Zur Wirtin vom «Schiff», 13. September 2018

Strassburg – Rastatt: Zurück im Badischen holpern wir auf Schotterwegen über Rheindämme und geraten in ziemlich heftigen Regen.

Der rechtsrheinische Radweg nach Rastatt verläuft meist oben auf dem Damm

Bevor wir Strassburg verlassen, statten wir den beiden Velomechanikern, die auch ein Café führen, einen Besuch ab. Sie fragen, ob mit dem Velo etwas nicht in Ordnung sei, doch wir sagen, doch, doch, wir hätten nur gern einen Kaffee. Sie zeigen uns ihren sehr originell eingerichteten Laden, in dessen Toilette zum Beispiel ein Velo eingemauert ist.

Der Weg führt dann über verschiedene Brücken und durch Parks irgendwann über den Rhein nach Kehl und dort durch viel Industriegebiet und nach vielen Wendungen zu einem geschotterten Pfad dem Fluss entlang. Meist liegt er auf dem Damm, die Aussicht ist gut, auch wenn man nicht viel anderes als linkerhand die Uferbewaldung und das Wasser und rechterhand eine Autostrasse sieht. Der Himmel bedeckt, die Temperatur angenehm.

Verlorene Träume, dumpfe Wünsche
Manchmal ist der Schotter etwas gar weich und dann sausen wir bei der nächstbesten Abzweigung den Damm runter und fahren auf der Teerstrasse, bis ein paar aufeinanderfolgende Lastwagen uns wieder auf den Damm hinauf treiben. Ein Wegweiser zeigt nach Rheinau. Dem folgen wir. Doch zuerst kurven wir durch Freistett, gelangen in eine Gewerbezone, wo Lidl und Aldi miteinander um Kunden aus dem Elsass drüben wetteifern, dazu ein paar andere Geschäfte, der Parkplatz voller Franzosenautos, weil‘s hier wohl billiger ist als drüben. Wir denken, wie seien falsch gefahren und wenden. An einer Mauer prangt eine aufgesprayte Deutschland-Flagge und im gelben Teil des Wappens «wir sind stolz». Es wundert uns nicht, dass da, in dieser leicht trostlosen Gegend so gesprayt wird – verlorene Träume gebären dumpfe Wünsche. Der Himmel grau und dann kommt doch noch Freistett, wichtigster Ort in Rheinau. Zuerst sehr schmuck, Riegelhäuser, ehemalige Bauernhäuser und so. Tot renoviert. Ein Wegweiser zeigt den Weg zu «Kultur im Stall». Später, als die Häuser, ein- oder allenfalls zweistöckig werden und so grau wirken wie unterdessen der Himmel, kehren wie in einer Beiz ein und bestellen einen Salat mit Spiegelei. Wir sitzen auf der Terrasse, die blonde Tochter der Serviererin macht drinnen im düsteren Gastraum Hausaufgaben.

Auf der Weiterfahrt fahren wir ein paar Mal falsch, bis uns ein Paar aus dem Elsass begegnet und begleitet. Die beiden wohnen in der Nähe von Strassburg. Sie sind mit dem Velo unterwegs an einen Ort weiter rheinabwärts, wo in einem Outlet günstige Outdoor-Sachen zu kaufen sind. Der Mann muss neue Sportschuhe haben. Er erzählt, dass er früher regelmässig den Engadiner Marathon gelaufen sei. Jetzt ist ihm die Schweiz aber zu teuer geworden. Er ist seit 16 Jahren Rentner, sagt er. Wir begleiten einander bis Drusenheim, wo es stark zu regnen beginnt und wir für eine Weile Unterschlupf in einer Fährtrinkstube finden. Es hört auf zu regnen, doch auf dem Weg nach Iffezheim schüttet es dann wieder ziemlich heftig. Ein mit Container überladener Frachter schnauft gegen die Strömung.

Nicht arm, aber pflotschnass
Man bekommt unter der Regenpelerine gar nicht so viel mit von der Landschaft und irgendwie erreichen wir dann das Hotel Schiff in Rastatt. Dort begegnet uns einerseits überlebensgross das Bildnis der verstorbenen Sibylla Augusta (1675 – 1733), eine Badener Gräfin, die uns auf den Weg gibt: «Man möge sich aller Zucht und Höflichkeit befleissigen und jedem Ehrerbietung erweisen.» Kaum haben wir das zur Kenntnis genommen, eilt die Wirtin vom Hotel Schiff, wo wir von unterwegs ein Zimmer reserviert haben, aus dem Haus, kommt im strömenden Regen auf uns zu, als ob sie uns schon längst erwartet und bereits ein bisschen vermisst hätte, und ruft: «Ach, Ihr Armen.» Arm sind wir zwar nicht unbedingt, aber pflotschnass. Die sehr nette und auch fröhliche Frau tut alles, um uns unsere Ankunft zu erleichtern, bietet an, die durchnässten Schuhe in einem Trockenraum zu behandeln und vieles andere mehr.

Wir wärmen uns auf, folgen der Empfehlung der Wirtin und schlendern zum Engel. Der ist aber geschlossen. Dafür geht im Ratsstubl die Post ab. Ein bekannter Autor von Rastatt – mehr haben wir über ihn allerdings nicht erfahren, ausser dass er ein Autor sei – amüsiert sich mit Kollegen und mit Witzen, die nicht unbedingt schriftlich festgehalten werden müssen, köstlich. Das Essen ist fein, der Wein auch. Und dann schleppen wir uns mit schweren Beinen zurück zum Schiff. Zum Hotel Schiff. Bevor wir eintraten, grüssen wir ehrerbietig Markgräfin Sybilla Augusta.

83 Kilometer

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