Zurück in die Normalität, 19. September 2018

Koblenz – Bonn: Die mittelrheinische Idylle weicht in spätseptemberlicher Wärme behutsam städtischem Ambiente und in Bonn rächt sich, dass wir so unbekümmert und sorglos drauflos gefahren sind, ohne uns rechtzeitig um eine Unterkunft zu kümmern.

Die Landschaft wird wieder urbaner

Köln als Ziel. Dort sollte die Reise enden. Die Velos sind unterdessen eingefahren, die Knochen auch. Irgendwie. Aber das Sitzen auf dem Sattel – na ja. Die morgendliche Kühle bleibt aus, es ist schon um halb elf recht warm und das hat so etwas Apokalyptisches in dieser Jahreszeit. Besonders auch, wenn man über die dürren Felder und trockenen Rebberge schaut. Ein bisschen Angst macht diese Trockenheit. Liegewiesen und Kinderspielplätze sind sandig grau wie in Italien oder Spanien. Der Rhein nicht gerade ein Rinnsaal, aber das Wasser hat sich weit vom Ufer zurückgezogen, nacktes Gestein als Flussbeet, manchmal Kies, die flussaufwärts ziehenden Frachtschiffe sind nur zur Hälfte beladen, die Schiffe liegen nicht tief im Wasser. Ein bisschen unheimlich das Ganze.

Ein AKW-Kühlturm taucht auf. Das Werk Mühlheim-Kärlich bei Urmitz ist allerdings nie in Berieb genommen worden und doch rattert und tschätteret es beim Vorbeifahren ziemlich von oben herab. Es ist ein Bagger, der oben am Rand des Kühlturms klebt und den Beton wegknabbert. Sieht abenteuerlich, verwegen, aber aus der Ferne auch ein bisschen putzig aus.

Bei Leutendorf folgten wir einem vor uns fahrenden Radler-Paar in eine schattige Gartenwirtschaft mit hohen Bäumen, wo uns eine resolute Kellnerin in einem grauen Leinenkleid mit mittelalterlicher Gürtelschnalle ein Apfelschorle bringt und fragt, ob sie von uns auch ein Bild schiessen muss. Etwas verdattert reicht ihr Moni das Handy und sie knipst. Moni sucht dann noch die Toilette auf und berichtet, dass an diesem Ort offenbar Filmabende fürs Fernsehen – so Rheinlust-Serien – gedreht worden seien. Im Gasthof würden Bilder mit Heino und dessen Autogrammen hängen, der sich bedankt habe für die schönen Stunden.

Die unheimlichen Brückenköpfe bei Remagen
Dann wird es ziemlich heiss. Der Weg steigt und fällt, auf- und abwärts. Ein bisschen haben wir die Schnauze voll. Bonn naht. Zuerst aber noch auf den Brückenkopf von Remagen, wo die Geschichte dieses tragischen Zweit-Weltkriegs-Kapitels aufgezeichnet ist. Gegen Ende des Kriegs war der Sprengstoff der Deutschen von offenbar so mieser Qualität, dass sie die Brücke vor dem Anmarsch der Alliierten nicht mehr sprengen konnten. Sie soll nach der Zündung und Detonation nur leicht aus ihren Lagern gehüpft sein statt im Rhein zu versinken. Wehrmachtsmajor Gert Scheller hat dafür mit tödlichem Genickschuss büssen müssen, weil seine Vorgesetzten glaubten, er habe die Brücke für die anmarschierenden, gegnerischen Truppen stehen lassen wollen. Ein paar Tage später stürzte sie dann doch ein und riss eine Anzahl Amerikaner in den Tod. Die beiden schwarzen, noch stehenden Türme am Brückenkopf sind ein gruseliges Mahnmal.

Weiter unten überqueren wir auf der Fähre den Rhein und stiegen bei Bad Godesberg wieder in den Sattel. Vier, drei, zwei Kilometer an Villen, herrschaftlichen Häusern, Palästen, Kongresszentren vorbei und dann hinein ins Zentrum. Wir haben Mühe, ein Hotel zu finden. Im Tourist-Informationszentrum erhalten wir die Adresse vom Hotel Aigner. Wir fahren hin, aber es ist ausgebucht. Der wirklich nette junge Mann an der Rezeption erliegt Monis Charme und telefoniert etwa eine halbe Stunde lang die Bonner Hotels ab. Nichts, gar nichts, nada. Irgendeine Messe in Köln, dazu Kongresse in Bonn. Alles voll.

