Missionare im historischen Mäntelchen

Historiker und solche, die gern in die Geschichte zurückblicken, um Heilsgeschichte zu predigen, haben ein tolles Jahr vor sich.

MarignanoGeschichtsheft von 1967

1967, als die Schlacht vom Marignano unspektakuläre 452 Jahre zurücklag, berichtete Geschichtslehrer Frieder Handschin an der Realschule Sissach darüber und hielt die Quintessenz seiner Erzählung an der Wandtafel fest. Wir übertrugen sie säuberlich in unser Geschichtsheft und werden uns seine Sätze wahrscheinlich nicht fürs Leben, aber für die nächste Prüfung eingeprägt haben:

Die Folgen von Marignano

1. Die Schweiz zieht sich aus den europäischen Händeln zurück (Neutralität).
2. Die berühmten Schweizer Soldaten werden von den europäischen Königen als Söldner angeworben (1521 Soldbündnis m. Frankreich).
3. Die Schweiz verliert ihre Grossmachtsstellung.

In der darauf folgenden Geschichtsprüfung hiess dann die letzte von zehn Fragen, welche Auswirkungen jener Niederlage die Schweiz «bis heute» prägten. Wer die ersten neun Fragen richtig beantwortet hat und bei der zehnten «Neutralität» einsetzte, erhielt Bestnote Sechs. Heute wissen wir zwar, dass das falsch war, denn die Neutralität wurde der Eidgenossenschaft erst 1815 verordnet, als das Marignano-Debakel bereits 300 Jahre zurücklag. Und eben: Sie wurde verordnet und nicht von den Eidgenossen selbst gewählt. Denn den Grossmächten Europas war sehr an einer neutralen Pufferzone im Alpenkamm gelegen.

Heimgekehrter Weltenbummler

Frieder Handschin, ein nach Sissach zurückgekehrter Weltenbummler, hat uns nicht wissentlich angeschwindelt. Er wusste es nicht anders, weil die Dozenten an der Uni und die 1967 gültigen Geschichtsbücher dies so lehrten. Allenfalls war es vielleicht ein bisschen nachlässig, dass er ständig von der «Schweiz» sprach, die bei Marignano besiegt wurde. Denn «die Schweiz» gab es damals noch gar nicht.

Aber Geschichtslehrer Handschin war halt auch Kind seiner Zeit und diese Zeit hat 22 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs noch schwer die Mythen der Historiker aus dem 19. Jahrhundert gepflegt und die Köpfe der Kinder indoktriniert.

Unterdessen ist die Geschichtsschreibung ziemlich von Mythen und Heroen entschlackt worden. Die Marignano-Niederlage ist zu dem geworden, was sie war: Ein Debakel der Politik von mehr oder weniger stark miteinander verbundenen, aber unter sich zerstrittenen Orten, die ihre Schlagkraft überschätzt hatten. Frieder Handschin würde die Quintessenz seiner Ausführungen ein klein wenig anders an die Wandtafel schreiben – aber eigentlich hat er uns das Wesentliche damals für die Geschichtshefte vorgegeben.

Die Zahl befeuert und blendet

So, jetzt sind wir aber gespannt, was wir Ende dieses Jahres Neues über Marignano wissen werden. Die Schlacht jährt sich zum 500. Mal und so eine runde Zahl befeuert und blendet. Ganze Scharen von Historiker werden antreten, um Heilslehren aus dem Ereignis von 1515 zu entwickeln. Sonderfall und so. Unabhängigkeit und Wohlstand und dergleichen. Unversehrtheit dank Eigenständigkeit … Oder das Gegenteil von allem.

Je nachdem, wo sie stehen, die historischen Wissenschafter, werden sie die Geschichte so erzählen, dass das Heil der Schweiz dort zu erblicken ist, wo ihre Gedanken herkommen: Bei den National-Konservativen, die die Zukunft im Rückspiegel sehen, bei den Bilateralisten, denen es wohl ist, wie es ist, oder bei den EU-Freunden, von denen es allerdings nicht gerade viele gibt.

Man kann ja die Bibel auch auslegen, wie man will. Den Koran ebenfalls. Missionare tun das seit Jahrhunderten. Historiker eben auch. Frieder Handschins Quintessenz aus der Schlacht von Marignano hat in ihrer Schlichtheit schon etwas für sich. Auch wenn das mit der Neutralität nicht ganz stimmt.

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