Euro versetzt Lion Inn in Aufregung, 18. Mai 2002

Zwischen England und Wales steht ein Grenzwall – der Dyke. Ihm entlang führt ein Pfad nach Süden. Was immer auch Engländer und Waliser 700 Jahre nach Errichtung des Grenzwalls noch trennt, etwas einigt sie: die Verachtung für den Euro.

Durness Sizilien 23
Llanymynech auf einer Schwarz-Weiss-Postkarte.

Llanymynech, Llanfylin, Llangedwyn, Llanyblodwel – mit «Llan», sagt der Wirt vom Lion Inn, und das sei uns zu Recht aufgefallen, begännen hier viele Ortsnamen. Es bedeute «Kirche am Wasser» und sei eben welsh. Welsh – Wales. Die Hälfte der Gaststube liegt in Wales, die Theke noch in England. Ein Kreuz an der Wand hat wenig mit Kruzifix zu tun, der Längsbalken ist die Grenze, auf dem linken Querbalken steht «Wales», auf dem rechten «England». Früher – im vierzehnten Jahrhundert, sagt der Wirt – wurde mal ein Grenzwall aufgeschüttet, der «Dyke», um die beiden Völker voneinander fernzuhalten. Vor allem die Waliser von den Engländern. Nun läuft ein Pfad dem Wall entlang, und wir auf ihm von Norden nach Süden. Normalerweise gehen die Leute den umgekehrten Weg. Sagt der Wirt.

Sein Gasthaus, Lion Inn, sieht gegen die Strasse hin recht stattlich aus, doch der Verputz bröckelt und der Fensterkitt fällt langsam aus dem Rahmen. Keine Gäste vorerst. Das Zimmer im zweiten Stock ein ganz klein wenig schmuddlig, riecht etwas nach Schimmel, ist in seiner Kargheit ganz heimelig und der Fournierschrank und der üppige Stoffblumenstrauss auf dem Nachttisch geben dem Raum eine verwegene Note – irgendwann war das mal modern.

Er wird siebzig gewesen sein, der Wirt, er erinnert an einen pensionierten Bankbeamten, der sich zuhause die Krawatte aufgeknöpft und das Wollgilet übergezogen hat, wohlgenährt, die schütteren Haare nach hinten gekämmt, Hornbrille. Er würde auch was kochen, ist aber ganz glücklich, dass wir nicht darauf drängen. Wenn er redet, gackert er wie ein Huhn, doch wir verstehen ihn gut. Er verzieht keine Miene, wenn er glucksend lacht.

Die Leute hier seien nicht sehr reich, sagt er. Etwas Landwirtschaft, Fabriken und nur noch ein Steinbruch. Der andere sei geschlossen worden. Nun habe man halt entweder Arbeit oder sonst halt nicht.

Die Häuser sind zunehmend schmuckloser geworden ausserhalb von Chester. Ein Stück weit sind wir den Weg gemeinsam gegangen, dann ist Moni umgekehrt, sie will die zweite Woche ihrer Ferien etwas ausruhen, lesen, geht nach Chester zurück undn wird ein Auto mieten. Wir finden, das Handy sei eine gute Erfindung, so können wir uns problemlos wieder finden.

Plötzlich also wieder allein unterwegs, dem Wall – dem Dyke – entlang. Viele Pferde weiden auf den Wiesen, dichte Wälder, streckenweise säumen ihn mächtige, uralte Eichen. Robin Hood soll hier gehaust haben und so habe ich mir seine Wälder tatsächlich vorgestellt. Einsam, wild und weich zugleich – Waldgespenster tauchen hinter den uralten Stämmen auf.

Von Weiler zu Weiler werden die Häuser bescheidener, schmuckloser, die Leute verschlossener. Kein selbstverständliches, freundliches «Hello», «Good Afternoon» wie in den Cumbrischen Bergen, eher misstrauische Neugier. Auch nicht mehr diese satten Gesichter – sie sind länglichen, hageren gewichen, eher dunkelhaarig als rotblond. Auch nicht diese Fast-Food-gemästeten Körper wie in den Regionalzügen zwischen Lancaster und Manchester, wo alle aus aufgerissenen Alusäcken frittiertes Trockenzeug verzehrten.