Wir sitzen auf zwei Hockern vor einer Knelle grad neben dem Hotel Aigner, bestellen einen Weisswein und ein Bier und der Kellner fragt: «Einen Deckel oder zwei?» Wir sind überfordert. Er fragt: «Getrennt oder zusammen?» Wir sagen zusammen und er macht mit seinem Kugelschreiber zwei Striche auf einen Bierdeckel. Würden wir getrennt zahlen, nähme er zwei Bierdeckel und kritzelte je einen Strich auf einen Deckel. So geht das. Soviel hätten wir nun begriffen, aber ein Zimmer haben wir noch keins. Wir telefonieren in den Vororten herum, dann versuche ich es auf Ebooker und dort sehe ich ein Design Invest Hotel in Bad Godesberg für 167 Euro. Als ich es zu reservieren versuche, hüpft der Preis hoch, weil noch die Reinigung draufgeschlagen wird. Wir nehmen’s trotzdem. Der Kellner kommt, zerfetzt den Bierdeckel und kassiert.

Im Design Invest Hotel
Mit dem Handy als Navigationsgerät fahren wir die Strecke, woher wir kamen, zurück. Durch Feierabendverkehr und lauschige Godesberger Quartiere. Ein bisschen freuen wir uns allmählich über einen launigen Abend im früheren Beamtenquartier, wo überall einladende Cafés und Beizlein stehen, doch das Navy treibt uns weiter und weiter und weiter, bis die Bauten zusehends ihre mittelständische Behaglichkeit verlieren, zu funktionalen Wohnblocks werden, später zu restaurationswürdigen, gar zu renovationsbedürftigen. Storen hängen schief. Autos haben Kratzer und Beulen, Mopeds rattern, Töffs stinken, Fahrradketten quietschen, Frauen tragen in zunehmender Zahl Kopftücher und die Männer Bärte. Ausser Lidl und Rewe prangen an den Läden neben deutschen auch arabische Inschriften und da sagt mein Handy, dass wir am Ziel seien. Ich suche die Hausnummer, wo unsere Design Hotel sein soll, stosse die Tür auf und ein junger Mann blickt mich erschrocken an. Ich sage «Zimmer» und er zuckt mit den Achseln. Dann kommt ihm etwas in den Sinn, und er bittet mich mit einem klaren Handzeichen, ihm zu folgen. Vier Häuser weiter sitzt ein Mann in ausgetragenem Anzug und zu kurzer Hose, allerdings mit Kravatte unter dem Pullunder und erinnert sich, dass wir vor einer Stunde kurz telefoniert haben. Er zieht einen Schlüssel aus der Tasche, wir gehen zu den Velos und er sagt, für diese Fahrräder könne er nicht garantieren. Ausser wir würden sie ins Appartement nehmen. Der Lift ist so klein, dass ein Velo nur hochgestellt reinpasst, aber der Mann mit dem unpassendem Anzug zwängt sich trotzdem hinein. Zuerst ein Velo, dann das andere, dann das Gepäck und dann in die Wohnung. Sie ist riesig. Ledersofas stehen herum, ein Fernseher, der kein Signal empfängt, eine Toilette ohne Papier, aber alles mit schwarzem Stein ausgelegt und dazu ein Balkon. Es stinkt heftig nach irgend einem Raumduft.

Der Mann geht. Wir duschen und wollen etwas zum Trinken und WC-Papier kaufen drüben im Rewe. Der Rewe hat alles. Wir stellen uns eine kleine Platte zum Nachtessen zusammen, die wir auf dem Balkon zu essen gedenken, bleiben aber auf dem Heimweg lange in einer Beiz hängen und schauen dem bunten Treiben zu.

Nachts dreht einer mit seinem Auto kreischend Runden im Hinterhof. Kinder und Frauen rufen sich dies und das zu, später nur noch die Frauen, einer schimpft, in unserem Haus schlagen die Türen und irgendwann schlafen wir dann ein.

86 Kilometer

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