Eiger, Mönch und Jungfrau

Rund ums Baselbiet, Etappe 4 von Burg nach Huggerwald – 11. Juli 2019. Unterdessen sind die Kirschbäume verblüht und die Früchte schon reif. Ich esse eine Handvoll auf der Ruhebank von LSD-Erfinder Hofmann, blicke über Frankreich und später in die Berner Alpen.

Die Post kommt nach Burg
Das Dorf Burg, das so extravagant ins Französische hinauslehnt, schmückt sich im alten Kern mit hübschen Fachwerkbauten, einer der Bewohner fuhr offenbar mal über die Route 66 und hat sich ein Schild gekauft, das nun an der Wand prangt. Im Gegensatz zur Route 66 ist die Dorfstrasse sehr schmal und vor allem steil. Die Leute grüssen und dort, wo es zum Schlossweg hochgeht, warnt eine Tafel vor einem Militärpanzer. Aber dies ist wohl nur ein Scherz. Eine Preziose sozusagen.
Steinstufen hinauf zum Schloss.
Ich habe nirgends einen Panzer gesehen, steige zur Burg oder zum Schloss hoch, am Schluss über Stufen, die in Fels gehauen sind, und eine Katze rennt davon. Ich muss ich zum Steiagger oder Steinacker hinüber, um erstmals wirklich die Grenze zu beschreiten. Der Steinacker ist eine Pferdepension, man sieht Ställe, Pferdetransporter, ein architektonisch auffälliges Gebäude und dann Ziegen, die erschreckt davonjagen. Ziegen mit gedrechselten Hörnern.

Der Weg auf der Grenze ist voller Büsche und Brombeerdornen, was mit kurzer Hose ein bisschen heikel ist. Aber es wandert sich eben besser so bei dieser hohen Luftfeuchtigkeit und entsprechend schwülen Wärme. Der Himmel ist bedeckt. Sehr viel Sonnenschein habe ich auf dieser Kantonsumwanderung ohnehin noch nicht gesehen, aber heute ist es mir grad eben recht. Ein Steinpilz grüsst, das Dickicht wird wieder dichter und plötzlich tut sich der Wald auf: Die Rittimatte.

Rittimatte mit französischem Clubhaus.
Linkerhand oben ein stattliches Haus, dem man fast Protzbau sagen möchte und rechterhand ein einladendes Gebäude, das wahrscheinlich eine Art Clubhaus ist. Zwischen den beiden durch geht die Landesgrenze. Das links ist Schweiz, das rechts Frankreich.

Schachbrettfalter
An einem Kirschbaum hängen Früchte, ich schaue mich um, ob da jemand ist, weil ich ein bisschen Mundrauben will. Aber die Kirchen sind verdorrt, verfault, verstochen von der Suzukifliege. Später noch ein Kirschbaum. Die Früchte glänzen und ich pflücke mir einen Ast, trage die Mundraubbeute hoch zum Sitzbänklein, das dort vor einem Grenzstein steht und will die Früchte essen.

Wie Gott

Gedenkstein für Albert Hofmann
«Zum 100. Geburtstag von Albert Hofman» steht auf dem Bänklein. Ich setze mich, esse die Kirschen und warte. Es passiert nichts. Aber die Aussicht übers Elsass ist sensationell und ich stelle mir vor, wie es sein muss, mit einem Trip in der Birne hier zu sitzen und die Welt von da oben anzuschauen. Man muss sich vorkommen wie Gott. Ich frage mich, ob die Villa dort drüben vielleicht jene von Hofmann ist. Weiter drüben steht ein Gedenkstein für den LSD-Entdecker.

Ich gehe dem Waldrand entlang, auf der Wiese, was auch etwa der Grenzverlauf ist, wechsle später in den Wald hinein, wo ein Pfad der Grenze entlang geht: Rechts hinunter der Blick ins Elsass, links ein Wall. Eine Weile gehe ich davon aus, dass hinter dem Wall bei Regenwetter vielleicht ein Bächlein fliesst, aber dann checke ich es: Das ist der Wall eines Schützengrabens, wahrscheinlich aus dem Ersten Weltkrieg. In Allschwill sah ich mal eine Flab-Kanone im Garten einer Villa, am Schlossweg in Burg eine Panzertafel, jetzt einen Schützengraben – das hat man davon, wenn man der Grenze entlang geht.

