Urs Buess

Der kurze Lebenslauf

Porträt Buess66 Jahre alt, verheiratet,
ein Sohn, ein Enkel und eine Enkelin

30 Jahre Journalismus

• ab September 2017: Redaktor mit Produktionsverantwortung bei der NZZ in Zürich
• 2015 – 2017: Freier Journalist und dergleichen mehr
• 2011 – 2014: Co-Chefredaktor TagesWoche und zuletzt Publizistischer Leiter
• 2004 – 2011: Mitglied Chefredaktion und stellvertretender Chefredaktor Basler Zeitung
• 1989 – 2004: Tages-Anzeiger (Bundeshaus-Korrespondent, Ressortleiter Inland, Mitglied der Chefredaktion, Korrespondent in Paris)
• 1983 – 1988: Basler Zeitung (Volontär und Absolvent Ringier-Journalistenschule, Inlandredaktor)

10 Jahre Lehrer

• Dozent am Lehrerseminar Chur (Deutsch und Methodik des Deutschen)
• Lehrer am Plantahof Landquart (Deutsch für Italienischbündner)
• Vikar an Realschulen Baselland und Sekundarschulen Basel-Stadt
• Primarlehrer in Domat/Ems und Mastrils (Graubünden)

20 Jahre Schulen

• Kindergarten bis Matur Typus B in Itingen, Sissach, Liestal
• Lehrerseminar Chur
• Universität Basel phil. I
• Gegenwart und Zukunft: Autor und auf Anfrage offen für vieles ⇒ ubu@ursbuess.ch

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Der etwas längere
Lebenslauf

Am frühen Nachmittag des 12. September 1953 hat der diensthabende Arzt in der Geburtsabteilung der Berner Klinik Salem, der mir nicht bekannt war und es heute noch nicht ist, nach der Zange gerufen und mich aus dem Mutterleib gerissen. Am 24. Oktober desselben Jahres soll ich laut Eintrag meines Vaters in meinem Fotoalbum erstmals gelächelt haben, anfangs März 1954 drückten die ersten Zähne und am 10. Oktober 1954 machte ich die ersten erfolgreichen Gehversuche – von Vater zu Mutter.

Weil meine Grossmutter mütterlicherseits es am Herzen hatte und den Haushalt des bäuerlichen Betriebs nicht mehr bewältigen konnte, zogen meine Eltern von Zollikofen bei Bern ins Baselbiet auf das Gut meines Grossvaters, wo meine Mutter für ebendiesen Haushalt sorgte. Nach dem Mittag pflegte meine herzkranke Grossmutter jeweils ein Erholungsschläfchen mit dem Enkel an ihrer Seite zu machen. Dabei verstarb sie eines Tages. Meine Mutter fand mich brüllend neben ihrer toten Mutter. Kurz darauf soll ich meine ersten Worte formuliert zu haben: «Cholduss.“ («Kalt draussen»)

Meine erste Erinnerung betrifft ein Gespräch mit meinem Grossvater. Wir standen in dunkler Nacht hinter dem Hof und er erklärte mir, dass auch seine längste Leiter nicht bis hinauf zum vollen Mond reiche. Ich konnte das fast nicht verstehen. Grossvater bestellte den Hof mit der Zugkraft zweier Pferde, auf die er mich manchmal setzte. Die Väter meiner Freunde im Dorf fuhren bereits Traktor. Wir waren die letzten, die auch einen anschafften. Seither faszinieren mich Traktoren.

Mutter und Vater erzogen mich und meine drei Geschwister streng und liebevoll. In der Schule waren wir ganz gut, und am 18. April 1963 nahm mich der Lehrer erstmals an ein Fussballspiel im Basler St. Jakobstadion mit. Der FC Basel gewann gegen Servette Genf 2:1. Ein Mittelfeldspieler von Servette hatte einen lahmen Arm.

Frühe Heirat

Als sich die Kinderzeit der Pubertät zuneigte, verliebte ich mich in die wunderschöne Erna. Diese Liebe hielt lange an, wir haben uns auch einmal geküsst, aber entweder war die Zuneigung etwas einseitig oder ich war zu scheu. Nach der Matur mit Latein sah ich sie nie mehr. Dafür traf ich am Lehrerseminar Chur Fiorella. Wir steuerten alsogleich die Ehe an, so dass ich mit 21 ein verheirateter Lehrer im bündnerischen Mastrils und sie mit 18 eine Lehrersgattin war.

