Ein grüner Kraftort

Als einzige Gemeinde im Baselbiet hat Kilchberg die neue Gotthardröhre abgelehnt. Die Juso-Initiative gegen Nahrungsmittelspekulation hat sie übrigens angenommen. Niemand weiss warum.

IMG_4653Grad etwas garstiges Wetter – aber sonst: Willkommen!

Wenn von Kilchberg die Rede ist, denken sowieso alle Leute an das Dorf am linken Zürichseeufer, wo etwa 8000 Leute wohnen. Weil die Aussicht auf den See so schön ist, dass man sie fast nicht bezahlen kann, wohnen auch ein paar Leute dort, die sie eben bezahlen können. Das ergibt dann eine Zürcher Vorortsgemeinde, wo alles ziemlich normal ist, wo man an einem Abstimmungssonntag wie dem 28. Februar so die ganz gewöhnlichen und durchschnittlichen Resultate liefert wie die übrige Schweiz.

Fast niemand dagegen redet von Kilchberg im Baselbiet. Logisch, dort wohnen auch nur etwa 160 Einwohner. Einige sind Bauern oder waren es, bevor sie mehr oder weniger in den Ruhestand traten. Andere sind Rentner, die aufs Alter hin ein Häuschen am Dorfrand gebaut haben. Es hat auch ein paar Familien mit Kindern. Und seltsamerweise wohnen etwa vier – andere sagen: fünf – Pfarrer im Dorf. Zwei amtierende und zwei – respektive drei – anderswo tätige oder sogar pensionierte. Diese Kilchberger im Baselbiet scheinen etwas spezielle Schweizer zu sein: Sie finden die Initiative der Juso gegen die Nahrungsmittel-Spekulation gut und sie lehnen als einzige Gemeinde die neue Gotthardröhre ab.

Gut, der Gotthard ist weit weg, die Röhre nützt den Kilchbergern wenig. Aber das kann nicht der Grund fürs Nein sein, sonst hätten auch andere Gemeinden abgelehnt. An der Scheune des ersten Bauernhauses linkerhand (wenn man von Zeglingen her gefahren kommt) hing bis am Abstimmungssonntag ein Plakat gegen den neuen Tunnel. Im Haus wohnt kein Bauer mehr, sondern ein Treuhänder, der bekannt ist als einer, der grüne Ideen hat. Am Montag ist das Plakat schon weg, die Frau des Treuhänders hat gar nicht mitbekommen, dass es der Mann schon abmontiert hat. Sie hat am Montagmorgen auch noch gar nicht zur Kenntnis genommen, dass Kilchberg als einzige Gemeinde die Gotthardröhre abgelehnt hat und muss schmunzeln, als sie davon hört. Aber sie kann sich nicht erklären, warum das so ist. Es gebe schon ein paar Grüne im Dorf, sagt sie. Sie zuckt die Schultern. Sie spricht von Grünen, von Linken nicht.

Unschöne Vorkommnisse

Die Frau sagt, sie wohne schon ein ganze Weile hier, mit einigen Leuten pflege sie auch guten Kontakt. Mit anderen weniger, und an die Gemeindeversammlungen gehe sie nicht mehr. Es habe da so unschöne Vorkommnisse gegeben, als man bei der Revision der Zonenpläne eine Art Mehrwertabgabe für neu eingezontes Bauland einführen wollte. Seither sei der Dorffrieden etwas brüchig und sie halte sich draus aus den Debatten. Deshalb wisse sie nicht, warum die Tunnelröhre in Kilchberg keine Zustimmung gefunden habe.

Es nieselt, bald wird es schneien. Unten im Dorf, wo auf einer Tafel «Willkommen in Kilchberg» steht, säubert am Montagmorgen ein Mann um die vierzig den Garten und schneidet Stauden zurück. Er trägt eine Faserpelzjacke mit dem Logo einer Biermarke. Er hat auch noch nichts gehört von der aussergewöhnlichen Haltung der Kilchberger zum Gotthardtunnel und kann sich diese auch nicht erklären. Er habe keine Ahnung, ob es in Kilchberg überhaupt Grüne gebe. Dann sagt er: «Ich habe auch nein gestimmt.»

