Baselbiet, 15. Juli 2002

Harter Boden, warmer Schlafsack – Ausschlafen unter dem Vordach hat auch seinen Reiz. Ein Regentag wartet auf mich. Und fast alle Beizen im Baselbiet sind geschlossen an diesem Montag.

Kräftige Geräusche waren es, diese Nacht beim Einschlafen: hinten ein knackendes Feuer, über mir ein Marder im Dach udn ringsum der Regen, der aufs Vordach der Isletenhütte tropft, hinten das Feuer ersticken will, es aber nicht schafft. Erstmals auf meiner Reise ein Käuzchen irgendwo im Dunkel der Bäume. Aus den Dörfern unten im Tal hört man Glocken schlagen, und da oben ist kein Mensch. Nur einer im Schlafsack. Ich segelte hinüber in traumlosen Schlaf, erwachte ein paar Mal, und als aber als ernsthaft ans Aufstehen dachte, war halb elf.

Ich muss mich nach zweiwöchiger Pause erst wieder an den Wanderrhythmus gewöhnen: Erwachen, packen, aufbrechen, den Weg suchen.
Letzterer ist vorgegeben heute. Erst den Hühnersädel runter, durch nasse Sträucher, über rutschigen Pfad. Es ist – auf dieser Reise – fast unwirklicher, auf diesen bekannten Pfaden zu gehen, die ich so oft schon gegangen bin, als irgendwo durch eine fremde, bretonische Ebene. All die Leute kommen mir in den Sinn, mit denen ich hier schon war. Sie arbeiten jetzt irgendwo, stehen in ihrem Alltag und wahrscheinlich würde keiner auch nur im geringsten daran denken, dass man bei diesem Regenwetter über die Buuseregg gehen könnte.
Unerwartete Begegnung
Ich pflücke Kirschen von den Bäumen – und eigentlich schmecken mir Kirschen wirklich nur so, direkt vom Baum. Man kann die Steine einfach so ins Gras spucken. Zwei Frauen wandern mir entgegen, ich wische verschämt meinen Kirschenmund sauber, es könnten Bäuerinnen sein. Sind es aber nicht; die eine ist Ruth Gonseth. Sie war Nationalrätin, als ich Bundeshauskorrespondent war. Wir hatten öfters miteinander zu tun. Wir halten ein, reden, sie wundern sich über meinen grossen Rucksack, und so komme ich nicht umhin, von meinem Plan, meiner Reise, meinen Erlebnissen zu erzählen. Mir scheint, sie beneiden mich. Wir schwatzen und schwatzen, und es beginnt zu regnen.
Auf der Waldegg kaufe ich mir – gleichsam als Abbitte für all die geklauten Kirschen – ein Kilo Kirschen an einem Verkaufsstand, wo kein Mensch steht und man die Münzen in eine Kasse stekcen muss. Ich esse, was ich mag, ziehe weiter, erdulde erst gelassen den stärker werdenden Regen, setze mich dann im Schutz der Pellerine hin und warte auf Besserung. Die Farnsburg besuchen mag ich nicht, denn sie liegt oben im Nebel. Dann hört der Regen auf.
Ich nehme einen kleinen Umweg in Kauf, um nach Hemmiken hinunterzusteigen, in der vagen Hoffnung, es habe dort ein Restaurant offene Türen. Es steht ein Restaurant da, doch es ist geschlossen. Und ich fluche, als ich auch den Asphof geschlossen sehe. Schimpfe über die Baselbieter Dummköpfe, die den Tourismus forcieren wollen und es nicht schaffen, die Beizen gestaffelt zu schliessen. Immerhin kämpft sich die Sonne durch die Wolken. Ein Weg entlang den roten Flühen versöhnt mich wieder mit dem Tag, aber in Rothenfluh fluche ich erneut: Das Rössli ist geschlossen.
Im Bohnenfeld
Seit Wochen, nein, seit Monaten habe ich nicht mehr Höhenunterschiede überwunden wie hier. Stapfe zur Wenslinger Ebene hinauf. Eine Bäuerin fragt mich, ob ich auf einer Wochenwanderung sei, und ich bejahe. Wie sie da Bohnen jätet, möchte ich sie nicht erschrecken mit einer verrückten Geschichte, die sie ja wohl doch nicht glauben würde. Immerhin versichert sie mir, dass es in Oltingen noch immer einen Laden gebe.
