Heikle Weltpolitik auf dem Laufband

Stammtischgespräche im Fitnesscenter können einen ganz schön ins Schwitzen bringen.

Weltpolitik

Immer diese Konflikte

Die letzten zwanzig Minuten gehören dem Laufband. Zuerst war Aufwärmen auf dem Velo, dann der Parcours an den Kraftmaschinen zur Stärkung der Rückenmuskulatur und anderer Partien. Ist etwas eintönig, dafür gesund. Allerdings auch ein bisschen beschämend, denn ich muss auf jedem Gerät das Gewicht von 70 auf 40 Kilo, von 60 auf 30 oder so runterstellen. Mit mir trainieren nämlich grad Muskelpakete. Kurze Hosen, Trägerleibchen, wilde Tattoos. Manchmal stellen sie sich vor den Spiegel, spannen mit prüfendem Blick ihre Muskeln – hei, wie sich das ballt unter der Haut. Nur Kraft, kein Gramm Fett. Sie reden über Eiweiss, Kohlenhydrat, einer nimmt das Eiweiss nur in flüssiger Form, Mann! Balkanslang, Kroaten oder Serben, ich kenn mich da nicht so aus.

Dann zum Abschluss das Laufbahn. Das äusserste links ist frei, ganz rechts aussen schwitzt Frédric, zwischen uns eine Frau und ein junger Mann. Der Hintergrund-Soundteppich wird durch einen Nachrichtenblock unterbrochen. Toni Brunner von der SVP möchte, dass National- und Ständeräte nur noch 30’000 Franken im Jahr verdienen, sagt der Nachrichtensprecher.

Immer diese SVP

«Diese Arschlöcher», ruft mir Frédric über die junge Frau und den Mann hinweg zu. «Dann können nur noch die reichen Säcke Politik machen.»

Ich habe das Band auf 7,2 Kilometer pro Stunde eingestellt, lockerer Laufschritt, schon zwei Minuten.

«Wann merkt das Volk eigentlich, was die vorhaben?» fragt Frédric. Ich nicke ihm zu.

«Hast du die Arena am Freitag gesehen?» Ich habe sie gesehen, schüttle aber den Kopf. Auch lockerer Laufschrift ist anstrengend, Frédric hat nur zügiges Gehen eingestellt.

«Blocher war wieder dabei», sagt er. «Und alle waren in seinem Bann. Sogar die SP-Frauen haben jedes Statement angefangen mit: ‚Was Herr Blocher sagt …?’ Unglaublich. Wann merken die Leute eigentlich, was diese SVP will.»

Tour d’Horizon

Der Mann neben mir erhöht das Tempo. Die junge Frau trägt Kopfhörer. Frédric ist bereits in Deutschland angelangt. Schätzt die Lage der Energiewende ein. Wechselt zu Ölfracking in den USA, zu den sinkenden Ölpreisen. Der Mann neben mir wirkt verärgert, hat noch höher eingestellt, ich erhöhe auch in der Hoffnung, Frédric würde meine Konzentration auf die läuferische Herausforderung respektieren.

Bei Minute dreizehn steigt der Mann vom Laufbahn, die Frau mit den Kopfhörern hat sich bereits verzogen. Die Muskelmänner auf den Kraftmaschinen werfen uns genervte Blicke zu, Frédric vor allem, aber ich bin auch gemeint. Denn er redet ganz offensichtlich auf mich ein.

Bei Minute siebzehn sind wir via Afghanistan, Irak, Syrien wieder in Deutschland angelangt. Es geht ums Verhältnis von Merkel zu Putin, den er für einen hintertriebenen, verlogenen Lumpenhund hält. Da erhebe ich – die Laufbänder zwischen uns sind ja frei – Einspruch und sage – unterdessen hab ich wieder auf 7,4 Kilometer runtergetunt – so einfach könne man das auch nicht sehen. Es sei schliesslich auch nie abgemacht gewesen, dass die Nato bis an die russische Grenze vorrücke. Dann kommt Frédric mit der Krim, wo ich auch eine etwas andere Sichtweise habe.

Und es sind doch Serben

Die Muskelmänner nervt das Geschwätz, dünkt mich. Sie zischten sich manchmal auf serbisch oder kroatisch – so genau konnte ich das bis Minute 19 auch nicht bestimmen – entsprechende Sprüche zu. Doch genau zu Beginn dieser Minute 19 zieht Frédric Parallelen zwischen Putin und den Serben, die den Russen in Sachen Verlogenheit und Durchtriebenheit in nichts nachstehen. Nun ist mir trotz mangelnder Kenntnisse des Kroatischen und Serbischen plötzlich klar, dass diese kräftigen Männer dort definitiv keine Kroaten sind. Wie die uns jetzt anstarren …

«Gehst du über Weihnachten wieder ins Wallis?» keuche ich.

«Nein, gehe ich nicht. – Was die Serben mit den Albanern …»

«Hast du deine Wohnung im Wallis nicht mehr?» …… 19 Minuten 55 Sekunden, 19 Minuten 56 Sekunden, 19 Minuten 57 Sekunden, 19 Minuten 58 Sekunden, 19 Minuten 59 Sekunden, 20 Minuten. «Also, Frédric, bis zum nächsten Mal.»

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.