Grosse Lust auf Erstaugust

Es gibt immer einige Miesmacher, die den eidgenössischen Nationalfeiertag zum Anlass nehmen, die Schweiz schlechtzumachen.

bruchstellenZerfurcht? Bruchstellen? Ach wo.

Die Feuerwerkskörper zerreissen die Stille während Tagen – zur Zeit im Minutentakt. In diesem überschwänglichen – und zugegebenermassen dezibelmässig etwas angereicherten – Feiertaumel den Vorzügen unseres Landes auf die Spur kommen zu können, erfordert einen gewissen Frohsinn. Wem dieser abgeht, der lässt sich leicht zu Pessimismus verleiten und zu Analysen über den Zustand der Schweiz, die etwa im Satz gipfeln: «Bruchstellen zerfurchen die Willensnation.»

Aber wo sind denn diese Bruchstellen? Zwischen Alteingesessenen und Zugewanderten? Zugegeben: Was die Reden zum Erstaugust betrifft, so bemühen sich vor allem Alteingesessene darum. Politiker und solche, die es werden wollen. Nur sind diese Reden jedes Jahr ungefähr die gleichen. Aber alle anderen Feiertagsaktivitäten werden ohne Unterschied von Rang und Namen, Herkunft und Religion von allen Bewohnern des Landes mit Inbrunst und Jahr für Jahr mit neuen Innovationen ausgeübt. Das weisse Kreuz auf rotem Grund hängt in Villen und Ausländerquartieren, weisse und farbige Hände tragen die beflaggten Einkaufstaschen der Grossverteiler ohne Unterschied durch die Einkaufsstrassen, die Feuerwerkskörper zünden Christen und Muslime, letztere manchmal sogar noch die lauteren, während scheue Urschweizer Väter manchmal nur verschämt ein Stöckli sprühen lassen. Bruchstellen? Ach wo.

Wirtschaftliche Gründe?

Oder die Sorge um Migranten. Um Asylsuchende. Es ist nicht zu leugnen, dass einzelne Rechtspolitiker das Volk aufhetzen wollen. Aber in Tat und Wahrheit nimmt Wochenende für Wochenende ein grosser Teil der Schweizerinnen und Schweizer – Rentner auch während der Woche – den beschwerlichen Weg auf sich, um jenseits der Grenze einzukaufen. Sie flüchten nicht aus wirtschaftlichen Gründen über die Zölle, sondern weil sie den Hungernden die inländischen Vorräte nicht wegfressen wollen. Bruchstellen?

Auch jene zwischen links und rechts sind bei nüchternem Lichte betrachtet herbeigeredet. In Wirklichkeit bündelt man die Kräfte. Das leuchtendste Beispiel dieser Woche: Ausser ein paar eilig vorbeihastenden Pendlern hätte kein Mensch die Gesangsstunde von Roger Köppel, Toni Brunner, Albert Rösti und anderer SVP-Getreuen im Zürcher Hauptbahnhof wahrgenommen, wäre nicht deren linke, linksautonome Freunde und die Schwarzen Blöckler herbeigeeilt, um der Angelegenheit zur angemessenen Publizität zu verhelfen. Wer da von Bruchstelle redet, hat die vorausschauende Kraft der rechten Intelligenzia ausser Acht gelassen.

Historischer Irrtum

Und dann das Gekärre um die historischen Daten. Um die Jubiläen. Ist das wirklich wichtig? 600 Jahre Morgarten, 200 Jahre Wiener Kongress, 100 Jahre Zimmerwald, 50 Jahre Ende der Mobilmachung, 500 Jahre Marihuana. Letzteres beruht ohnehin auf einem geschichtlichen Irrtum. «Cannabis sativa», im Volksmund «zamer Hanff» und «wilder Hanff», wurde im deutschen Sprachraum nachgewiesenermassen erst 1543 erstmals erwähnt. Also vor 472 Jahren, vom Universalgelehrten Leonhard Fuchs in «New Kreüterbuch».

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