führt, begegne ich erstmals Spaziergängern, es ist unterdessen ein wenig sonnig geworden. Die Weite des Elsass grüsst in der Ferne und ich wandere Richtung Wasserturm.

Ein Maler beim Schaffen.

Ein Maler sitzt auf einem Bänklein und hält die Aussicht auf seinem Zeichenblock fest, schätzt mit einem Bleistift die Distanzen ein und ordnet alles schön in seiner Skizze. Dann an den Häusern der feinen Leute vorbei, am Blumenfeld ebenfalls, wo Leute Tulpen schneiden, dann links zur Arbedogasse, wo noch nicht die Kantonsgrenze durchgeht, drum weiter zum Elsternweg, der aber schon ganz auf Baselbieter Boden liegt. Die Leute im Elsternweg sind sich der Nähe der Kantonsgrenze bewusst, denn ihre Häuser erinnern sehr an Bunker.

Bruderholzspital.

Dann tut sich das weite Feld hinter der Schäublinstrasse auf, das Bruderholzspital wirkt so mächtig, wie es Sanitätsdirektor Paul Manz vor fünfzig Jahren geplant hatte: Die Städter sollen ruhig sehen, wie nah sich die Landschäftler an die Kantonsgrenze wagen.

Rechts Stadt, links Landschaft

Und dann geht’s abwärts, den Batterieweg runter an der Venusstrasse vorbei und später an der Kunsteisbahn Margarethen, hinunter zur Gundeldingerstrasse. Ein bisschen beginnt es nun zu regnen, aber auf dem Dorenbachviadukt, wo heftig gebaut wird und man fast keine Aussicht hat, hört es schon wieder auf.

Dorenbach

Und dann folgt eine schöne, lange Strecke dem Dorenbächlein entlang – rechts die Stadt von hinten, links die Landschaft von, ja irgendwie auch von hinten. Aber den Enten im Bach ist das egal, den Spaziergängern ebenfalls. Auch den Hunden. Eine Frau erklärt einer Freundin, warum sie sich von ihrem Mann trennt, zwei Joggerinnen schnaufen entgegen. Am Allschwilerweiher halten sich viele Leute auf und dann muss ich den Grenzverlauf wieder verlassen, weil er mitten durch Häuser geht.

Ich komme zum Langen Loh, zum Bachgraben , wo grad sehr viel gebaut wird und man die Rue de Bâle fast nicht erreicht. Es gelingt dann schon und ich merke, dass ich nun nicht mehr die Grenze zwischen Basel-Stadt und Basel-Landschaft abschreite, sondern diejenige zwischen Baselland und Frankreich.

Da gehts nach Frankreich.

Eigentlich müsste ich mal hierher mit der Enkelin und sagen: Hier ist Frankreich und da ist Baselland. Das würde ihr gewiss Eindruck machen, zumal der Weg, der dem Grenzverlauf entlang führt, ziemlich eindrücklich ist.

Stille Musik im Grenzwäldchen.

Rechterhand die französische Weite, links Allschwiler Industrieareal mit High-Tech-Firmen und Baugeschäften. Der Weg ist ungeteert, hat tiefe Löcher voller Regenwasser. In einem kleinen Buschwäldchen spielt ein einsamer Mann Ziehharmonika.

Flabkanone hinter der Villa

Ich schleiche an einigen Wohnblöcken vorbei und stehe plötzlich vor dem Zoll zwischen Allschwil und Hegenheim. Kein Zöllner weit und breit. Dafür ein aufgebrachter Gartenbesitzer mit langen, strähnigen und grauen Haaren, der mit mir schimpft, weil ich sein Privatgrundstück betreten habe. Ich entschuldige mich, da ich beim Abschreiten der Grenze offenbar die Grenze des Anstands oder des Zumutbaren überschritten habe und klettere über die Mauer und stehe in einem Friedhof. Hier schimpft niemand, aber ich muss nochmals über eine Mauer klettern, um den Gräbern zu entkommen. Am Hang erhebt sich eine Neubausiedlung. Ich steige Treppen hoch und wandere durch ein Villenquartier mit aufgedonnerten und zum Teil geschmacklosen Protzbauten. Die meisten haben einen Pool im Garten und wenn man sich in einem solchen Privatschwimmbad auf der Luftmatratze treiben lässt, hat man französische Felder vor der Nase. Im Zehn- oder sogar Fünfminutentakt steigen Flugzeuge vom Euroairport her über einen hinweg in dem Himmel und für einen Moment begreife ich, dass einen der Fluglärm ärgern kann.

Flabkanone, leicht angerostet.

Ein Villenbesitzer hat sogar eine Flugzeugabwehr-Kanone in seinem Garten installiert – etwas angerostet, scheint mir aus der Ferne. Wahrscheinlich hat er sie bei einer Gant auf einem Waffenplatz ersteigert und schaut

Kunst, ebenfalls leicht angerostet.

manchmal durchs Visier, wenn wieder so eine Easy-Jet-Maschine hochsteigt. Humor muss man haben. Aber es hat auch Kunst in einigen Gärten. Schön, sagen wir mal.

Dann geht die Grenze ein wenig der Strasse nach Schönenbuch entlang, biegt ab hinunter zum Wald, durch ein Weizenfeld, das ich natürlich nicht betrete. Später erreiche ich die Grenze dann doch, an Familiengärten vorbei, wo drei Schweizer Fahnen wehen. Die Grenze ist nah. Da muss man Flagge zeigen in Zeiten, da die Grenzen eigentlich gar keine Bedeutung mehr haben. Bei der Lörzbachmühle würde ich gern dem Lörzbach entlang nach Schönenbuch wandern, aber eine Frau, die im Garten des Hofs mit einem Mann einen Aperitif trinkt, sagt, das gehe nicht, obwohl ich denke, das würde schon gehen. Sie sagt, es sei zwar nicht sehr «sexy», aber ich müsse halt auf die Fahrstrasse hinüber und dort bis zum Klepferhof wandern.

Lamas im Grenzgebiet.

Das tue ich und überlege, wo, wenn überhaupt, Wandern sexy sein könne, da lachen mich, scheint mir, ein paar weidende Lamas auf der Wiese neben der Strasse aus, und ich wandere bis zum Hotel Jenni beim Klepferhof und von dort hinauf nach Schönenbuch, wo ich beschliesse, dass hier die erste Etappe zu Ende sei. Und falls ich diese Tour fortsetze, werde ich pro Etappe nicht mehr so viel schreiben. Das beschliesse ich auch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.