Unser Sohn Rino kam erst sechs Jahre später zur Welt. Seine Mutter war da bereits an der Kunstgewerbeschule und ich studierte Deutsch, Geschichte und Philosophie, bis ich eines Morgens mit einer ebenfalls verkaterten WG-Genossin am Frühstückstisch sass und wir in der Zeitung das Inserat für die Aufnahmeprüfung in die Ringier-Journalistenschule lasen.

Start in den Journalismus

Wir wurden 1983 beide aufgenommen, sie arbeitete als Volontärin beim Blick, ich als Volontär bei der Basler Zeitung. Als ich dort später meinen ersten Kommentar als Inlandredaktor über Atomkraftwerke schrieb, sagte mein Ressortchef, der Kommentar sei sehr gut, aber mit ihm werde ich auf dieser Zeitung keine Karriere machen. Da mir «Karriere» gar nicht so viel sagte, schrieb ich weiterhin Kommentare zur Energiepolitik, zu Waldsterben, Tschernobyl und Schweizerhalle und merkte dann allmählich, was mein Ressortchef mit Karriere gemeint hatte. Und zwar dann, als der Chefredaktor mir vorwarf, ich verkehre in den falschen Kreisen.

Ich kündigte und fand 1989 beim Tages-Anzeiger Asyl. Zwei Jahre später las ich dann in der von der Bundespolizei über mich angefertigten Fiche, in welchen falschen Kreisen im mich bewegt hatte. Ich war unterdessen Bundeshaus-Korrespondent des Tages-Anzeigers und erlebte die Aufregungen der Schweizer Politik in der ersten Hälfte der 90-er Jahre sozusagen im Zentrum des Politgeschehens: Vom Kopp-Skandal über Fichen, Geheimarmee bis zur EWR-Debatte.

Es war eine tolle Zeit auf einer engagierten Redaktion. Nur mit Chefredaktor Roger de Weck konnte ich es nicht so gut. Als ich mich hingesetzt hatte, um meine Kündigung zu schreiben, unterbrach mich ein Anruf vom diensthabenden Inlandredaktor – er hiess Markus Somm –, der mir sagte, Roger de Weck habe sein Amt soeben niedergelegt. Ich schrieb die Kündigung nicht mehr zu Ende und sass einige Monate später mit de Wecks Nachfolgerin Esther Girsberger beim MBA (Mitarbeitergespräch). Wir führten es auf der Dachterrasse ihrer Wohnung bei einer Pizza vom Kurier und Wein aus ihrem Keller.

An jenem Abend machte ich einen Karriereschritt: Ich sollte Inland-Ressortleiter werden. Nachdem ich in dieser Funktion vor den Wahlen 1999 einen Leitartikel unter dem Titel «Wer SVP wählt, schadet der Heimat» geschrieben hatte, bat mich Verleger Hans-Heinrich Coninx, per Frühjahr 2000 in die Chefredaktion zu wechseln.

Die grosse Wanderung

Meine Kollegen von der Chefredaktion und überhaupt die meisten Redaktionsmitglieder zweifelten an meinem Verstand, als ich mein Amt im Frühjahr 2002 niederzulegen gedachte. Ich wollte nämlich im Vollbesitz meiner körperlichen Kräfte – immerhin war ich nun bald 49 Jahre alt – sehen, wie gross eigentlich Europa sei, und aus diesem Grund vom Norden Schottlands nach Sizilien wandern. Sozusagen zum Dank für meine geleisteten Dienste, vertraute mir der Tages-Anzeiger nach meiner Rückkehr von dieser Wanderung den Korrespondentenposten in Paris an.