Ein Hauch von Armseligkeit

In einem Allerhandladen, der auch noch Apotheke und Post-Office ist, stehen drei Kinder und verwandeln Pennies in Schleckwaren. Die Älteste ist schon bald Frau, riecht nach Schweiss und kommandiert ihre Geschwister schnoddrig. Der kleine Bruder in zerrissenen Trainerhosen lässt sich den Ton widerspruchslos gefallen, die Schwester, etwas älter als der Bub, begehrt gegen den Ton der Ältesten auf, rollt Süsses aus farbigem Papier und manchmal leuchten ihre Augen, als habe sie noch Träume. Die herrische Älteste wird in wenigen Jahren vielleicht schon Mutter sein wie viele junge Frauen hier – keine Arbeit, dann halt Familie, wenn sich einer findet. Und erstaunlich, wie viele sehr junge Leute, die anderswo die Spätpubertät noch sorglos ausleben, hier an Theken, in Läden oder auf einer Baustelle stehen. Wahrscheinlich ist es eine Gnade, einen Job gefunden zu haben.

Die Welt hat sich schnell geändert – von Chester nach Llanymynech. Die Leute, ihre Häuser und die Landschaft. Es ist sehr frühlingshaft unter diesem stürmischen Himmel, wo schwere Wolken rasch mit blauem Himmel und weiten, weiten Blicken in endlose Ebenen wechseln. Schlehdorn, Buschwindröschen stehen in weisser Pracht, füllen breite Täler mit ihrem Duft. In der Inn in Trefonen sitzt ein dreissigjähriger Mann mit scharf geschnittenem Gesicht und kurzen Haaren hinter der Theke, wartet auf Gäste und hört selbstvergessen Simon&Garfunkel. Er lässt sich nicht stören in seinem Traum – nicht durch meine Anwesenheit. Dann treten zwei junge Männer mit Baseballmützen ein, werfen Münzen in den Glückspielautomaten, lassen Techno-Sound rattern.Simon&Garfunkel müssen schweigen.

Der alte Steinbruch in Porth-y-waen ist abgesperrt, aber der kürzeste Weg würde dort hindurchführen, und ich durchschreite das Gelände. Hasen hoppeln davon, rennen über verrostende Bagger. Blechtüren an den stillgelegten Wellblechgebäuden scheppern, leere Fensterhöhlen glotzen mich an. Überall Hinweise auf Gefahr, Zutrittverbote, Stille. Es wird unheimlich, Elektrokabel ringeln sich auf dem Weg, eine Waage wartet auf Gewichte. Absperrungen noch und noch und als sich dann schwere Stacheldrahtverhaue vor mir erheben, packt mich der Schrecken, ich kehre um, mache einen Umweg und überschreite die Grenze nach Wales auf einem tiefmorastigen Feldweg.

Neugier und Abscheu

Im Lion Inn in Llanymynech erwartet mich Moni, sie hat ein Zimmer gefunden. Wir essen auswärts in einem Inn, wo die Leute aus der näheren und weiteren Umgebung am Samstagabend Frittiertes bestellen und suchen später unseren Wirt wieder auf. Er füllt uns die Pints und erzählt, was es mit diesem «Llan» auf sich hat. Plaudert und schwatzt und wendet sich allmählich anderen Gästen zu, die doch allmählich eintreffen. Wir spielen eine Runde Billard und Monika hält zum Zahlen aus Versehen einen Euro-Schein hin. Er bringt den Wirt völlig aus der Fassung: «Gib her, ich hab noch nie so einen gesehen.» Und er zeigt ihn den Gästen, reicht ihn herum, alle möchten ihn anfassen, tun es mit einer Mischung aus Neugier und Abscheu. Sie sind entsetzt über diesen Euro-Schein.

Auch wenn Tony Blair ihn will – den bekommt er nicht. So sagen sie. Der Euro soll fernbleiben – er führe zu nichts. Die Frau Wirtin hat gehört, dass er ständig wechsle in seinem Wert. Mit dem Euro wisse man nicht, was die Ware am nächsten Tag wert sei. Mal so, mal anders. Und dann kämen Gäste und hielten einen Euro hin – man müsste jeden Tag etwas anderes verlangen. So sei das mit dem Euro. Und deshalb müsse man ihn von Britannien fernhalten.
(Llanymynech, 18. Mai 2002)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.