Der Remelturm

Dann geschieht lange nichts mehr, der Weg geht bergan, an einem Galgenfels vorbei, dann auf einem Grat, und dort, wo ich die französisch-schweizerische Grenze verlassen sollte, weil nun Burg endlich hinter mir ist und Kleinlützel beginnt und ich also auf die innerschweizerische Grenze zwischen Baselland und Solothurn wechseln will, steht ein Wegweiser. Er weist zu einem Remelturm und wenn irgendwo ein Turm zu besteigen ist, dann geh ich hin, auch wenn es nicht gerade am Weg liegt. Nach zehn Minuten bin ich da. Der Turm ist nicht hoch, 2005 neu gemacht, aber es soll schon vorher einer da gestanden haben, sagt mir ein Wolschwiller, der mit einem Freund hochgestiegen ist und mit denen ich nun ein bisschen das Panorama und die Landschaft studiere. Man sieht die Glarner Berge, dann Eiger, Mönch und Jungfrau. Ausgerechnet diese drei grüssen zwischen zwei Jurahügeln durch.

Eiger, Mönch und Jungfrau von Remelturm aus

Ich verabschiede mich von den beiden, steige hinunter auf die Challmatte, was eine schöne Ebene ist, wo die Bauern geheut haben oder sogar noch dran sind. Dann lasse ich es für eine Weile sein, der Grenze sklavisch nachzugehen, denn das ginge über unübersichtliche Steilhänge hinunter. Ich marschiere im grossräumigen Zickzack. Aber dann, nach dem Schützenebnetchopf, wähle ich wieder die Direttissima, was ich lieber nicht hätte tun sollen. Es ist recht felsig hinunter zur Strasse, die nach Lützelflüh führt, und ich schwitze sogar beim Hinuntersteigen, obwohl es nun sogar sehr bedeckt ist und auch ein bisschen windig.
Wieder mal ein Grenzstein mit Berner Bär
An Bienenstöcken vorbei steige ich auf die Strasse, durchquere die kurze Ebene zur Lützel und stelle Erstaunliches fest. Nicht nur alte Grenzsteine auf dem Weg hierher haben noch den Berner Bären drauf, hier erklärt mir ein Gebotstafel auch, dass rechterhand das Fischerereirecht des Kantons Solothurn gelte und linkerhand jene des Kantons Bern. Sowas.

Die Lützel, die zu deutsch ja eigentlich «die Kleine» heisst, ist tatsächlich nicht breit, aber hier doch recht tief. Ich muss die Schuhe ausziehen, um durchzuwaten und begehe nachher wieder den Blödsinn, die Direttissima zu wählen. Hundertfünfzig Meter auf 200 Meter Luftlinie durch Gestrüpp, Dornen und Felsen hinauf, wo ich dann an einen Ort komme, der sich Lööli nennt, was mir nicht ganz unzutreffend erscheint.

Die Lützel
Ja und dann treffe ich in Nieder-Huggerwald ein, ein Weiler, der mir von dieser Seite, wo ich herkomme, wie eine Ranch im Wilden Westen erscheint. Ein Mann mäht Gras, weisse Futterballen türmen sich vor einem alten Haus wie Mozzarellakugeln, eine Frau trägt Holzbalken umher, aber sonst ist es ziemlich still und einsam.

Futterballen wie Mozzarellakugeln bei Huggerwald.
Es hat zu regnen begonnen, ich gehe der Grenze entlang Richtung. Es kommt der Schlangenweg, der vielleicht so heisst, weil er sich dem Grat entlang schlängelt, vielleicht hat’s hier aber auch Schlangen. Die Vegetation lässt auf einen stark besonnten Hang schliessen. Der Schlangenweg ist wie eine Entschädigung für all die Steilhänge, die ich heute durchstiegen habe: flach, der Krete entlang, wunderschöne Aussicht auf Liesberg, das ich so noch nie gesehen habe. Und vorn, wo die Strasse von Liesberg nach Huggerwald führt, steht ein Bänklein, wo ich eine ganze Weile den Rindern zusehe und beschliesse, dass hier die Etappe zu Ende sei.



Und morgens geht’s an dieser Stelle weiter nach Riederwald

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