IMG_4651In der Kirche liegt die offene Bibel auf dem Altar, aufgeschlagen das Markus-Evangelium mit den bösen Weingärtnern. Es ist angenehm warm in der Kirche, auf dem Vorplatz eher garstig. Frau Pfarrer hängt eben ein Plakat ans Anschlagbrett und wir kommen ins Gespräch. Sie hat das mit dem Kilchberger Nein zur Gotthardröhre auch noch nicht gewusst und das Ja zur Juso-Initiative überrascht sie ein bisschen, findet es aber nicht so schlecht. Sie kann sich auch nicht erklären, wie diese Mehrheiten zustande gekommen sind. Frau Pfarrer ist ausserordentlich freundlich und das Gespräch im unfreundlichen Nieselregen behagt ihr nicht und so lädt sie mich zu einem Kaffee in der Pfarrstube ein, wo Herr Pfarrer sich Gedanken über den kommenden Weltgebetstag macht.

Bald nur noch ein einziger Bauer

Auch er kann sich das sonderliche Verhalten der Kilchberger nicht erklären. Aber beiden, dem Pfarrer und der Pfarrerin, die die Stelle in Kilchberg teilen, ist aufgefallen, dass die SVP im Dorf gewiss sehr viele Sympathien geniesse. Aber die Grünen eben auch. Dann erzählen sie, dass in absehbarer Zeit nur noch ein wirklicher Bauer im Dorf wirtschaften werde, alle anderen würde über kurz oder lang altershalber aufgeben. Wir sprechen noch eine Weile über gemeinsame Bekannte – eigentlich bin ich ja auf den Kirchplatz vor dem Friedhof gefahren, um wieder mal dort zu stehen, wo die Mutter beerdigt wurde und wo Tanten und Onkels unter der Erde liegen, bei deren Abdankung sie die Predigt hielten.

IMG_4646Der Gemeindepräsident kann sich das aussergewöhnliche Stimmverhalten seines Dorfes auch nicht so richtig erklären. Er habe sich auch gewundert, sagt Ernst Grieder, aber wirklich grosse Gedanken gemacht habe er sich nicht. Jaja, vielleicht habe das mit den Neuzuzügern der vergangenen Jahre zu tun, das sei schon möglich. Die Grünen seien schon recht beliebt im Dorf. Die Graf Maya mache jeweils mit Abstand am meisten Stimmen. Das sei nun halt die eine politische Richtung, er habe eine andere, aber das sei ja gut, wenn es unterschiedliche Meinungen gebe.

Dann erzählt Ernst Grieder die Geschichte über zwei geplante Mehrfamilienhäuser im Dorf. Das Land habe der Stiftung Kirchen- und Schulgut gehört, oder so ähnlich. Er, Ernst Grieder, Landwirt, hatte das Land gepachtet. Die Stiftung wollte auf diesen Parzellen – wie gesagt – kleine Wohnblöcke bauen. Erschlossen wäre das Land ja gewesen, man hätte keine Strassen bauen, keine neuen Wasserleitungen legen müssen. Und es hätte neue Einwohner gebracht. Die Wohnungen hätten jungen Leuten, die sich noch kein eigenes Haus leisten können, ermöglicht, in Kilchberg zu wohnen.

Beinahe Handgreiflichkeiten

Die Pläne für die Mehrfamilienhäuser haben so richtig Zwietracht gesät im Dorf. An der Gemeindeversammlung, die bis Mitternacht gedauert hatte, sei es beinahe zu Handgreiflichkeiten gekommen. Die Unterlegenen, zum grösseren Teil Zuzüger, hätten die Pläne für den Bau nicht akzeptiert und das Referendum ergriffen. Einer der Gegner habe die Leute vor der Abstimmung – fast müsse man das so sagen – mit Telefonterror geplagt. Dann seien die Pläne an der Urne abgelehnt worden und jetzt ist einfach die leere Wiese da, die er einst gepachtet habe. Jetzt habe sie derjenige gepachtet, der damals den Widerstand gegen die Mehrfamilienhäuser angeführt habe. Dieser brauche das Land zwar nicht, aber dank dem Pachtvertrag, den er jetzt habe, könne ihm niemand einen Block vor die Nase bauen.

Ob denn dieser Widerstand gegen das damalige Bauvorhaben die Mehrheit im Dorf dazu gebracht habe, jetzt grün und links zu stimmen, frage ich den Gemeindepräsidenten, der am Abstimmungssonntag im übrigen glanzvoll als Mitglied des Gemeinderats bestätigt worden ist. Nein, sagt er, das glaube er nicht. Das eine habe nichts mit dem anderen zu tun.

Und so werweissen wir weiter, warum Kilchberg im Kanton Baselland als einzige Gemeinde weit und breit gegen die neue Gotthardröhre war. Und auch grad noch der Juso-Initiative zugestimmt hat. Obwohl die Linken hier kein Thema zu sein scheinen. Die Grünen dagegen schon.

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