Uetliberg und los, 17. Juli 2002

Eine Etappe ohne Gepäck: Ich will heute so weit ostwärts wandern wie möglich – und am Abend zurückkehren nach Zürich. Ein Tag im Regen.

In der Ostschweiz kämpfen die Feuerwehren gegen Überschwemmungen, im Emmental rutschen die Hänge, in Zürich regnet es einfach. Aber ununterbrochen. Moni steht früh auf, sie muss zur Arbeit. Ich kaufe ein paar Sachen zum Znacht ein, denn heute Abend will ich wieder zurückkommen.

Dem See entlang gehen, durch all die Dörfer, das mag ich nicht. Drum steige ich hoch auf den Üetliberg, in den Nebel hinein – mit der kleinen Hoffnung immerhin, er werde sich lichten, ich würde hinunter ins Knonaueramt, hinunter auf der anderen Seite zum See sehen. Ich sehe nichts, sehe höchstens fünfzig Meter weit, es schüttet unaufhörlich, von Stunde zu Stunde stärker, scheint mir. Die Pellerine schützt gut, die Hosen werden trotzdem nass und ich erinnere mich an Südengland, als das Wasser den Beinen hinunter in die Schuhe lief. Als ich plötzlich in einem See ging, und die Schuhe drei Tage brauchten, bis sie wieder trocken waren.
Tropfende Kühe
Zu sehen gab es: Bäume, tropfend. Vom Wind geschüttelt und in diesem Zustand noch heftiger tropfend. Nadelbäume, nicht so heftig tropfend. Ein Kiesweg, nass. Nass mit Pfützen. Einmal eine Weide mit braunen, ebenfalls tropfenden Kühen. Eine vierköpfige Familie auf einer Regenwanderung. Die beiden Mädchen liebten es, in Pfützen zu spielen. Die Eltern wären gern ein bisschen vorangekommen. Wegweiser, die zum Albis-Pass wiesen. Erst zweieinhalb Stunden. Dann anderthalb, eine Stunde undsoweiter. Meist waren sie im landesüblichen Gelb, einige auch älter und weiss. Zweimal oder vielleicht häufiger tauchten schemenhaft Häuser auf. Schindellegi.
Hatte immer ein bisschen diese Befürchtung, ich würde nun das Wasser in den Schuhen spüren und nahm mir fest vor, bei nächstbester Gelegenheit Gamaschen zu kaufen.
Planetenweg
Und: der Planetenweg – das Sonnensystem im Massstab eins zu einer Milliarde. Auf dem Uetliberg steht die Sonne mit einem Durchmesser von gut einem Meter. Nach wenigen hundert Metern der Merkur – nur ein Kügelchen, dann die Venus, bald einmal die Erde, auch sie kaum so gross wie eine Fingerbeere. Undsoweiter.
Sonst tropfende Bäume, klatschender Regen, und ich denke halt an die Planeten, der äusserste tauchte erst kilometerweit weg auf. Denke an die Anziehungskraft, welche die Sonne ausüben muss in diesem Universum. Es ist alles so schön aufgearbeitet und halt dennoch unvorstellbar. Das metaphysische Gruseln überkommt mich: Die Erde braucht ein Jahr für eine Sonnenumrundung, der Saturn bereits vierundachtzig. Ich wäre dort ein gutes halbes Jahr alt: hätte entweder nur Winter erlebt. Oder dann halt Sommer. Oder so. Oder anders. Kann einem leicht schwindlig werden mit solcherlei Gedanken in sommerlicher Nebelwanderung. In Hirzel steigt Rauch aus den Kaminen. Ich suche den Weg hinunter zum See, steige in Lachen in den Zug, fahre zurück nach Zürich, wo die Leute missmutig durch die Strasse eilen.
Moni und ich kochen Znacht, sie erzählt von der Arbeit. Draussen regnet es immer noch.
(Zürich, 17. Juli 2002)
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Karte

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Quelle

Bildlegende

Wandern im Regen.

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