Da mein Sohn unterdessen mit Kollegen eine Wohngemeinschaft in meiner Wohnung gegründet hatte, war ich ganz froh, mich in Paris nach einer neuen Unterkunft umsehen zu können. Dort beobachtete und beschrieb ich, wie sich die einst Grosse Nation in der Irak-Krise mit Deutschland gegen Amerika und England verbündete, erlebte in der Stadt, auf dem Land und bei den teils freundlichen, teils abweisenden Leuten allerhand Bemerkenswertes, das ich in die Zeitung meines Zürcher Arbeitgebers hineinkorrespondierte.

Heimkehr und erneute Heirat

Da erreichte mich der Anruf des Basler Verlegers Matthias Hagemann, der sich erkundigte, ob ich daran interessiert wäre, beim Neustart der Basler Zeitung mitzuhelfen. Ich erkundigte mich bei meinem Sohn, ob in der WG noch ein Zimmer frei wäre und verliess den Pariser Korrespondentenposten des Tages-Anzeigers im Frühjahr 2004. Das war auch insofern von Gutem, weil meine verehrte Monika Zech es allmählich satt hatte, ständig nach Paris zu reisen oder mich aus Paris über ein Wochenende zum Besuch zu erwarten. Wir zogen denn auch bald zusammen und heirateten am 29. Februar 2008.

Doch nach der Rückkehr aus der Fremde hatte meine Aufmerksamkeit zuerst dem Relaunch der Basler Zeitung gegolten. Er stiess auf unterschiedlichstes Interesse, die Redaktion wurde etwas frecher und der Verleger musste uns im Herbst 2009 mitteilen, dass er die Zeitung zu verkaufen gedenke.

Sehr schwindlig

Als mir Markus Somm dann ein Jahr später, am 27. August 2010, eröffnete, er werde unter dem ihm nicht genau bekannten, neuen Besitzer Chefredaktor, beschloss ich, als sein Stellvertreter zu amten. Da Markus Somm, der mich als seinen persönlichen Freund bezeichnete, mir jede Woche neue und andere Leute vorschlug, die er per Ende Monat zu entlassen gedenke und es dann doch nicht tat oder wenn er jemanden entliess, dann wieder einen anderen, wurde mir sehr schwindlig. Er hatte es nicht gern, wenn ich ihn einen Ideologen nannte. Er verfolge vielmehr eine Mission. Es schwindelte mich noch mehr und ich trat im Frühjahr 2011 aus der Basler Zeitung aus.

Den Schluss meiner bisherigen Palmares bildet die Zeit bei der hybriden TagesWoche – hybrid ist: eine gedruckte Wochenzeitung mit täglicher online-Berichterstattung – , die ich von 2011 bis 2013 als Co-Chefredaktor leitete. Ich tat so gut, dass ich im Mai 2013 als Publizistischer Leiter zusammen mit zwei Millionären in den Verlegerausschuss befördert wurde. Und ich war so blöd, dass ich erst nach vier Monaten merkte, dass man mich mit diesem Karriereschritt einfach kaltstellen wollte. Im Verlegerausschuss entwickelten wir Projekte, die niemand umzusetzen gedachte, weil die neuen Drahtzieher die TagesWoche in ein Beschäftigungsprogramm mit Experimentalcharakter umwandeln wollten.

Seither lasse ich mich nun von da und von dort anheuern, um Artikel zu schreiben, beratend an Projekten mitzuwirken und bin gern bereit, weitere Anfragen und Angebote zu prüfen. Alles in allem eine unstete Aufgabe. Im April 2017 las ich in der NZZ zum wiederholten Mal eines dieser Plädoyers, dass Leute länger arbeiten sollten. Ich setzte mich hin und schrieb: Und so «habe ich mir gedacht, dass ich in einer Mediengruppe, die so intensiv dafür wirbt, dass ältere Arbeitnehmer im Erwerbsleben bleiben sollen, da sie ja so viel Knowhow mitbringen, am richtigen Ort wäre. Ich werde demnächst 64 Jahre alt und gehe davon aus, dass Sie nicht Wasser predigen und Wein trinken, sondern auch Bewerbungen von älteren Herren ernst nehmen.» Und so kommt es, dass ich bei der NZZ als Redaktor mit Produktionsverantwortung arbeite – zu 60 Prozent allerdings nur, damit mir noch genügend Zeit für allergattig anderes bleibt.

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