Die Dörfer wirken eigenartig leer. Die Leute sind irgendwo an der Arbeit, im Tal unten, in den Büros und in den Werkstätten zum grossen Teil oder – die Bauern – auf den Feldern und auf den Kirschbäumen. Es ist sonderbar, an einer Baumgruppe, bestückt mit Leitern, vorbeizugehen und das Gemurmel aus dem Laub zu hören. Dort stehen sie auf den Sprossen, ganze Familien mit Verwandten, pflücken Kirschen, berichten und erzählen sich, was sie bewegt, erzählen dies und tratschen jenes. Sie hören den Wanderer gar nicht vorbeigehen.
Ist es, weil mich die Leute am Dialekt als Einheimischen erkennen? Jedenfalls sind sie sehr freundlich. Schon gestern, in der Turmwirtschaft Schleifenberg freute ich mich am munteren Geplauder beim Bestellen, beim Zahlen, an einer Freundlichkeit, die darüber hinweg half, dass es zum fettigen Speck keine Papierserviette gab. Was nur insofern von Belang war, weil ich mir die Finger irgendwo abstreifen wollte.
Kleenex statt Papiertaschentücher
Oder im Volg Oltingen. Wollte Papier-Nastücher kaufen. Was ich natürlich auch schon mal in Schottland versucht hatte, in Inverness: Es gab zwar keine, aber die beiden Verkäuferinnen hatten auf meine Frage hin alle Gestelle durchsucht. In Frankreich war man jeweils kürzer angebunden: Non, j´ai pas. Im Volg Oltingen: Nein, einzelne Päcklein haben wir nicht, aber nehmen Sie doch ein paar von diesen Kleenex hier.
Ich hatte nicht mehr daran geglaubt – aber der Ochsen in Oltingen war offen. Hatte zuvor das Grab von Beni besucht und fand es schön, in der Beiz, wo wir damals zusammen manch ein Bier getrunken hatten, einen Kaffee zu bestellen und den Gesprächen der Leute zuzuhören. Nahtlos wechseln sie von den rinnenden Dichtungen im AKW Gösgen zur «Blick»-Serie über die Single-Vermittlung, die Attraktion der Juli-Wochen. Einer der Singles sitze im Rollstuhl, sagt einer. Soll es geben, sagt ein anderer. «Wenn der genug Geld hat … warum nicht?» sagt ein nächster. Und der erste: «Jedenfalls haut der nicht mehr so schnell ab.»
Der Aufstieg auf die Schafmatt ist nach so langen Wanderungen in den Ebenen ungewöhnlich anstrengend. Über dem Mittelland hängen Wolken, hinter mir werden sie auch dichter. Ich hatte gehofft, im Naturfreundehaus übernachten zu können, doch es ist menschenleer und alle Läden verschlossen. Das grosse Vordach, so dünkt mich, sollte genügend Schutz bieten, und vielleicht ist der «Balmis» für ein Bier geöffnet. Hunde empfangen mich, die Tür zum Restaurant ist offen, ein Mann guckt Fernsehen und sagt mir, dass Ruhetag sei. Immerhin gibt er mir Wasser. Trinke nun vor dem Naturfreundehaus, mit Blick aufs verhangene Mittelland und aufs AKW Gösgen davon, wundere mich, warum so viele Hochspannungsleitungen über die Schafmatt führen, den Ausblick versauen, denk, dass ich die erste Hürde, nämlich den Jura, nach meinem Neustart überwunden habe, vom tiefsten Punkt des Baselbiets zu einem der höchsten gelangt bin und morgen das Mittelland zu einem rechten Stück durchschreiten werde. Zürich ist mein Ziel.
(Schafmatt, 15.Juli 2002)
« vorherige Etappe nächste Etappe »

Karte

https://maps.google.com/maps/ms?ie=UTF8&hl=de&oe=UTF8&msa=0&msid=205702434227154220987.0004be68ebe5adb87507b&t=p&ll=47.452701,7.879257&spn=0.081254,0.190544&z=12&output=embed

Quelle

https://maps.google.com/maps/ms?ie=UTF8&hl=de&oe=UTF8&msa=0&msid=205702434227154220987.0004be68ebe5adb87507b&t=p&ll=47.452701,7.879257&spn=0.081254,0.190544&z=12&output=embed

Bildlegende

Baselbiet unter mir – Regen über mir. Blick Richtung Rhein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.